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Der Reiz, fast Unmögliches zu erreichen

Herausforderungen geht der neue ETH-Zürich-Präsident mit sportlichem Elan an. Was den Führungsstil anbelangt, hält er es mit dem heiligen Benedikt. Professor Ralph Eichler über den Spagat zwischen cha

Von Flavian Cajacob (TEXT)jürg waldmeier (FOTOS)
am 31.10.2007

RALPH EICHLER. Dicke Luft hat in den letzten Monaten unter der mächtigen Kuppel des ETH-Hauptgebäudes an der Zürcher Rämistrasse geherrscht. Nach nicht einmal einem Jahr hatte im November 2006 der damalige Präsident der Hochschule, Ernst Hafen, das Handtuch geworfen: Hafen war mit seinen Reformplänen, was die Ausrichtung der ETH Zürich anbelangte, am Widerstand der Professoren gescheitert. Die anschliessende Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich alles andere als einfach. Der Kronfavorit für das Amt, der Hirnforscher Martin Schwab, sah sich alsbald mit seiner Vergangenheit konfrontiert (der ETH-Rat wollte «Unkorrektheiten» in dessen Forschungsarbeit ausgemacht haben und erklärte den Kandidaten als unwählbar) und zog seine Kandidatur im letzten Moment zurück; aufgrund von «Budgetbeschlüssen», wie Schwab damals betonte.

Alsbald machte die Kunde von schulinternen «Intrigen», «Querelen» und «Krisen» die Runde. Der Kelch ging schliesslich an Ralph Eichler, den Direktor des zum ETH-Bereich gehörenden Paul-Scherrer-Instituts. Der 59-jährige Physiker gilt als ruhiger, besonnener Wissenschaftler, der über ein eng gesponnenes Beziehungsnetz und grosse Führungserfahrung verfügt. Aufgrund des Zustandekommens seiner Wahl haftet ihm allerdings zuweilen der Ruf des «Lückenbüssers» an.

Kein Lückenbüsser

Herr Eichler, Sie sollen zu Ihren Kollegen im ETH-Rat gesagt haben: «Ich mache dieses Amt nur, wenn ihr mich dazu zwingt!» Seit dem 1. September 2007 sind Sie nun Präsident der ETH. Das lässt eigentlich nur einen Schluss zu. – Ralph Eichler, der angetreten ist, das Flaggschiff binnenländischen Ingenieurwesens wieder in ruhigere Gewässer zu steuern, verzieht die Mundwinkel. Ein mildes Lächeln huscht über seine Lippen. Dann sagt er, der Frage mittlerweile wohl überdrüssig: «Ach, was in diesem Zusammenhang nicht schon alles geschrieben worden ist. Ich sage Ihnen: Wenn man wie ich bald 60 ist, dann kann man durchaus Nein sagen. Ich bin keineswegs zur Übernahme dieses Amtes gezwungen worden, und ich fühle mich auch nicht als Lückenbüsser. Ich habe mich auf diese Aufgabe sehr gefreut.» Die Aussicht, mit der ETH eine der berühmtesten Hochschulen der Welt zu führen, habe er nicht ausschlagen können. «Die ETH ist ein Magnet für Studierende und Forschende. Sie hat in den vergangenen Jahren immer wieder Reformen durchgeführt und ist bereit, sich neuen Gegebenheiten anzupassen.»

Intellektuell und experimentell

Ralph Eichler wusste schon immer, dass er Physiker werden wollte. Den Entscheid habe er mit sechs Jahren gefällt. «Der Weltraum wurde erobert und am Radio liefen Sendungen mit populärwissenschaftlichem Inhalt. Das hat mich fasziniert.» Mit zehn habe er sich für die Quantenmechanik zu interessieren begonnen und über das neue Verständnis gegenüber der Materie gelesen. «Mein erster Vortrag am Gymi hat vom Bohrschen Atommodell gehandelt, da war ich elf.» Im Jahr seiner Matur holte er bei «Schweizer Jugend forscht» mit der Konstruktion eines Computers, der zweistellige Ziffern lesen konnte, den Preis.Herr Eichler, können Sie zu Hause auch einen Nagel einschlagen? – Das erste Erstaunen über die Frage weicht alsbald wieder mildem Lächeln. «Natürlich kann ich einen Nagel einschlagen. Ich bin ja nicht nur intellektuell, ich bin vor allem experimentell!» Er wäre, bemerkt der in einem akademischen Haushalt aufgewachsene Schnelldenker, gerne auch Ingenieur geworden. Planen, projektieren, probieren: «Ich finde es wichtig, dass man die Wissenschaft nicht als abstraktes Thema betrachtet, sondern als etwas, das nachvollziehbar, erlebbar ist.» Selber ist er sich denn auch nicht zu schade, vor zehnjährigen Ferienpass-Teilnehmern eine Vorlesung zu halten und mit Coladosen und Campingkocher zu hantieren, um den Kindern die Auswirkung von schwankendem Luftdruck effektvoll vor Augen zu führen.

Zusammen mit der Wirtschaft

Als Präsident der ETH trägt Ralph Eichler die rechtliche und politische Verantwortung für die Schule. Er führt die Geschäfte und hat den Vorsitz in der Schulleitung inne, vertritt die Hochschule nach aussen. Er legt die Ziele der Bereiche Lehre, Forschung und Dienstleistungen fest. «Ich ermuntere die Professoren zur Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, denn die Privatunternehmen wissen, wo die Märkte sind», führt der «CEO der ETH» aus, stellt gleichzeitig aber klar: «Das Niveau der ETH ist bei so einer Kooperation bestimmend. Es darf nicht sein, dass wir, nur um Geld zu verdienen, Forschungsprojekte annehmen, unter denen das Renommée der Hochschule leidet.» In seiner Funktion bereitet der 59-Jährige des weitern die Berufung der Professoren und Professorinnen vor und ernennt die Departementsvorsteher, entscheidet über das Budget und teilt die Mittel den jeweiligen Schulleitungsbereichen und Departementen zu.Herr Eichler, es gibt Stimmen, die anmerken, die grosse ETH Zürich sei bei der Geldverteilung gegenüber der viel kleineren ETH Lausanne benachteiligt worden: 10 Mio Fr. gegenüber 30 Mio Fr. – Die Zuteilung der Bundesgelder ist ein heikles Thema. «Wir haben beide mehr bekommen», gibt sich Ralph Eichler diplomatisch. Er schüttelt den Kopf: «Wir sollten in der Schweiz stolz darauf sein, dass wir uns zwei Spitzenhochschulen leisten können.» Der ausgezeichnete Ruf, den die ETH Zürich heute geniesse, gründe darin, dass sie in der Vergangenheit finanziell genügend unterstützt worden sei.Er appelliert an die Parlamentarier. «Wenn man dieses Niveau beibehalten will, dann muss man konstant investieren. Wenn man kürzt, dann bekommt man die guten Leute nicht mehr, was sich letztlich auf das Renommée auswirkt.» Die ETH wachse, was die Studentenzahlen anbelange. Die Mittel, die ihr zur Verfügung stünden, blieben allerdings fast konstant. Wolle man das Betreuungsverhältnis aufrechterhalten, so müssten neue Professuren eingerichtet werden, so Eichlers Forderung, der seine tägliche Tätigkeit mit einem Spagat vergleicht: «Die Professoren haben ihre eigenen Ideen. Damit sie kreativ und erfolgreich sein können, muss man ihnen Freiheiten gewähren. Gleichzeitig braucht es ein Minimum an Struktur, damit der Betrieb funktioniert.»

Der Reiz des Schwierigen

Seine Managementfähigkeiten hat sich der neue ETH-Präsident in der Praxis angeeignet, vor allem am PSI und in Hamburg, wo er Teams von bis zu 400 Forschern geführt hatte.Bezüglich seiner Führungsprinzipien orientiert er sich an den Worten des heiligen Benedikt. «Wenn man seine Anweisungen zur Führung eines Klosters auf die heutige Zeit münzt, dann merkt man: Da ist vieles noch genau gleich.» Etwa, dass jeder nach seiner Fähigkeit gefordert werden soll oder dass Vorbildcharakter ein unabdingbares Führungsinstrument ist. Herausforderungen geht Eichler mit sportlichem Elan an – man müsse sich zuweilen über Mass anstrengen, um ins Ziel zu gelangen. Das Mögliche erreichen, das sei nicht spannend, weil es ja jeder könne. Das fast Unmögliche zu erreichen, dies sei die grosse Herausforderung, die ihn mit Freude erfülle.Herr Eichler, macht die Führung der ETH Freude? – Prof. Dr. Ralph Eichler lächelt. «Sie wollen wissen, warum ich das Amt übernommen habe?» Er überlegt kurz. «Die damit verbundenen Aufgaben sind genügend schwierig, dass sie noch Freude machen.»

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