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Innovation
Daniel Graf - unser Mann beim Taxischreck Uber

Daniel Graf: Der Schweizer Programmierer hielt auch bei Google die Fäden in der Hand. Keystone

Der Schweizer Daniel Graf ist für das Herzstück von Uber verantwortlich: die Software Marketplace Dynamics. Mehrere hundert Mitarbeiter entscheiden dort, welcher Fahrer welchen Passagier aufliest.

Von Nele Husmann
am 01.02.2017

Braun-bronzene Spiegel­flächen ersetzen Wände, Leuchtstreifen markieren den Boden und eine Wendeltreppe scheint im Raum zu schweben. Futuristisch wirken die Gänge in der Uber-Zentrale in San Francisco. Da wirken die Ledercouches und hölzerne Baumstümpfe als Beistelltischchen fast zu organisch und natürlich. Konferenzräume heissen Chiba City – benannt nach der gleichnamigen unterirdischen Stadt aus der Cyberpunk-Trilogie «Neuromancer».

Das Science-Fiction-Flair soll signalisieren: Hier wird an der Zukunft gearbeitet – und zwar an der für Mobilität. In der Tat stellte das Unternehmen den ­Taximarkt in der Welt auf den Kopf. 
Ein Knopfdruck auf dem Handy und es erscheint wie aus dem Nichts ein Auto. Uber beschäftigt inzwischen weltweit 8000 Mitarbeiter und bietet seinen Dienst in 470 Städten in 70 Ländern an. Täglich vermittelt Uber fünf Millionen Fahrten. Das 2009 gegründete Startup wird derzeit von Risikokapitalgebern mit mehr als 60 Milliarden Dollar bewertet.

Zentrale Figur

Eine der zentralen Figuren bei Uber ist ein Schweizer. So stilisiert die Büros von Uber sind, so unaufgeregt kommt Daniel Graf daher. Er trägt eine Jeans und ein schlichtes schwarzes T-Shirt, darüber einen ausgewaschenen roten Kapuzenpulli. Es ist die inoffizielle Uniform im Silicon Valley. Auf der müsste der 42-Jährige eigentlich mehrere Streifen auf den Schulterklappen haben. Neben eigenen Startups bewährte er sich bei Google, wo er von 2012 bis 2014 die Karten-App auf das iPhone hievte. Seit einem halben Jahr ist er verantwortlich für das Herzstück von Uber: die Software Marketplace Dynamics.

Dahinter verbirgt sich ein Team von mehreren hundert Mitarbeitern, die wiederum die Software programmieren, die entscheidet, welcher Fahrer welchen Passagier aufliest und wie teuer die Fahrt wird. Grafs Algorithmen sind entscheidend für die Profitabilität von Uber. Und dafür, dass das Unternehmen sowohl für die Fahrer wie auch für die Passagiere eine bessere Erfahrung bietet als die Konkurrenz. «Es macht riesigen Spass, etwas zu tun, das echte Auswirkungen auf die Welt hat», schwärmt Graf. «Gerade sind allein hier in San Francisco 5000 bis 6000 Fahrer unterwegs. Und unser System trifft 1000 Entscheidungen pro Sekunde.»

Fixpreise sind von gestern

40 Prozent der Fahrten in San Francisco werden mit UberPool gemacht, der billigsten Variante, bei der mehrere Fahrgäste, die in dieselbe Richtung unterwegs sind, sich eine Limousine teilen. «Menschen lassen ihre Privatautos zu Hause, weil sie kosteneffizienter und bequemer mit Uber unterwegs sind», sagt Graf.

Gerade gelang Graf mit seinem Team ein Durchbruch: Erfasste der Uber-Algorithmus früher nur freie Fahrer, wenn ein Kunde eine Fahrt anfragte, bezieht er jetzt auch solche Fahrer ein, die noch einen Passagier im Auto haben, aber näher am Kunden sind. Fixe Preise sind natürlich von gestern: Grafs Systeme erkennen sofort, wenn es in einem ­Gebiet mehr Anfragen als Fahrer gibt, und erhöhen automatisch den Fahrpreis. Das sorgt dann dafür, dass mehr Fahrer in das Gebiet fahren.

Empfehlungen für die Fahrer

Früher hatte jeder Fahrer im Kopf, wo zu welcher Tageszeit die meisten Fahrgäste aufzusammeln sind und ­welche Route am wenigsten Verkehr hat. Heute spuckt Uber Positionierungsempfehlungen für die Fahrer aus. Graf zeichnet zur Veranschaulichung eine Grafik an die Wand. Auf einer Zeitachse trägt er den Alltag des Fahrers ein: Nach dem Absetzen eines Passagiers hat er eine Wartezeit bis zur nächsten Anfrage, dann fährt er leer zum Aufsammeln des Passagiers. Geld verdient er nur während einer Fahrt mit Passagier – und diese Zeit will Graf mit dem Algorithmus ausdehnen und die Warte- und Abholzeiten gering halten. «Dahinter steckt jede Menge Mathematik», sagt Graf.

Wenn Graf nur eine Minute Wartezeit für die Fahrer eliminiert, macht das über die monatlich vierzig Millionen Uber-Fahrten weltweit einen Sprung in der Profitabilität aus. «Wir haben noch viel zu tun», findet Graf, «aber wir sind weiter als alle anderen Anbieter. ­Unsere hohe Dichte in den Städten ist ein ­grosser Vorteil.»

Schon übt sich Uber am nächsten Schritt: dem selbstfahrenden Auto, das die Kosten noch weiter senken wird. Auch hier ist die Dispatch-Navigation, die Grafs Team stets optimiert, essen­ziell: «Noch aber liegt der Hauptfokus beim Markplatz eindeutig auf dem ­Fahrer», sagt der Schweizer.

Graf, der auf einem Bauernhof im Rheintal aufgewachsen ist, machte in der Schweiz eine Lehre zum Elektroniker, studierte dann Elektrotechnik und sattelte schliesslich auf Software um. Mit einem Stipendium von ABB kam er in die USA zum Studium. Und blieb. Er baute mit Kyte.tv 2005 ein eigenes Video-Startup auf, das er 2011 verkaufte. Bis 2014 arbeitete Graf für Google Maps, um mit seinem damaligen 
Chef als Produktverantwortlicher zum Kurznachrichtendienst Twitter zu wechseln. Dort blieb er aber während des Management-Umbaus nur wenige Monate.

Ehe er bei Uber anfing – das ironischerweise direkt neben Twitter sein Hauptquartier auf der Market Street hat – legte er eine Selbstfindungspause ein: Wäre er lieber ein Investor, sollte er ein neues Startup gründen oder wieder ein Anstellungsverhältnis suchen? Er zog Uber dem selbstständigen Leben vor: «Hier ist jeder sein völlig eigener Herr, kann selbst entscheiden, was er als Nächstes macht – muss dann aber schon für die Konsequenzen einstehen.» Und Graf gefällt, wie sehr er seine Erfahrung aus dem Realtime-Kartengeschäft von Google einbringen kann. «Google war enorm wichig, den Leuten bei der Navigation in der Welt zu ­helfen. Jetzt, mit Uber, liefern wir ihnen die Mobilität noch dazu.»

Uber legt sich mit Bürokraten an

Graf trifft sich mehrmals in der Woche mit Uber-Chef Travis Kalanick. Dem geht ein schwieriger Ruf voraus – schliesslich legt er sich mit Vorliebe mit allen Bürokraten der Erde an. Graf kennt ihn ganz anders: «Travis ist ein guter Mensch – wie gemacht für Uber», findet Graf, «er kennt technisch jedes Detail und hilft, um die nächste Ecke zu denken. Und er hat eine Weitsicht in Sachen Mobilität – was Technologie da bringen kann. Die trifft auf Reglemente, die fünfzig oder hundert Jahre alt sind.» Auch Graf liebt die Zerrüttung, die Uber mit sich bringt: «Es ist spannend – Uber bricht ja nicht nur die Welt 
des Passagiertransports auf, sondern ­immer wieder auch sich selbst.»

Seinen Erfolg im Silicon Valley führt Graf nicht auf seine Herkunft zurück. Aber: «Das Schweizersein prägt mich schon. Ich habe das Gefühl, oft Ordnung in die Prozesse zu bringen – obwohl ich da überhaupt nicht verallgemeinern will.» In seiner alten ­Heimat, findet Graf, nimmt die ­Ordnungsliebe schon zu sehr überhand: «Wir Schweizer halten uns gern an das, was schon immer so war, ­während Amerikaner – auch durch ihre Geschichte – stets über Grenzen hinaus streben. Hier im Silicon Valley bewegen wir uns ganz eng an der Grenze ­zwischen Ordnung und Chaos – und genau da entsteht Inno­vation.»

Graf hat seine Heimat inzwischen im Silicon Valley gefunden, hat aber noch keinen US-Pass. Im letzten Jahr heiratete er auch – eine vietnamesischstämmige Amerikanerin, die fünf ­Restaurants in der Weingegend­­ Sonoma betreibt. Am Wochenende findet Graf dort auch ein wenig zurück zu ­seinen Wurzeln. Er besitzt ein Grundstück auf dem er mit dem Traktor ein kleines Feld bestellt oder mit der Motorsäge Bäume fällt: «Das brauche ich, um ­einen klaren Kopf zu bewahren.»

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