Wo trifft man einen pragmatischen Manager, der kein persönliches Büro nutzt, sein Wissen nicht im Laptop, sondern im Kopf speichert, alle Akten nach Gebrauch sofort entsorgt, ständig auf Achse ist und oft im Flugzeug sitzt? In der Lobby des Flughafenhotels Radisson Blu natürlich. Näher bei Abflug- und Ankunftsbereich des Flughafens Zürich kann man sich gar nicht austauschen.

Und welche Sprache spricht man mit ihm? Englisch natürlich. Glaubt er jedenfalls. Mails an Deutschschweizer Geschäftsadressen schreibt er konsequent englisch. Doch das ginge nun doch zu weit, mit einem Westschweizer Englisch zu sprechen. Es verstreichen aber fünf Gesprächsminuten, bis sich Patrick Nicolet getraut, seine Muttersprache zu benutzen. Seine Arbeitssprache ist es offensichtlich nicht.

In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, scheint der CEO der nördlichen und zentralen Länder Europas der Capgemini-Gruppe vom Thema Dienstleistung beseelt zu sein. Ungefragt spricht er nicht gern über sich selber. Doch im Lauf des Gesprächs taut er auf und beginnt Gegenfragen zu stellen. Seine blaugrauen Augen verraten sein Interesse am Mitmenschen.

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Bescheiden aufgewachsen

Woher stammt seine Kommunikationsfähigkeit? Patrick Nicolet macht es sich im grossen Ohrensessel in der Hotellobby bequem und erzählt, sein Vater habe in der Westschweiz sehr engagiert mit Autos gehandelt. Seine Mutter arbeitete bis zu seiner Geburt bei Omega in Biel. Die Familie lebte bescheiden. Die Verhältnisse wurden geprägt von Vaters Leidenschaft für schnelle Wagen. Dies bis zum Tag, da er 49-jährig ein Rotlicht überfuhr und ums Leben kam. Dieser heftige Einschnitt verleitete den damals Zwanzigjährigen zu einer Relativierung dessen, was wichtig ist im Leben. Seither sagt er oft: «Dies ist eine - meine - Realität. Sie können die Sache auch ganz anders betrachten.» Oder: «Heute sehe ich die Dinge so. Aber morgen vielleicht nicht mehr.»

Die Dinge in Frage zu stellen ist der Humus von Patrick Nicolets Tätigkeit. Möglich, dass er viele Arbeitsschritte nicht so gut beherrscht wie seine Mitarbeitenden. Dafür hat er aber die Fähigkeit, Tatsachen aus der Ferne zu hinterfragen und aus ihnen eine neue Synthese zu bilden. «Ich bin kein Zweifler», stellt der feinfühlige Manager klar, «aber ein differenziert denkender Mensch.» Seine Arbeit sei ein ständiges Spiel mit Varianten. Er sei ein typischer Generalist, kein Spezialist. Daher habe er Recht studiert.

Was wollte Patrick Nicolet denn als Kind werden? Er lacht: «Nichts. Ich hatte keine Vorstellung.» Das Studium habe er wie einen Parcours absolviert: Mit hohem Fleiss und einer Prise Leidenschaft. «Es war ein harter Lernprozess.»

Sein Interesse an geschichtlichen Zusammenhängen sei vom Fach Recht befriedigt worden, erinnert sich Nicolet, der sein Studium mit Summa cum laude abschloss. Und warum arbeitet der einst fleissige Student heute nicht als Anwalt? Nicolet schmunzelt: «Als Jurist hätte ich dauernd Probleme gelöst, die andere Menschen kreierten. Ich wollte lieber eigene Probleme kreieren und lösen. Aber nicht zwingend allein.»

Leidenschaftlicher Sportler

Interessanterweise war die Adoleszenz das Ende des Tennisspielers Nicolet. «Vorher war ich ein Einzelkämpfer. Nun wollte ich mich im Team beweisen.» Er habe Rugby gewählt, erzählt er mit ungebrochener Faszination, «ein komplexer Sport, bei dem die Aufmerksamkeit dem Ballträger gilt, denn er muss den Ball unter physischem Einsatz über die Linie bringen.»

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Es fällt schwer, sich den zierlichen Mann als Rugbyspieler vorzustellen, doch er betont, mit damals 75 Kilos ein schneller Läufer gewesen zu sein. Den Willen, sich durchzusetzen, scheint er sich jedenfalls bewahrt zu haben.

Eine weitere Facette, welche Nicolets Persönlichkeit bis heute prägt, war die Bescheidenheit: Als Teenager startete er mit 4000 hart verdienten Franken eine halbjährige USA-Reise per Autostopp, Flug inbegriffen. Als das Geld knapp wurde, jobbte er als Flachmaler.

Bis heute wirkt er uneitel und pragmatisch und rückt mitten im Gespräch bereitwillig seinen Sessel zur Seite, wenn ihn die Fotografin zu wechselnden Positionen animiert. Wirklich wichtig ist ihm das Fotoshooting nicht, dies im Gegensatz zu Managern, welchen das Bild wichtiger ist als das Wort.

Flexibilität dürfte zu seinen Markenzeichen gehören. Patrick Nicolet behauptet denn auch: «Der stabilste Zustand ist die Bewegung. Schauen wir die Galaxie an!» Weil er über einen unerschöpflichen inneren Motor verfüge, sei er dauernd motiviert. «Ich will nicht nur über Handlungen nachdenken, sondern handeln.» Als Beispiel für die von ihm geliebte Intensität nennt er den Klassiker «L’Etranger» von Camuz.

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Ist der Technologieberater ein ungestümer Veränderer? Nicolet positioniert sich im Gegensatz zu seinem Vater als «Anhänger des kalkulierten Risikos». Er sei ein gut strukturierter, vorausschauender Manager. «Ich denke, bevor ich handle», unterstreicht Nicolet seine rationale Seite. «Aus diesem Grund ging mein Wunsch, Militärpilot zu werden, nicht in Erfüllung. Denn ein Jetpilot hat keine Zeit zu denken, er muss instinktiv richtig handeln. Reflektiert wird erst nach der Aktion.»

Eigenverantwortung als Basis

Weil ihm Verantwortung viel bedeute, ertrage er nur Menschen, die ebenfalls Verantwortung übernähmen, berichtet der inaktive Major der Schweizer Luftwaffe. Der nächste Satz scheint logisch. «Ich liebe Mannschaften, deren Chef ich bin.» Bei null anzufangen sei für ihn nur im privaten Bereich ein Problem, gesteht der zweifache Vater. «Meine Scheidung gehörte nicht in meinen Plan, sie entsprach meinem loyalen Charakter nicht.» Schöner als auf Französisch kann mans nicht ausdrücken: «Divorcer n’est pas ma tasse de thé!» Trotzdem sei er sehr glücklich mit seiner zweiten Gattin, welche viel Verständnis zeige für sein Nomadenleben.

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Interessant findet Patrick Nicolet, der zwei Jahre lang selbstständiger IT-Interim-Manager war, dass viele Unternehmer die vor ihnen liegenden Probleme nicht erkennen. Schwierigkeiten etwa durch eine Fusion zu beseitigen, funktioniere «nie und nimmer», betont er. Es brauche grundlegende, nicht nur organisatorische Innovationen. «Diese Erkenntnis bewog mich, Restrukturierer zu werden, und führte mich zu Capgemini. Denn wenn das Lösen einer komplexen Aufgabe viel Energie und sportlichen Ehrgeiz braucht, blühe ich auf.»

«On y va!»

Er müsse zwei Dinge beherrschen: Sofort Cash beschaffen und die Bilanz wieder in die Gewinnzone bringen. «Nur dann hat eine Sanierung gute Chancen.» Er gebe sich 100 Tage Zeit, doch schon nach einem Monat zeichne sich die Wende ab oder auch nicht. «On y va!» laute der Schlachtruf. Um die Dringlichkeit zu illustrieren, erwähnt er eine Uhrenfirma, die gezwungen war, alte Modelle einzuschmelzen, um Gold zu beschaffen für die Kreation neuer Modelle. «Solche Akte der Verzweiflung sind das Gegenteil eines systemischen Ansatzes.»

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Als Pionier der Telekombranche ist er heute vorwiegend in diesem Gebiet tätig. «In den vergangenen fünf Jahren habe ich pro Jahr einen Markt von 13 Milliarden Franken bewirtschaftet», blickt Nicolet zurück. Kein Wunder, düst der zurückhaltend auftretende Manager meistens über unsere Köpfe hinweg an den nächsten Wirkungsort. Im Herzen trägt er sein typisch schweizerisches Motto: «Das Beste ist der Feind des Guten. Lasst mich die Dinge optimieren.» Le voilà.