Guido Jouret ist das perfekte Versprechen. Adretter Zehntagebart, schwarzes T-Shirt unter hellbraunem Cardigan, Digitaluhr mit zwei Zeit­zonen und einen Tesla Model S vor der Haustür. Diese öffnet sich nicht etwa in Zürich-Oerlikon, sondern – stilecht – in Mountain View im Silicon Valley, wo Jouret mit seiner Familie wohnt, bloss einen Steinwurf vom Google-Hauptsitz entfernt.

Chief Digital Officer Jouret ist der Mann, der den schwedisch-schweizerischen Industrieriesen ABB ins nächste Zeitalter bringen soll. Nur logisch, dass sein Chef, Ulrich Spiesshofer, den amerikanisch-belgischen Doppelbürger direkt an sich rapportieren lässt. Es ist ein starkes Zeichen – nach innen und aussen. Das ­Digitale, das ist bei ABB ab jetzt Chefsache.

Radikaler Imagewechsel

«Let’s write the future» heisst der Subtext von Spiesshofers PR-Truppe. Und diese Zukunft wird im Digitalen geschrieben. Dass es ernst gilt, hat ABB in den letzten Wochen mit einer millionenteuren, glo­balen Imagekampagne demonstriert. Als Poster-Boys des Aufbruchs stehen Spiesshofer, Jouret – und YuMi, der Industrie­roboter aus dem ABB-Robotics-Labor, der an jedem Event und jeder Messe für Auf­regung und Selfies sorgt. Mit YuMi feierte Spiesshofer unlängst den perfekten Auftritt: Angela Merkel und Barack Obama zu Besuch am ABB-Stand an der Industriemesse in Hannover.

Die Botschaft an die Welt: Sogar die Kanzlerin und Mr. President lassen sich von «ABBs bahnbrechender Digital-Technologie» inspirieren. Noch selten hat ein Indus­triebetrieb, der in der Vergangenheit für Transformatoren, Kraftwerke und Tur­binen stand, so schnell einen so radikalen Imagewechsel vollzogen.

Chief Technology Officer bei Nokia

Klar, ein Grossteil der Strategiearbeit lief bereits vor Monaten an. Da war Jouret noch bei Nokia unter Vertrag. Beim einstigen Handy-Konzern, der sich neu erfindet, war er als Chief Technology Officer unterwegs. Er baute eine E-Health-Sparte auf, kaufte 7 Startups und lancierte die Virtual-Rea­lity-Kamera Ozo. Doch er blieb bloss ein Jahr bei den Finnen, dann lotsten ihn Headhunter weg.

Am 1. Oktober heuerte er bei ABB an. Es war ein harter Restart: Eine Stunde nach der Landung in Zürich-Kloten sass er bereits im Strategiemeeting am ABB-Hauptsitz beim Bahnhof Oer­likon. Die Zeit drängte: Am 4. Oktober war Capital Markets Day, der Big Bang, als Spiesshofer die neue Digital-Strategie von ABB ausrollte.

Spiesshofer und Jouret – das passt. Der ABB-Chef gilt als Perfektionist, mitunter als Mikromanager, und als Ingenieur hat er eine Passion für Technologie. Zudem ist er von Aktionärsseite unter Druck, muss eine Vision liefern, die Phantasien weckt.

Indus­trielles Verständnis

Jouret wiederum ist kein Fireworker aus dem Silicon Valley, sondern bringt indus­trielles Verständnis ein. 20 Jahre arbeitete er für den IT-Riesen Cisco, war für kommende Technologien und das Internet der Dinge zuständig. Mit seinem Blick in die industrielle Zukunft brachte er es ins «Wall Street Journal», in die «Harvard Business Review» und ins «Silicon Valley Business Journal». Das liegt auch daran, dass Jouret komplexe Pro­zesse und Produkte auf anschauliche Bilder reduzieren kann. Vorbilder sind ihm der YuMi oder sein Tesla, die Industrieprodukte mit Phantasie aufladen.

Klar, dass das Digitale zentral ist, habe man bei ABB längst erkannt. Aber jetzt brauche es eine Person, die all die Akti­vitäten bündle, integriere und verbreite. Sein Vorteil: Bei Cisco traf er auf Kunden aus der Automobilbranche, Verkehrsplanung oder aus der Energieversorgung, auf die er auch bei ABB stösst.

«Hidden digital champion»

Spiesshofer und Jouret haben einiges aufzuholen. Intern gilt die Firma als ­«hidden digital champion». In der Vergangenheit hat der ABB-Chef den Industrieriesen mit scharfem Sparkurs wieder in die Gänge gebracht, hat Bürokratie und ­Silodenken den Garaus gemacht und die Betriebsmarge verbessert. Nun soll mit der Digitalisierung der Produkte und Prozesse die nächste Stufe von Spiesshofers «Next Level Strategy» gezündet werden.

Branchenkenner schätzen, dass ABB im Vergleich zu den Schnellsten ungefähr drei Jahre in Verzug ist. Als Mass aller Dinge gilt General Electric (GE). Konzernchef Jeff Immelt rief bereits vor fünf Jahren die Digital-Revolution aus und baute den ­Industrieriesen zum softwaregetriebenen Hightech-Powerhouse um.

Von General Electric lernen

Als Immelt 2012 im Silicon Valley seine Software-Division lancierte, wurde er von den Techies in Kalifornien noch mitleidig belächelt. Heute zählt Immelts Truppe in San Jose 20 000 Mitarbeiter. Er streitet sich mit Amazon, Google und Facebook weltweit um die besten Tech-Talente. Predix heisst bei GE die Plattform, um die das ­digitale Geschäft drapiert ist.

Dorthin möchte auch ABB. Deshalb hat man kürzlich die Plattform ABB Ability aufgesetzt. Dort sollen – ähnlich wie bei Predix – die Dienstleistungen und Produkte aus der digitalen Welt verknotet werden. Als nächster Zukunftsschritt gilt die Kooperation mit Microsoft für eine inte­grierte Cloud-Plattform, in die Milliarden investiert werden sollen.

Künftig sollen Roboter und Sensoren korrespondieren, um Produktionsprozesse zu optimieren und Risiken früh zu erkennen. Auch sollen geplante Fabriken vorgängig im 4D-Format aufgebaut und bereits vor Inbetriebnahme auf ihre Funktionalität hin geprüft werden. Containerschiffe sollen nicht nur mit ABB-Antrieb durch die Meere pflügen, sondern dank stetem Datentransfer ressourcenschonend gesteuert werden. Gefragt sind künftig Connectivity, Schnell­ladesysteme, Big Data. Alles Dinge, mit denen sich Jouret seit Jahren beschäftigt. Zudem hat er am Imperial College of ­Science in London und am Worcester ­Polytechnic Institute bei Boston in Computerwissenschaften doktoriert.

Inkarnation des digitalen Nomaden

Inspiration holt sich der umtriebige Tech-Manager aus dem globalen Universum. Der Sohn eines Cargill-Rohstoffhändlers ist die Inkarnation des digitalen Nomaden. Er lebte in Thailand, Japan, Spanien, den Niederlanden, Grossbritannien, Frankreich, Singapur, den USA und jetzt auch noch in der Schweiz.

Nur einen Stilbruch leistet sich der «Pio­nier des Internets der Dinge», wie Spiesshofer sagt. Jouret tippt seine Notizen nicht in ein Gadget der digitalen Wunderwelt, sondern schreibt sie mit einem Filzstift in ein liniertes Heft. Die Technologie, meint er, habe sich über Jahrhunderte bewährt.

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