Den Kaffee organisiert der Konzernchef höchstpersönlich. «Milk and sugar?» Peter Rothwell legt sich ins Zeug, um an seinem neuen Arbeitsort im 5. Stock des Kuoni-Hauptsitzes in Zürich als guter Gastgeber aufzutreten. Die Bedienung der Kaffeemaschine im Nebenraum gehört zu den ersten Handgriffen, die der frisch gebackene CEO von Kuoni an seiner neuen Wirkungsstätte verinnerlicht hat. Das liegt nicht daran, dass er noch keine Sekretärin eingestellt hat, sondern an seiner Einstellung: Chefallüren kennt Rothwell nur vom Hörensagen.

Die Stimmung des 49-jährigen Briten ist aufgeräumt, ebenso sein Büro. Das erstaunt, hat doch der neue mächtigste Mann im Schweizer Reisemarkt seit seinem Stellenantritt vor gut sechs Wochen erst wenige Tage darin verbracht. Statt-dessen ist er fast ständig auf Achse. Eine intensive Vorstellungstournee führt ihn durch die wichtigsten Länder und Märkte, in denen der internationale Reisekonzern Geschäftseinheiten führt. Auf dem Programm stehen Gespräche mit dem gesamten Management und allen wichtigen Aktionären.

Büroeinrichtung vom Vorgänger

«Das Büro ist deshalb so ordentlich, weil ich noch nichts angefasst habe», löst Rothwell mit Schalk im Gesicht das Rätsel auf. An den Wänden hängen noch die Bilder seines Vorgängers Armin Meier, der Rothwell 2004 bei der Nachfolge-regelung des damaligen Kuoni-Chefs Hans Lerch vor der Sonne stand. Auch ein Teil von Meiers Büromöbeln sind nach dessen abruptem Abgang Ende 2007 als Relikte zurückgeblieben. Rothwell ist ein dankbarer Erbe und hat nicht vor, den Raum komplett neu einzurichten. Er sei kein Designer, sondern wolle hier erfolgreich ein Unternehmen führen. Deshalb nutzt er die knappen Zeitressourcen zielgerichtet für seine Einarbeitung.

Anzeige

«Ich möchte mein neues Umfeld rasch kennen lernen und dann voll loslegen», gibt sich der in Manchester aufgewachsene Rothwell voller Tatendrang. Kontakte mit der Schweizer Presse gehören für ihn ebenso zu dieser Phase des Kennenlernens. Ob er das Interview in Englisch führen dürfe, fragt er quasi entschuldigend, obschon sein Deutsch für einen Briten akzentfrei daherkommt. Auch Französisch hätte das Sprachtalent als Alternative zu bieten.

Dort sei er sattelfester, weil sein Vater in Oxford einst französische Literatur unterrichtete. Als junger Rebell war Rothwell eigentlich fest entschlossen, nicht in die Fussstapfen seines Vaters und seiner beiden Brüder zu treten, die ebenso Sprachen studierten. Zwecklos. «Am Ende landete ich in Oxford und studierte Sprachen.» Die deutsche Konversation sei ihm aber etwas abhanden gekommen. Nach seinem Abgang Ende 2007 bei TUI, wo Rothwell in der Konzernleitung sass, musste er mit dem Start bei Kuoni wegen einer Konkurrenzklausel ein Jahr zuwarten.

Anstatt Fremdsprachenkenntnisse zu pauken, nutzte Rothwell den unfreiwilligen, aber bezahlten Sabbatical zur exzessiven Aus-übung seiner vielfältigen Hobbys. Der passionierte Pilot und stolze Besitzer eines vierplätzigen Sportflugzeugs der Marke Twin Star DA42 erwarb eine amerikanische Kommerzlizenz und absolvierte seinen Erstflug im Helikopter.

Im Twin Star hebt der Vielflieger mit seiner zweiten Frau, dem gemeinsamen vierjährigen Sohn und zwei Schäferhunden auch regelmässig in die Ferien ab. Sein grünes Gewissen bleibt dabei nicht auf der Strecke: «Mein Flugzeug verbraucht weniger Treibstoff als ein Durchschnittsauto», ergänzt Rothwell, der heute per SBB zur Arbeit fährt. In Südafrika lernte er vergangenes Jahr zudem reiten.

Zeitfaktor gewinnt an Bedeutung

Daneben war Rothwell nicht weniger als drei Monate im Schnee unterwegs. Den begeisterten Skifahrer und Tourengänger zieht es oft in die Berge. Neben dem österreichischen Vorarlberg zählt er die Walliser Alpen zu seinen Stammhängen. Insofern fühle sich sein berufsbedingter Umzug von einem Londoner Vorort in die Schweiz fast wie eine Heimkehr an. In der Zuger Altstadt hat er mit der Familie eine Wohnung mit Alpenblick bezogen, die für den Briten dem «helvetischen Heile-Welt-Image» entspricht. «Genau so stellen sich Ausländer die Schweiz vor.» Sein nächstes Skiabenteuer sucht er in Graubünden. «Weil es aus Zürich schneller zu erreichen ist.»

Der Zeitfaktor nimmt für Roth-well nach dem Zwischenjahr wieder eine zentrale Rolle ein. Das weiss der Vollbluttouristiker und ist sich seiner schwierigen Mission bei Kuoni bewusst. Die ganze Reisebranche geht schwierigen Zeiten entgegen. Davon bleibt auch der Schweizer Primus nicht verschont. Die Aussicht auf einbrechende Buchungszahlen hat den Konzern sogar veranlasst, bereits im Vorfeld der Bilanzpräsentation vom 19. März 2009 ein umfassendes In- vestitions- und Kostensparprogramm öffentlich zu machen. Ist da der CEO erstmals vorgeprescht? «Der Entscheid für die proaktive Kommunikation wurde mit der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat gefällt», so Rothwell.

Der Brite ist mit der festen Absicht gekommen, beim grössten Schweizer Reiseveranstalter nachhaltig etwas zu bewegen und einen prägnanten «Footprint» zu hinterlassen. «Damit will ich sofort beginnen.» Geduldig sei er nicht, räumt Rothwell ein. Das sei er nie gewesen in seiner Berufskarriere, die ihn vielleicht gerade deshalb so weit nach oben gebracht hat. «Wenn von zehn gefassten Entscheiden zwei noch nicht zu Ende gedacht sind, sollten dadurch die acht richtigen nicht aufgehalten werden, sofern keine neuen relevanten Informationen vorliegen», erklärt er seine Denkweise. Die Umsetzung muss für ihn schnell erfolgen, sobald eine Massnahme getroffen ist. Dann entscheidet der Chef: «No compromises!»

Für Herausforderung gewappnet

Als «harten Hund», wie in Medien wiederholt dargestellt, würde sich Rothwell deshalb aber nicht charakterisieren. Diese Bezeichnung klinge nach Feldherrenge-habe und Unnahbarkeit. Und genau so sei sein Führungsstil eben nicht. Rothwell setzt auf ein starkes Team, fähige Manager in seinem engsten Umkreis, mit denen Entscheide auf Augenhöhe evaluiert und ausgefochten werden. Unterwürfige Ja-Sager und Kopfnicker bringen ihm nichts. Aber klar: «Einen Entscheid tragen muss ich als CEO alleine, deshalb fälle ich ihn auch in letzter Instanz.»

Harte Arbeit ist sich Rothwell aus fast 30 Jahren in der Tourismusbranche gewohnt. Infiziert mit dem Reisevirus wurde er als Teenager. Als ersten Nebenjob begleitete er US-Studenten durch Europa. Es folgte die Lehre bei Thomson. Schliesslich der Wechsel zur deutschen TUI, wo Rothwell zuletzt die Fusion mit der britischen First Choice erfolgreich mitorches-trierte. Für die Herausforderung Kuoni fühlt er sich gewappnet. Der Wechsel vom TUI-Massengeschäft zum Premium- und Spezialisten-Veranstalter fällt ihm nicht schwer. Wichtig ist Rothwell nicht die Art der Ausrichtung eines Konzerns, sondern die konsequente Umsetzung der gewählten Strategie.

Bei Kuoni hat er bereits die guten Umgangsformen und profunden Fachkenntnisse der Mitarbeitenden schätzen gelernt. Als alter Fuchs im Geschäft kennt Rothwell den Tourismus von der Pike auf und weiss, worauf es ankommt. Ein intakter Teamspirit, der sich von der Spitze bis zur Basis durchzieht, gehört für ihn zu den wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg. Diese Kultur will Rothwell selber verbreiten und nicht aus dem Elfenbeinturm delegieren. Als CEO gibt es für ihn keine «No-Go-Areas». Der Chef möchte wissen, wer seine neuen Angestellten sind, sei es im Call Center oder im Reisebüro. Für Rothwell geht die Einstellung über alles. «Zupacken und mit gutem Beispiel vorangehen», sagt er und räumt nach Beendigung des Gesprächs die leeren Kaffeebecher ab.