Blos e chlini Stadt

mit bürgerliche Wänd,

blos e chlini Stadt,

wo ein de ander kennt,

und wenn au ufm Globus

nienetwo di Name stoot,

isch es doch en Ort,

wo sichs guet lääbe loot.

Was waren das für Zeiten, damals, Ende der 70er-Jahre, als der Schaffhauser Apotheker und Liedermacher Dieter Wiesmann eine kleine Hymne auf seine Heimatstadt verfasste. Die Treue der Unternehmen zu ihrem Standort: Unerschütterlich! Das Verkehrsaufkommen: In Grenzen! Klagen gegen die Stadt wegen ungeräumter Winter-Trottoirs: Fehlanzeige!

Zwar lässt es sich nach wie vor gut leben in den Schweizer Mikro- und Metropolen - das Aufgabenheft allerdings fasst mittlerweilen weit mehr Einträge, als manch einem Stadtoberhaupt lieb ist. Von A wie Arbeitslosigkeit über F wie Finanz- und R wie Raumknappheit bis V wie Verkehr und Z wie Zentrumslasten reicht die Palette an grossen Aufgaben, die zu bewältigen es in den nächsten Jahrzehnten gilt.

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Ohne Zusammenarbeit unter den Kommunen und Lobbying im Bundeshaus geht inzwischen nichts mehr. Das findet wohl statt - aber nicht zur vollsten Zufriedenheit aller. «Die Städte finden zu wenig Gehör, wenn es um Bundesentscheide geht», kritisiert stellvertretend Renate Amstutz, die Direktorin des Schweizerischen Städteverbandes (SSV). Den Beleg zu ihrer Aussage liefert sie subito nach: «Auf der einen Seite leben drei Viertel der Bevölkerung in urbanen Gebieten und werden 84% der Wertschöpfung dort generiert. Anderseits können die 14 kleins-ten, mehrheitlich ländlich geprägten Kantone im Ständerat Mehrheiten schaffen, obwohl sie nicht mehr Einwohner haben als die 13 grössten Städte.»

Das entspreche zwar dem freundföderalistischen Grundgedanken unseres Staates, bilde indes die Realitäten unzulänglich ab, bemerkt die studierte Wirtschaftswissenschafterin. «Zwischen der Bedeutung der Städte für unser Land und deren Einbindung in die politischen Prozesse tut sich ein grosser Graben auf.»

Der Mix der Urbanität

Renate Amstutz ist Städterin mit Leib und Seele. Geboren ist sie in Köniz, vor den Toren der Bundesstadt, wo sie heute lebt. Bern verkörpert mit seiner Aare und den Lauben das, was sie unter einer gelungenen Symbiose von urbanem Geschehen und bodenständigem Charme empfindet. Oder einfacher ausgedrückt: «Die Lebensqualität stimmt hier ganz einfach.» Was dazu gehört? «Die Zugänglichkeit zu den Ingredienzien des Alltages. Arbeit zum Beispiel, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten auch, Bildung, Kultur, Sport et cetera. Es ist der Mix, der für eine urbane Atmosphäre sorgt - und diese Stimmung ist in keiner Stadt die gleiche.»

Insofern, und ganz der neutralen Betrachtungsweise ihres Amtes verpflichtet, ringt Renate Amstutz einer jeden Schweizer Stadt reizvolle Attribute ab. Was sie nicht mag? Agglomerationsgürtel, die gesichtslos sind. «In Lebensräumen, wo weder planerisch noch architektonisch ein Charakter herauszuspüren ist, sind die Probleme programmiert, gerade was das soziale Gefüge anbelangt.» Lebensraum, unterstreicht sie mit dem verbalen Stabiloboss, müsse Identität ausstrahlen.

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Bewusst den guten Ton suchen

Ärztin oder Sängerin wollte Renate Amstutz in ihrer Jugend werden, Letzteres ist sie seit Jahren auf Basis Freizeitsopranistin. Strauss und Schubert finden sich in ihrem Repertoire genauso wie Mozart oder Verdi.

Den guten Ton, den pflegt sie indes auch mit der Wirtschaft. Zwischen urbanem und unternehmerischem Umfeld besteht eine wechselseitige Befruchtung, ist sie sich sicher. Ein Inventar zu verfügbaren Arealen erachet sie zudem als unabdingbar. «Viele Kommunen haben diesbezüglich unglaublich vorwärtsgemacht und Anlaufstellen installiert. Die Unternehmen sollten wissen, wer bei den Behörden Ansprechpartner ist, und ihre Anliegen möglichst frühzeitig vorbringen können.»

Raum- und Siedlungspolitik sind denn auch zwei gewichtige Dossiers, die auf ihrem Schreibtisch liegen. «Umnutzung von Industriebrachen und verdichtetes Bauen sind zentrale und äusserst spannende Aspekte, die uns momentan beschäftigen. Nach der Abwanderung in den 80er-Jahren erleben die grösseren Städte nun eine Zuwanderungswelle. Allein: Vielen Agglomerationszentren fehlen die Ressourcen, was freie Flächen anbelangt.» Insbesondere bei den bezahlbaren Wohnungen für Familien herrsche praktisch überall grosser Nachholbedarf.

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Das Betätigungsfeld der 51-Jährigen in Diensten der Schweizer Städte ist breit - sehr breit, wie sie lachend anfügt. «Als ich hier angefangen habe, war ich überzeugt, dass zwei Bereiche für uns nicht wichtig sind: Landwirtschaft und Militär.» Die erste Anfrage eines Journalisten habe den Waffenbefehl beim Wachdienst vor den Botschaften betroffen. «Da wurde mir schlagartig bewusst: Es gibt nichts, was nicht auch für den Städteverband und seine Direktorin ein Thema ist.»

Bevor Amstutz die Führung des Interessenverbandes übernommen hat, stand sie in Diensten der Privatwirtschaft, der SBB, von AlpTransit und, wie erwähnt, des Kantons Bern. Als Generalsekretärin war sie unter anderem dafür verantwortlich, dass die neue S-Bahn «Bern 2005» auf Touren kam. Vor eineinhalb Jahren dann der bewusste Schritt in Richtung Städteverband, hin zu einer neuen Aufgabe, hinein in ein neues Team. «Mir ist immer klar gewesen, dass ich mit 50 noch einmal etwas Neues anfangen will», erzählt die Bernerin, die vor allem die strategischen und operativen Aspekte an ihrem Job sowie den Austausch mit den 16 Stadtoberhäupten, welche den Vorstand stellen, schätzt.

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Von A bis Z anpacken

Aus der kantonalen Verwaltung direkt ins Verbandswesen - statt 60 Mitarbeitenden unterstehen ihr nun noch sieben Personen. «Das war natürlich eine ziemlich grosse Veränderung. Beim Kanton habe ich abgesehen von ein paar Kerndossiers Aufträge erteilt und Mitarbeitende gecoacht. Hier packe ich von A bis Z selber an - und angesichts dessen, dass wir ein tolles Team sind, macht das auch wirklich Spass!»

Stehen ein paar freie Tage an, dann zieht es Renate Amstutz regelmässig in die Metropolen der Welt. Nach London etwa, wo sie staunt, welch dörflichen Charakter sich einzelne Viertel bewahrt haben, oder über den grossen Teich nach New York. Wieder zu Hause, schätzt sie anderseits die Überschaubarkeit der Ballungsräume.

Obwohl diese ja auch immer grösser werden: Existierten vor 20 Jahren schweizweit über 3000 Gemeinden, sind es inzwischen noch deren 2596. Fusionen gehören mittlerweilen zur (finanz) politischen Tagesordnung. «Das funktioniert in den Köpfen der Menschen nur, wenn beide Parteien Vorteile aus der Fusion generieren können. Die Bürger dürfen nicht das Gefühl haben, der Grosse schluckt den Kleinen - das gäbe Widerstand.»

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Den Dialog anschieben will sie auch weiterhin zwischen den urbanen Zentren, den Kantonen und dem Bund. Und - eben - zwischen Stadt und Land. «Leider ist das urbane Verständnis hierzulande noch nicht so ausgeprägt wie die Zahl der Leute, die urban leben.» Trotzdem sei sie keine Verfechterin konfrontativer Strategien, sagt Renate Amstutz, viel lieber streiche sie die gemeinsamen Interessen und die gegenseitige Abhängigkeit hervor: «Ohne Land gibt es keine Stadt, ohne Stadt kein Land.»