Martin Senn prägte den grössten Schweizer Versicherer Zurich über Jahre. Privat aber mied der Topmanager das Rampenlicht und Interviews gab er nur selten. Im Oktober 2014 empfing er «Bilanz»-Chefredaktor Dirk Schütz dennoch zu einem längeren Gespräch. Eindeutig bekannte sich der Basler zur Offenheit der Schweiz gegenüber dem Ausland. Gut ein Jahr nach dem Freitod des Zurich-Finanzchefs Pierre Wauthier betonte Senn ausserdem die starke Verunsicherung, die der Tod in der Firma ausgelöst hatte.

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«Pierres Tod beschäftigt uns alle nach wie vor sehr», so Senn seinerzeit. «Unsere Gedanken werden immer bei ihm und seiner Familie sein.» Der Freitod habe die ganze Firma sehr belastet – auch im geschäftlichen Bereich. Selbstverständlich habe er sich bei einem Finanzchef gefragt, ob es buchhalterische Unregelmässigkeiten gegeben habe. Wie die Untersuchung der Finma zeigte, sei das aber nicht der Fall gewesen.

«Das Unternehmen hat eine lange Erfolgsgeschichte»

Zum Abgang von Zurich-Präsident Josef Ackermann, der nach dem Suizid zurücktrat, wollte Senn nicht Stellung nehmen. Dass die Zurich strategisch und operativ erheblichen Handlungsbedarf habe, wie Ackermann gesagt hatte, liess Senn dagegen nicht auf sich sitzen. «Die Fakten sprechen eine andere Sprache.» Während der gesamten Finanzkrise und in den vergangenen elf Jahren bis 2014 sei Zurich in jedem Quartal profitabel gewesen und habe immer eine attraktive Dividende ausgeschüttet. «Das Unternehmen hat eine lange Erfolgsgeschichte.»

Gleichzeitig verteidigte Senn seine Strategie. «Wir können jetzt etwas offensiver sein mit unseren Wachstumsabsichten.» Dazu gehörten moderat höhere Risiken auf der Anlageseite. «Wir nehmen aber keine Risiken in Kauf, die uns bei Rückschlägen an den Finanzmärkten in Bedrängnis bringen könnten», so Senn. Dennoch geriet der Versicherer 2015 in Schieflage. Im September musste Zurich eine Gewinnwarnung herausgeben und im Dezember musste Senn seinen Posten als CEO räumen.

«Offenheit der Schweiz darf nicht verhandelbar sein»

Ein grosses Anliegen war Senn die Offenheit der Schweiz. Der mit einer koreanischen Geigerin verheiratete Manager hatte viele Jahre in Asien gelebt, seine Karriere erlebte dort einen Höhenflug. «Die Schweiz ist ein ausgesprochenes Erfolgsmodell für alle Menschen, die hier leben, ob Schweizer oder ausländische Bürger», so Senn im «Bilanz»-Interview. Ein zentraler Pfeiler dieses Erfolgs sei die Offenheit – selbst wenn es gelegentlich zu Spannungen komme, etwa zwischen den USA und der Schweiz: «Im Kern ist es wichtig, dass wir einen offenen Austausch pflegen. Jeder Versuch, sich abzuschotten, nagt langfristig an diesem Erfolgsmodell.»

Die Bilateralen Verträge und die Personenfreizügigkeit seien wichtig für das Verhältnis der Schweiz mit dem europäischen Ausland. Das spiegle auch seine persönliche Meinung wider. «Die Offenheit der Schweiz darf nicht verhandelbar sein.»

«Unser Land wird assoziiert mit Qualität, Berechenbarkeit, Stabilität»

Diese Haltung betonte Senn im Interview mehrfach. «Als Vertreter einer Schweizer Gesellschaft bekommen Sie ausgesprochen gute Resonanz. Unser Land wird assoziiert mit Qualität, Berechenbarkeit und Stabilität. Wenn wir uns zu dieser Offenheit nicht bekennen, dann werden diese Grundwerte in Frage gestellt, und das hätte negative Folgen.» Wichtig sei, dass sich die Schweiz im Grundsatz zu ihrem Erfolgsmodell bekenne. Gleichzeitig, so Senn, habe man sich bei der Zurich nie mit einem Wegzug aus der Schweiz befasst.

Das gesamte Interview können Sie bei der «Bilanz» nachlesen.