Ein Fakt: «Je enger die fachspezifische Ausbildung ausgelegt war und je mehr die entsprechenden Bereichsintelligenzen ausgebildet wurden, desto extremer nimmt die Gutgläubigkeit gegenüber neuen Führungstrends und -techniken zu.» Für Autor Ferdinand Rohrhirsch, als Coach wirtschaftserfahrener Professor für praktische Philosophie, eine bedenkliche Entwicklung. Spiegelt diese Gutgläubigkeit für ihn doch die vorherrschende Meinung, alles sei zu managen.

Doch mit diesem Glauben an die Unbegrenztheit des Machbaren ist für Rohrhirsch die Mitarbeiterführung nicht wirklich aus der Problemzone zu bekommen. Praxisbeobachtungen bestätigen das. Parallel zu der wachsenden Schar von Vorgesetzten, die die Botschaften aus allen Abteilungen des riesigen Führungssupermarkts zur alleinigen Leitschnur ihres Führungshandelns machen, wächst auch die Zahl der dadurch verprellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Keine allgemeingültigen Formeln

Vorgesetzte, die über die Köpfe ihrer Leute hinweg nach Lehrbuch amtieren, im Seminarjargon schwadronieren und mit ihren abgehobenen Tiraden nerven, bewirken nach Rohrhirschs Erfahrungen vor allem eines: Sie treiben ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Untergrund. Was vielfach praktisch heisst: Die Leute schliessen sich untereinander kurz, tun, was sie für richtig und wichtig halten, und überlassen den Chef in seinem Wolkenkuckucksheim sich selbst.

Anzeige

Problematisch an dem Verfahren nur: Herr oder Frau Chef heftet den nicht wegen, sondern trotz erlernter Führungskunst erarbeiteten Erfolg an die eigene Fahne. Für Rohrhirsch menschlich wie sachlich ein unhaltbarer, gleichwohl ein quasi normaler Zustand. Der letztlich zweierlei deutlich macht: 1. Weshalb in der menschlichen Arbeitskraft heute im Wesentlichen nur ein Einsparpotenzial gesehen wird. 2. Wo ein wesentlicher Problempunkt der Menschenführung liegt: In dieser Führung nach Gebrauchsanweisung, verstanden als schlichte Wenn-dann-Interaktion.

Das Tragische daran ist für den Autor, «dass die so Führenden ihre Fehlsicht gar nicht mehr als solche erfahren, dass sie gar nicht erkennen können, dass sich Führung als einzigartige Beziehung zwischen Menschen nicht in allgemeingültige Formeln pressen lässt». Menschen seien schliesslich Personen und keine blossen Akteure.

Der Blick auf sich selbst

Mit dieser Unterscheidung aber kommt für Rohrhirsch Freiheit und Würde ins Spiel, sodass die neue - sehr alte - Führungsleitfrage deshalb aus seiner Sicht heissen muss: Wer bin ich? Und wer immer sich diese Frage stellt, «der kommt im Blick auf die eigene Existenz auf etwas, von dem wir nicht sonderlich begeistert sind und dem wir versuchen auszuweichen, bis in die Formulierungen hinein: das Scheitern», sagt er.

Erst im Bedenken und in der Akzeptanz des Scheiterns wird für Rohrhirsch eine wesentliche Basis zugänglich, die zum Erreichen gelingender Führung genutzt werden muss: Das Vordringen zu den Grundfragen einer Sache. Erst wer diese Grundfragen als eigentliche Orientierungsfragen ernst nimmt, kann die Informationslawinen an Wissen verarbeiten, kann Expertenwissen von Orientierungswissen unterscheiden.

Anzeige

Und das hält er für wichtig, weil erst im Bereich eines Orientierungswissens die Bedeutung und mit ihr der Umfang einer «Haltung» in den Blick kommen. «Haltung», reibt sich Rohrhirsch am Geläufigen, sei aber für Praktiker wie auch für Experten und Berater wenig attraktiv. Sie seien rational ausgerichtet und auf Kennzahlen orientiert. Und «rational» sei dabei gleichbedeutend mit plan- und berechenbar. Darin liege der Grund, warum in ihrem Denkraum und Wortbestand für «Scheitern» kein Platz sei, bestenfalls gäbe es Fehler und fehlerbehaftete Akteure, aber kein Scheitern.

Stets von anderen abhängig

Doch im Alltäglichen tatsächlich gelingende Führung ist für Rohrhirsch nur dem möglich, der sein Scheitern nicht verdrängt und nicht verleugnet. Seine Argumentation: Führende brauchen ein Gespür für Grundfragen der eigenen Existenz. Im Scheitern erkennen sie die Endlichkeit ihrer Vermögen. Und die Verwiesenheit auf andere. Rohrhirsch: «Nicht nur für unser Glück sind wir auf das Mit-sein-mit-anderen zwingend verwiesen. In jeder alltäglichen Lebens- und Führungsaufgabe bin ich von anderen abhängig.»

Anzeige

Bei jeder Präsentation, in jeder Diskussion, in jeder noch so gewöhnlichen Situation innerhalb eines Führungsalltages wird es offenkundig, wenn einer so handelt, wie er redet, so lebt, wie er glaubt. Auch dann, wenn er das, woran er glaubt, nicht optimal oder rhetorisch geschliffen artikulieren und benennen kann.

Rhetorische Brillanz und perfekte Präsentation eines Vortrags konnten noch nie die zu jeder Zeit spürbare Diskrepanz zwischen kalkuliertem Schein und gelebter Wirklichkeit überdecken. Es ist nicht zuletzt diese immer wieder zu spürende Diskrepanz, die Führung so problematisch, so entwürdigend, so entmutigend machen kann.

Soll Führung gelingen, setzt das für Rohrhirsch voraus, den Führungsverantwortlichen 1. ihre eigenen Erfahrungen und Einsichten wieder in das Bewusstsein zu bringen und sie darin zu halten; 2. ihnen Mut zu machen, sich selbst zu trauen, sich den Unwägbarkeiten des eigenen Führungs-, das heisst Lebensweges zu stellen; 3. sie daran zu erinnern, dass diese Unwägbarkeiten nicht kleiner werden, wenn die persönlichen Überzeugungen, die bisher das eigene Leben geleitet haben, durch stereotype Schablonen vermeintlich erfolgreichen Führungshandelns ausgetauscht werden.

Anzeige

Die Hinwendung auf diese Grundfragen, das weiss Rohrhirsch aus seinen Coaching-Erfahrungen, «lohnt sich in vielfältiger Weise - für die Führenden wie die Geführten».