Das Bundeshaus im Dezember. Die Wintersession der Eidgenössischen Räte neigt sich ihrem Ende zu. Ein Mitglied der Landesregierung wurde abgewählt, eine Bundesrätin frisch vereidigt, und die wählerstärkste Partei hat sich in die Opposition verabschiedet. Fritz Schiesser, konziliant und humorvoll im Umgang, sitzt im ersten Stock in einer Nische, grüsst Frau Egerszegi, grüsst Herrn Hämmerle, grüsst Frau Galladé und sagt: «Einfach ist der Abschied nicht, ich werde sie vermissen, all die Kolleginnen und Kollegen aus den Räten.»

Mit 54, wenn andere sich anschicken, ihre politische Laufbahn in neue, mitunter höhere Sphären zu schrauben, springt der Grundliberale aus dem Glarnerland ab und wendet sich Neuem zu. Er soll inskünftig den ETH-Rat präsidieren. Ein Amt, das er nach eigenen Angaben «mit einem gewissen Mass an Fatalismus» antritt. Als langjähriges Mitglied der Kommission für Wirtschaft, Bildung und Kultur sowie als Präsident des Nationalfonds kennt der Jurist den Schweizer Hochschulbetrieb zwar – dennoch kommt der Schritt teilweise einem Neuanfang, sicher aber einem Seitenwechsel gleich.

Arbeiten statt poltern

Als Parlamentarier hat er fast zwei Jahrzehnte lang mitbestimmt, wenn es um die Vergabe von Bundesgeldern an die Hochschulen gegangen ist; als Präsident des ETH-Rates nun agiert er auf der Seite des Empfängers. «Ich glaube, es kann nicht von Schaden sein, wenn an der Spitze der ETH jemand steht, der weiss, wie die Wege der Politik bei der Verteilung von Geldern angelegt sind», bemerkt Fritz Schiesser. Immerhin, es geht um 2 Mrd Fr., die der Bund den zur ETH gehörenden Institutionen jährlich zukommen lässt.

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Schiesser ist keiner, der sich vordrängt. Der Glarner geniesst weit eher den Ruf des stillen Schaffers denn jenen des lauten Polterers. Von seinen Kolleginnen und Kollegen quer durch alle Parteien wird er vor allem seiner Geradlinigkeit, seiner Umgänglichkeit, seiner profunden Voten und seiner Weitsicht wegen geschätzt. «Ich brauche das Rampenlicht tatsächlich nicht, scheue mich aber auch nicht vor Konflikten und Herausforderungen», bemerkt der 54-Jährige.

Jetzt, anlässlich seines Abschiedes von der Bundespolitik, schaut er zurück auf über 17 Jahre im Ständerat, in den ihn das Glarner Stimmvolk 1990 im Alter von gerade mal 36 Jahren gewählt hat. Der erste Vorstoss: Einer zugunsten der Fahrenden im Lande. Die grösste Herausforderung: Das Präsidium der PUK zum Debakel der Pensionskasse des Bundes. Das befriedigendste Amt: Das Präsidium der Kommission zum Nationalen Finanzausgleich. Die schönste Aufgabe: Das Ständerats-Präsidium.

Erfolg mit Menschen

Schiesser ist keiner, der sich permanent stressen lasse, der bei jeder Gelegenheit gleich in die Luft gehe – «ich bin im Sternzeichen des Stieres geboren, und als solcher geduldig und genügsam». Er schiebt sich die feingewirkte Brille zurecht und hebt mahnend den Zeigefinger. «Wenn man mich aber lange genug reizt, dann kann ich schon stampfen und schnauben.» Was ihn aufregt: Ungerechtigkeit und Phrasendrescherei. «Leute, die wichtig tun und mit Voten um sich schlagen, die ohne Inhalt sind, haben es bei mir schwer.»

Eintreten für einen Skate-Park

Der mit zahlreichen Vorschusslorbeeren bedachte neue ETH-Ratspräsident ist ein Mann des Konsenses. Lieber vermittelt und arbeitet er im Hintergrund geradlinig auf ein Ziel hin, als dass er zur Profilierung der eigenen Person Konflikte schürt. «Ob sie nun in der Politik tätig sind, in einem Unternehmen oder an der Spitze einer Institution, der entscheidende Faktor auf dem Weg zum Erfolg ist immer derselbe: Die Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten.»Fritz Schiesser ist Politiker durch und durch. «Zwei Drittel meiner Zeit war ich in den letzten Jahren als Parlamentarier unterwegs.» Fürchtet sich ein solcher Vollblutpolitiker nicht vor Entzugserscheinungen, etwa wenn in Bern die Räte tagen, Sessionen im Gange sind? Er lacht und hebt die Augenbrauen. Der Fall könne durchaus eintreten, und nicht zuletzt deshalb ziehe er sich nicht zur Gänze aus der Politik zurück: Sein Amt als Landrat im Glarner Kantonsparlament, das er seit 1985 innehat, will er weiterhin wahrnehmen.

Die Kommunalpolitik liegt dem Hasler genau so am Herzen wie die nationale. So hat er sich unlängst an vorderster Front stark gemacht für die Grossfusion der Glarner Gemeinden, so steht er aber auch ein für die Rehabilitierung von Anna Göldi, der Magd, die vor 225 Jahren des Hexentums angeklagt und hingerichtet worden ist. Darüber hinaus leistet er Sukkurs, wenn einige junge Burschen im Zigerschlitz einen Skate-Park bauen wollen. Seine Augen funkeln. «Leute mit guten Ideen und dem Willen, etwas Sinnvolles durchzuziehen, können auf meine Unterstützung zählen», begründet der Bauernsohn die Vielschichtigkeit seiner Engagements.

Die Affinität für Angelegenheiten und Probleme des Alltags hat sich beim gerechtigkeitsliebenden Schiesser schon in jungen Jahren eingestellt. «Mein Vater hat trotz grösstem Einsatz seinen Hof aufgeben müssen, von einem Tag auf den anderen hatte die Idylle am grossen Familientisch ein Ende. Das hat mich geprägt.»

Haltung bewahren

Auf dem Flur erscheint die neue Bundesrätin. Eben hat sie das Justizdepartement bekommen. Fritz Schiesser springt auf, grüsst, gratuliert. Nein, er habe Frau Widmer-Schlumpf nicht gewählt, erklärt er, als er wieder im Ledersessel Platz genommen hat. Seine Fraktion hätte damals beschlossen, sämtliche bisherigen Bundesräte in ihren Ämtern zu bestätigen – also auch Christoph Blocher. Der FDP-Politiker blinzelt. «Zu meinen Kollegen habe ich nur gesagt: So wählen wir ihn halt – mit ihm zusammenarbeiten müsst dann ja ihr, ich bin Ende Dezember weg.» Der Schalk verschwindet für einen kurzen Moment aus seinen Augen. Die Rede, die Christoph Blocher nach seiner Abwahl vor der Bundesversammlung gehalten habe, sei «nicht gut» gewesen. «Kein Vergleich zu dem, was Frau Metzler vor vier Jahren abgeliefert hat», bemerkt der langjährige Ständerat, für den Haltung zu wahren auch in der Niederlage Gültigkeit hat.

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Ein neues Jahr, eine neue Aufgabe. Der Wechsel vom Bundeshaus an die ETH, von Bern nach Zürich. Das Präsidium des strategischen Führungsorgans der Hochschulen beinhaltet offiziell ein 70%-Pensum, in der Praxis werden es weit mehr sein. Es gilt, zwei Bundeshochschulen und vier Forschungsanstalten nach langfädigen Diskussionen rund um Mittelzuteilung und Personalpolitik wieder auf Kurs zu bringen. Dass der Bundesrat ihn mit dieser heiklen Aufgabe zu betrauen gedenkt, davon hat Fritz Schiesser im Herbst gerüchteweise vernommen, justament zu jenem Zeitpunkt, als ihn das Glarner Stimmvolk für weitere vier Jahre ins Stöckli gewählt hatte. «Eine Tatsache, die mir schon ein bisschen Bauchschmerzen bescherte», gesteht Schiesser, der einst für die Politik auf eine akademische Laufbahn verzichtet hat.

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«Admiral auf einem Schiff»

Konkrete Ziele will Fritz Schiesser erst später öffentlich formulieren. Fürs Erste nur so viel: «Bildung, Lehre, Forschung sind in diesem Lande von zentraler Bedeutung, in meiner neuen Funktion will ich dazu beitragen, dass die ETH im internationalen Wettbewerb vorwärts kommt – die Konkurrenz schläft schliesslich nicht.» Bezüglich seiner neuen Aufgabe zieht Schiesser, der beim Kneipp-Gang Erholung findet und neue Energie schöpft, Parallelen zur Seefahrt. Er sagt: «Die ETH ist ein Flaggschiff. Und wer möchte nicht Admiral sein auf solch einem Schiff?»