Google-Mitarbeiter sind in New York, Zürich und Singapur auf die Strasse gegangen, um gegen Sexismus im Konzern zu demonstrieren: ein erstaunliches Phänomen. Wenn Mitarbeiter streiken, hat sich die Situation oft lange zugespitzt, sie ist verfahren, nahezu aussichtslos, vor allem für die Mitarbeitenden. Jede Lösung wird im Zweifel langwierig, kräftezehrend, teuer.

Der #Google-Walkout hatte eine andere Qualität. Sicher, auch hier ist der global koordinierte Protest ein Ausdruck davon, wie ernst es den Mitarbeitenden ist. Das zeigen auch die Forderungen, die die Mitarbeiter aufstellen – sie verlangen umfassende und tiefgreifende Massnahmen, um Sexismus und sexuelle Belästigung im Unternehmen zu beenden.  

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Gleichzeitig ist der Protest kein Ausdruck von Ohnmacht, sondern von Macht. Das zeigt auch die selbstbewusste Forderung, dass künftig nicht nur der Diversity-Vertreter direkt an den Konzernchef berichtet, sondern dass ausserdem ein Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat sitzt.

Eine solch starke Position der Arbeitnehmervertreter kennt sonst eher die Stahl- oder die Autoindustrie. Klassische Konzerne der Industrialisierung, das Zentrum der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Volkswagen ist hier wohl ein herausragendes Beispiel, wo der Betriebsratschef eine zentrale Machtfigur in der Unternehmensleitung darstellt.

Tech-Mitarbeiter treten das Erbe der Arbeiterbewegung an

Die Tech-Konzerne treten also auch hier das Erbe des Industriezeitalters an. Die Mitarbeitenden von Google haben darum Macht, weil ihre Qualifikationen rar sind und weltweit nachgefragt werden. Jetzt nutzen die Angestellten diese Ausgangslage, um die Firmenkultur entscheidend mitzuprägen.

Wie weit die neue Macht der Tech-Mitarbeiter geht, zeigen diverse Entwicklungen in den vergangenen Monaten. Schliesslich beschränken sich die Google-Mitarbeiter – und ihre Kollegen bei anderen Tech-Konzernen – nicht auf den Widerstand gegen unhaltbare Zustände.

Sie nehmen auch Einfluss auf Geschäftsentscheide des Unternehmens. So haben Googler erfolgreich durchgesetzt, dass der Konzern einen Vertrag mit dem Pentagon auslaufen lässt, durch den KI-Algorithmen von Google für die Entwicklung militärischer Drohnen eingesetzt wurden. Jeff Bezos und Microsoft-Chef Brad Smith sagten daraufhin umgehend, dass Tech-Konzerne dem Militär nicht den Rücken zuwenden sollten.

Eigentlich ist es erstaunlich, wie lange Googler und andere Tech-Mitarbeiter brauchten, um ihre Macht zu entdecken. Der Google-Walkout zeigt, dass ihnen ihr Einfluss langsam bewusst wird.

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