Als Bankinformatiker will Francisco Fernandez die Trends in der Finanzbranche frühzeitig erkennen. Bei der Lektüre von Zeitungen und Fachmagazinen interessieren den Chef des Softwarehauses Avaloq aber nicht nur die Fusionen und Kooperationen in der Bankenszene; ebenso sehr beschäftigt ihn, was bei der Subprime-Krise alles falsch gelaufen ist. Das erstaunt kaum, denn die Banken sind seine Auftraggeber, und einige von ihnen müssen sich derzeit gegen riesige Verluste aus US-Ramschhypotheken stemmen. «Was könnte die IT beitragen, damit sich die Situation in einem solchen Fall künftig entschärfen liesse?» fragt sich der Informatikingenieur in seinem Büro, das mit den vielen gestapelten Arbeitspapieren eher an eine kreative Denkwerkstätte erinnert.

Patentrezepte kann er nicht präsentieren. Das wäre auch vermessen. Aber die Fragestellung verdeutlicht seine Vorliebe für Strukturen und Details. «Schon als Kind habe ich jedes Motörchen auseinandergenommen und es nachher oft etwas anders wieder zusammengesetzt.»

Rockmusik im Keller

Wer jetzt glaubt, hier sitze ein nüchterner Techniker, sieht sich getäuscht. Francisco Fernandez hat auch eine sehr musische Ader. «Während des Gymnasiums war die Musik für mich wichtiger als die Schule.» Jede freie Minute sei er mit den Kollegen seiner Band ins Kellergeschoss abgetaucht und habe Rockmusik gemacht. Als knapp 20-Jähriger fühlte sich der Innerschweizer zwar von Mathematik und Naturwissenschaft fasziniert, aber gleichermassen liebäugelte er mit einem Musikstudium in Boston.

Zur gleichen Zeit tauchten die ersten Rechner mit einem Magnetkartenstreifen auf. Stundenlang begann der Student nun zu programmieren, weil er sich mit dem Systematisieren von mathematischen Formeln auch den schulischen Alltag vereinfachen wollte. Das anschliessende Informatikstudium an der ETH in Zürich, damals noch eine junge Wissenschaft, war die logische Folge. Bei einem Rekrutierungsgespräch mit Hochschulabgängern lernte er Martin Ebner kennen, der mit seiner 20-köpfigen BZ-Bank gleich viel Umsatz erzielte wie die UBS. Mit neu lancierten Derivaten und Optionen galt der junge Bankier damals als Shooting Star.

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Viel Zeit für die Kunden

Francisco Fernandez fühlte sich von diesen Innovationen angezogen. Aus Neugier blieb er bei der BZ-Informatik hängen. Die Bank wäre für ihn zur beruflichen Durchgangsstation geworden, hätte sich nicht schon zwei Jahre später die Möglichkeit zur zukunftsweisenden Veränderung ergeben: «Martin Ebner hat den Mut gehabt, die Informatik in die Selbstständigkeit zu entlassen.»

Der unkonventionelle Financier Fernandez war damit auch ein Pionier beim Outsourcing. Mit einem Mangement-Buyout wurde 1991 der Grundstein für die heutige Avaloq gelegt. Fernandez war von einem Tag auf den andern ein eigenständiger Unternehmer. Einige wichtige Grundsätze des BZ-Chefs bleiben bis heute verinnerlicht: «Er hat mich gelehrt, alle Dinge exakt und strukturiert durchzudenken.» Zudem habe sich der Bankier immer wieder symbolisch den Kundenhut aufgesetzt und die eigene Tätigkeit aus dieser Perspektive beleuchtet.

Mit der kleinen BZ Informatik aus den 80er Jahren lässt sich das heutige Unternehmen kaum mehr vergleichen. Statt einer Hand voll Informatiker stehen jetzt über 450 Mitarbeiter für Avaloq im Einsatz. Sie entwickeln Kernbankenlösungen, die vereinfacht als «Maschinenparks einer Bank» bezeichnet werden.

Seit acht Jahren wirkt Francisco Fernandez als CEO ganz an der Firmenspitze. Bleibt da überhaupt noch Zeit, um sich an vorderster Stelle mit den Neuentwicklungen bei den einzelnen Banken zu befassen? Notwendig sei ein ausgewogenes Tätigkeitsportfolio. «Ich muss festlegen, wie viel Zeit für die interne Organisationsentwicklung und wie viel für den Kundenkontakt eingesetzt wird.»

Heute codiert er allerdings nicht mehr, sondern hilft, die Software auf einem abstrakten Niveau weiterzuentwickeln. Die Softwarelösungen liegen in den Händen junger Informatikingenieure und -ingenieurinnen und werden in Kooperation mit den langjährigen Spezialisten des Hauses vorangetrieben. Ein Drittel seiner Arbeitszeit ist für die Kunden reserviert.

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In der rasch wachsenden Firma sieht Francisco Fernandez seine Hauptaufgabe nicht darin, ständig neue Organigramme zu schreiben. Zentral sind für ihn vor allem die Ablauf- und Kooperationsstrukturen: «Der Umgang mit dem Wandel muss für uns in der jetzigen Phase zu einer Kernkompetenz werden.» Es wird laufend neu festgelegt, wie die Menschen innerhalb der Organisation und über die Unternehmensgrenzen hinweg mit Entwicklungspartnern, Implementierungsspezialisten und Kunden zusammenarbeiten.

Der Spezialist für Bankensoftware holt sich seine Mitarbeiter von Informatikschulen und aus dem praktischen Finanzmetier. Für den Avaloq-Chef ist es ein «interdisziplinärer Prozess». Es sind Businessanalysten mit einem ökonomischen Background und qualifizierte Informatiker auf Universitätsniveau. Wichtig sind ihm gute Kenntnisse der Bankbranche.

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Bei der Beförderung in Kaderpositionen werden die eigenen Leute bevorzugt. Schliesslich würden beträchtliche finanzielle Mittel in die Weiterbildung fliessen. «Wenn die Karriere danach ausserhalb der Firma erfolgt, ist das ein kostspieliger Brain-Drain.» Damit es nicht zur Betriebsblindheit komme, seien aber regelmässig neue Impulse von aussen nötig. Die Folge davon: Das mittelgrosse Unternehmen zählt bereits Beschäftigte aus über 30 Nationen.

Verdaubare Zukäufe

Die Internationalisierung ist jüngst ein gutes Stück vorangekommen. Es gehört zur Strategie von Avaloq, die europäischen Finanzinstitute global zu begleiten. «Die stark expandierenden Märkte bieten für uns ein grosses Potenzial», sagt Francisco Fernandez. Im letzten Jahr wurden erste Stützpunkte in Luxemburg und Singapur zur besseren Betreuung von Kundenprojekten eröffnet. Grosse Akquisitionen sind nicht geplant. Eher sieht der Firmenchef kleinere, verdaubare Zukäufe, bei denen der kulturelle Fit stimmt. Bankensoftware ist für ihn ein exzellentes Exportgut, weil das Swiss Banking weltweit einen hervorragenden Ruf hat.

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Musischer Ausgleich

Die Entwicklung von komplexen Softwarelösungen verlangt viel Geld. Steht zur besseren finanziellen Abstützung auch ein Going public zur Diskussion? Francisco Fernandez schliesst das nicht aus. Das Geld sei allerdings im Moment nicht der Flaschenhals. Sobald man aber eine gewisse Grösse erreicht habe und in den wichtigsten Märkten verankert sei, setze ein Multiplikatoreffekt ein, bei dem Avaloq mit zusätzlichen finanziellen Mitteln schneller wachsen könne. «Ein Börsengang kann durchaus ein sinnvoller Beschleuniger sein.»

Vorderhand schätzt der CEO die kurzen Entscheidungswege. Obwohl er gemeinsam mit einem Partner Mehrheitsaktionär ist, gelte bei den Verwaltungsratssitzungen und Geschäftsleitungsmeetings nicht die Stimmenmehrheit, sondern es zähle das Argument und die Überzeugungskraft. Von Zurücklehnen ist beim leidenschaftlichen Softwareentwickler nichts zu spüren. «Solange die Aufgabe Spass macht, und das tut sie, bleibe ich dabei.» Den musischen Ausgleich holt er sich jeweils nachts beim Klavierspiel, nicht mehr im Keller wie früher mit der Rockband. Jetzt hat er sich in seinem Haus ein eigenes Musikzimmer eingerichtet.

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