Er sitzt auf dem derzeit spannendsten Telekom-Chefsessel: Orange-CEO Thomas Sieber. Stimmt die Wettbewerbskommission (Weko) der Fusion von Orange und Sunrise zu, wird Sieber das neue Unternehmen leiten. Damit wird er Herr über 3,1 Mrd Fr. Umsatz und einen Betriebsgewinn (Ebitda) von 0,8 Mrd Fr. «Auf Augenhöhe» mit der Swisscom will Sieber sein, sprich, der Marktleaderin einheizen.

Gleich zu Beginn des neuen Gebildes wird der 47-Jährige dann aber zum Rotstift greifen müssen: Die Rede ist von bis zu 500 Stellen, die der Fusion zum Opfer fallen könnten. 200 Mio Fr. an Synergien wollen die beiden Unternehmen Jahr für Jahr erzielen, und das ist eine eher konservative Schätzung. Sieber selbst bestätigt, dass ein Stellenabbau unausweichlich ist, unterstreicht aber, dass die Anzahl Stellen, die abgebaut werden könnten, nicht vor dem Weko-Entscheid definiert werden könne.

Sympathie bei Sunrise-Leuten

Sieber stiess erst im August 2009 zu Orange, zuvor arbeitete er 20 Jahre lang in der IT-Branche. Die ist zwar verwandt, doch ein «richtiger Telekömler» ist Sieber nicht. Dass der branchenweit bekannte Sunrise-Chef Christoph Brand seinen Posten nach der Fusion wird räumen müssen, stiess vor allem vielen Sunrise-Leuten sauer auf. Zumal Brand mit dem Unternehmen in den letzten Monaten den Turnaround geschafft hat und damit den Verkauf der Firma erst möglich machte. Bei Sunrise, berichten mehrere Mitarbeiter, herrsche ein «Siegerspirit». Nicht wenige hätten das Gefühl, hier habe der Schwächere den Stärkeren übernommen.

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Dennoch hat Sieber bei den Sunrise-Leuten mit dem Auftritt in Zürich-Oerlikon einen guten Eindruck hinterlassen. Er habe «authentisch» und «sympathisch» gewirkt, berichten Anwesende. Natürlich sei es ein Nachteil, dass Sieber nicht aus der Telekombranche komme, doch er gehe offen damit um und versuche nicht, etwas vorzuspielen, was er nicht sei.

Die Rolle des «Neuen» kennt Sieber bei Orange ohnehin: Er rückte erst vor Kurzem nach zehn-jähriger Amtszeit seines Vorgängers Andreas Wetter auf den Chefsessel nach. Wetter war «Mr. Orange» in der Schweiz, auch intern. Doch Wetter zog sich aufs VR-Präsidium des Unternehmens zurück. Nun hat er eine eigene Firma gegründet, um seine zahlreichen Mandate, die er fürs Orange-Mutterhaus France Télécom innehat, besser bündeln zu können.

Wie gut sich Wetter und Sieber persönlich mögen, darüber scheiden sich in der Branche die Geister. Sieber sagt: «Mein Verhältnis zu Andreas Wetter ist sehr gut. Wir tauschen uns regelmässig aus und hinterfragen dabei gegenseitig unsere Meinungen. Das hilft mir, meinen eigenen Standpunkt selbstkritisch und aus einer anderen Perspektive zu überprüfen.»

Überhaupt, so Sieber, habe es auch Vorteile, wenn ein Chef von aussen komme: «Besonders aufgefallen ist mir die Begeisterung. Die Begeisterung der Mitarbeitenden für das Unternehmen, für die Marke Orange, für die Dynamik des Geschäfts und der Branche. Hierzu ist das internationale IT-Grosskundengeschäft doch eher eine nüchterne Materie.»

Beruflich viel auf Reisen

Schon in seiner aktuellen Funktion ist Sieber ein beruflicher Nomade. Wohnhaft im zürcherischen Stäfa, arbeitet er ungefähr zwei Tage am Hauptsitz in Renens, zwei Tage am Sitz in Zürich und einen Tag am Sitz in Biel. «Je nachdem, an welchem Standort ich arbeite und woher ich anreise, arbeite ich zuerst vom Home Office aus und treffe dann zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr im Büro ein.» 70 bis 80% des Tages verbringt er in der Regel in Sitzungen - mit Kunden, Geschäftspartnern, Projektteams und anderen. So gegen 22 Uhr ist er in der Regel wieder zu Hause. Zusätzlich gibt es Auslandreisen: «Monatlich stehen ungefähr zwei oder drei Reisen nach Paris an den France-Télécom-Hauptsitz oder in andere Länder an internationale Meetings innerhalb der weltweit tätigen Orange-Gruppe an.»

Das Reisen gehörte schon immer zu seiner beruflichen Tätigkeit. Vor seinem Wechsel zu Orange hatte er zwischen Sommer 2001 und Sommer 2009 verschiedene Positionen bei Fujitsu Siemens inne, zuletzt amtete er als Executive Vice President, Leiter Verkauf. Noch früher arbeitete Sieber beim Computerkonzern Hewlett-Packard. In seinen damaligen Positionen war er auch in Deutschland und Russland tätig.

Als Ausgleich zu den vielen Sitzungen und den Reisen treibt Sieber Sport. Er spielt Golf, im Winter fährt er zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern auch mal Snowboard oder Ski. Zudem liest Sieber gerne - und zwar nicht nur Fachliteratur, sondern durchaus auch Belletristik.

Aufgewachsen in Netstal GL, strahlt Sieber zuweilen diese für «Bergler» typische Gelassenheit aus. Obwohl er seit über 20 Jahren im Grossraum Zürich wohnt, geht der 47-Jährige immer gerne wieder «nach Hause» zurück. In Glarus hatte er die Matura Typ C (naturwissenschaftliches Gymnasium) absolviert, bevor er 1987 an der Universität St.Gallen sein Lizenziat in Wirtschaftswissenschaften erlangte.

Wenn die Wettbewerbskommission im Frühsommer den Deal zwischen Orange und Sunrise absegnet - und davon darf man ausgehen -, will der neue Gigant vor allem im Mobilfunk seine Marktmacht ausspielen. Denn im Mobilfunk gilt: Wer einen hohen Marktanteil hat, der erzielt auch eine höhere Marge. Bisher war diese sowohl für Orange wie auch für Sunrise bescheiden und lag unter dem europäischen Durchschnitt.

Sieber bestätigt: «France Télécom und TDC haben als Eigentümer von Orange und Sunrise erkannt, dass jedes Unternehmen für sich allein nur schwer die notwendigen Skaleneffekte realisieren kann, die ein ernsthaftes Herausfordern der historischen Anbieterin erlauben. Der geplante Zusammenschluss wird den Eigentümern auch eine Rendite sicherstellen, die mindestes im Durchschnitt anderer Investitionsmöglichkeiten liegt.»

In einer ersten Phase nach der Fusion wird das neue Unternehmen wohl mit beiden Namen am Markt agieren. «Es wäre sicher sehr überraschend, wenn der Name Orange verschwinden würde. Aber auch der Name Sunrise ist gut eingeführt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir in nächster Zeit mit beiden Namen am Markt auftreten werden», sagt Sieber.

iPhone macht sich bezahlt

Mit dem eben abgelaufenen Weihnachtsgeschäft ist man bei Orange zufrieden. Das iPhone von Apple, das Orange neben der Swisscom exklusiv in der Schweiz vertreiben durfte, erwies sich einmal mehr als Zugpferd. Auch unter dem Strich, so Sieber, habe sich das iPhone bezahlt gemacht: «Die Behauptung, die Einführung und der Verkauf des iPhones rechneten sich nicht für uns, ist absurd. Nebst den verkauften Stückzahlen des iPhone selbst, dem rund 30% höheren Umsatz, den uns die iPhone-Kundinnen und -Kunden mit der Nutzung der mobilen Datendienste und der intensiveren Nutzung der Sprachtelefonie bringen, darf auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass das iPhone einen wahren Smartphone-Boom nach sich gezogen hat.»

An diesem Boom will Sieber mit seinem Unternehmen dieses Jahr weiter partizipieren. Und mit Sunrise an der Seite kann Orange endlich auch eigene, preislich attraktive Bündelangebote zwischen Mobilfunk und Festnetz anbieten. «Diese Fusion», ist Sieber deshalb überzeugt, «ist für unsere Kunden auf jeden Fall positiv.»

Und für ihn selbst ist sie die ganz grosse Chance, sein Meisterstück in der Telekombranche abzulegen.