Der Tag gehorcht jeweils einem strengen Ritual. In den nächsten Wochen erfahren viele Bankmitarbeiter in der Schweiz, wie hoch ihr Bonus für 2011 sein wird. Entsprechend gross ist ihre Anspannung. Denn die Höhe der Ex­trazahlung ist das verlässlichste Indiz für die Wertschätzung, die ein Mitarbeiter bei seinen Chefs geniesst.

Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner warnte allerdings bereits im letzten ­Dezember vor überhöhten Erwartungen. ­Gegenüber der «Handelszeitung» erklärte er, dass der Bonustopf für 2011 deutlich kleiner sein werde als im Jahr zuvor. Stellenvermittler gehen davon aus, dass diese Zahlungen zwischen 20 und 30 Prozent tiefer ausfallen werden. Dies ist logisch, führten doch die verschärften Gesetze für die Branche sowie die hö­heren Kapitalanforderungen im Umfeld der Schuldenkrise zu einer eigentlichen Ertrags­erosion.

Dennoch werden manche Mitarbeiter der Credit Suisse viel besser dastehen als ihre Kollegen, wenn es um den 25. Januar herum zur grossen Bonuskür kommt. Vor allem bei den Investmentbankern hat das Unternehmen massive Konzessionen gemacht. Damit sollen die zwar umtriebigen, aber im letzten Jahr wenig profitablen Leute bei der Stange gehalten werden. Mehr Cash und weniger Aktien, verkürzte Sperrfristen sowie ein spezieller Topf für ausgewählte Top-Leute sind einige dieser pekuniären Zückerchen, um die Investmentbanker bei Laune zu halten. Kein Wunder, sorgt dies innerhalb der Credit Suisse für gehörigen Unmut, zumal gleichzeitig vielerorts die Leistungsziele massiv erhöht wurden.

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Frappante Unterschiede

Die Credit Suisse wendet auch insgesamt für ihre Investmentbanker fast doppelt so viel auf wie für die Mitarbeiter in der Vermögensverwaltung (Private Banking). Dies zeigen neueste Erhebungen der «Handelszeitung» (vgl. Grafik unten). Nimmt man nämlich die Kosten respek­tive die pro Quartal erfolgten Rückstellungen für «compensation & benefits», so setzte die Grossbank allein im 3. Quartal 2011 für einen durchschnittlichen Angestellten rund 60500 Franken ein. Allerdings verdiente dabei ein Private Banker im Schnitt nur 43700 Franken, während auf einen Investmentbanker 67400 Franken entfielen.

Das ist zwar deutlich weniger als noch vor Jahresfrist, als die Credit Suisse im Schnitt 88300 Franken an «compensation & benefits» pro Angestellten ausgab. Der jüngste Rückgang ist jedoch weniger darauf zurückzuführen, dass man die Leute schlechter bezahlt. Der Grund liegt vielmehr in der Stärke des Frankens im letzten Jahr. Denn die Löhne im Investment Banking werden zu beträchtlichen Teilen in London und New York ausbezahlt, also in (günstigerem) Dollar und Pfund.

Rechnet man die Zahlen aus den ersten neun Monaten hoch, so dürfte die Credit Suisse für 2011 im Durchschnitt knapp 300000 Franken an «compensation & benefits» pro Mitarbeiter ausgeben. In der Investmentbank läge damit die Durchschnittssumme bei 330000 Franken, während sie in der Vermögensverwaltung 182000 Franken betragen würde. Mit anderen Worten: Die Credit Suisse gibt für einen Investmentbanker durchschnittlich 1,81-mal mehr aus als für einen Private Banker. Angesichts der anhaltenden Ertragsschwäche im Investment Banking wird dieser Unterschied allerdings immer heikler.

Um die erfolgsverwöhnten Investmentbanker trotz kleinerer Boni bei der Stange zu halten, machte die Credit Suisse in den letzten Wochen Konzessionen. Bisher war die Bonuskomponente (Discretionary ­Variable Incentive Award, APPA) bereits ab 50000 Franken mit einer Sperrfrist belegt. Neu gilt dies erst ab 250000 Franken. Weiter verkürzte die Credit Suisse die Sperrfrist für die Boni von vier auf drei Jahre. Schliesslich erhalten die Investmentbanker die Möglichkeit, einen grösseren Teil der gesperrten Boni dereinst in Bargeld statt in Aktien zu beziehen, wie einem Memo der Grossbank zu entnehmen ist.

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Zwei Fliegen auf einen Streich

Insgesamt verbessert sich so die Ausgangslage für die Investmentbanker gleich mehrfach. Ihre Boni sind weniger von den anhaltenden Turbulenzen an den Finanzmärkten abhängig, und sie kommen rascher zu ihrem Geld.

Die Credit Suisse ihrerseits kompensiert so den Bonusschwund elegant. Doch damit nicht genug. Rund 2000 bereits hochbezahlte Investmentbanker haben Ende letzten Jahres die Möglichkeit erhalten, sich exklusiv an einem Investmentkonstrukt zu beteiligen, das ihnen mittelfristig überdurchschnittlich hohe Renditen in Aussicht stellt.

Die Idee an sich ist genial. Bereits 2008 hatte die Bank ihren Investmentbankern einen Grossteil ihres Bonus in Anteilen an einem hauseigenen Fonds zugeteilt, der in «toxische» Papiere investierte. Damit gemeint sind ausfallgefährdete Wertschriften wie verbriefte Unternehmensdarlehen und Hypothekarkredite für Geschäfts­immobilien. Damit schlug die Bank zwei Fliegen auf einen Streich. Einerseits entlastet die Credit Suisse so ihre überdimensionierte Bilanz, und zweitens wird den «Verursachern der Krise», also den Investmentbankern, das Risiko für jene Wertschriften übertragen, mit denen sie in die Finanzkrise gestürzt waren.

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Toxischer Müll

Womit aber kaum jemand gerechnet hatte, ist die Tatsache, dass sich der «toxische Müll» viel besser entwickelte als erwartet. In den Jahren 2009 und 2010 erzielte der CS-Fonds «Partner Asset Facility», kurz PAF genannt, eine Rendite von 57 Prozent. Die Zahlen für 2011 sind noch nicht publik. Fachleuten zufolge dürfte die Entwicklung aber ähnlich gewesen sein.

Diese Erfolgsstory hat die Bank offensichtlich bewogen, Ende 2011 ein weiteres Konstrukt, die Extended Partner Asset Facility (EPAF), mit einem Volumen von 450 Millionen Dollar zu lancieren. Das Vehikel ist jenen CS-Mitarbeitern vorbehalten, die bereits bei PAF dabei waren. Angesichts der traumhaften Renditen in den letzten Jahren ist es wenig erstaunlich, dass die meisten Investmentbanker die ihnen offerierten Tranchen voll ausgeschöpft haben, wie von der Credit Suisse zu erfahren ist. Gleichzeitig kommt die Bank ihrem Ziel ein gutes Stück näher, ihre risikogewichteten Aktiven in der Bilanz über die nächsten Jahre um 100 Milliarden zu halbieren.

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So verständlich die Freude bei den Investmentbankern sein mag, beim übrigen Personal stossen die «Sonderkonditionen» für eine ausgewählte Schar von eh schon privilegierten Mitarbeitern auf einige Empörung. Besonders bei den Vermögensverwaltern, die in den letzten Jahren dem Konzern überhaupt noch Stabilität verschafft haben, ist der Ärger enorm, wie aus dem Innern der CS zu hören ist. Für sie ist die Aussage von Verwaltungsratspräsident Rohner bittere Realität: «Der Bonustopf wird deutlich kleiner.»