Der Arbeitstag war anstrengend, und Sie haben nur einen Wunsch: Heimfahren, Beine hochlegen und bei einem Tässchen Tee entspannen. Aber ausgerechnet heute Abend steht ein Firmenanlass auf dem Programm. Und dort könnten Sie sich mit dem Teamleiter bekannt machen, in dessen Abteilung gerade attraktive Stellen besetzt werden. Sie wollen sich einen dieser Jobs angeln? Dann gibt es kein Pardon: An diesem Anlass kommen Sie nicht vorbei.

Im Prinzip schon Profis

«Das persönliche Kennenlernen ist die halbe Miete», sagt Astrid van der Haegen, Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz. Frei nach dem Motto «Tue Gutes und sprich darüber» sollten sich ambitionierte Frauen deshalb öfter beim Lunch oder Feierabend-drink blicken lassen. Denn diese informellen Gespräche mittags im Restaurant oder abends an der Bar seien oft wegweisend, um Projekte mehrheitsfähig zu machen oder seine Bedürfnisse zu platzieren. Doch die Erfahrung zeigt: Berufsfrauen wollen den Spagat schaffen zwischen Privatleben und Job. Deshalb setzen sie andere Prioritäten und verbringen einen freien Abend lieber mit dem Partner, den Kindern, Freunden oder allein daheim.

Vertrauen erarbeiten

Und das, obwohl Frauen eigentlich Meisterinnen im Networking sind. Aber ihre Stärken lagen bis jetzt eher darin, im Privaten weitgespannte soziale Netze zu unterhalten, sagt Petra Rohner, Mit-Initiatorin der Internetplattform Swonet (Swiss Woman Network, bald: www.swonet.ch), die Schweizer Frauennetzwerken einen gemeinsamen Auftritt geben möchte. Berufstätigen Frauen sei heute zwar klar, dass sie auch im Job um nützliche Kontakte nicht herumkommen. Allein, wie sie es im Berufsumfeld am besten angehen, daran hapere es noch. Einer der wichtigsten Grundsätze für Netzwerkarbeit: Sich von Gedanken verabschieden, Kontakte knüpfen bedeute Einsatz von «Vitamin B», und das sei etwas Verwerfliches. Es gehe nicht darum, Beziehungen auszunutzen, um sich mangels Kompetenz einen Vorteil zu verschaffen, sagt Unternehmensberaterin Annette Isenschmid (siehe «Nachgefragt»).

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Sich auch mal rar machen

Beim Networking gibt es zudem nichts geschenkt. «Von jemandem empfohlen zu werden, dieses Vertrauen muss ich mir zuerst erarbeiten», betont Petra Rohner. Doch der Einsatz lohnt sich: Gerade persönliche Empfehlungen seien heute oft entscheidend, wenn neue Stellen besetzt oder Aufträge vergeben werden. Und für solche Zwecke sind auch Kontakte ausserhalb des Betriebs notwendig, betont van der Haegen. Äusserten sich Dritte ? Lieferanten, Kunden, einflussreiche Persönlichkeiten ? gegenüber Vorgesetzten positiv, könne dies ernorm wirken.Ergo: Verschieben Sie den kuscheligen Tee-Abend aufs Wochenende und mischen Sie sich unter die Berufsleute ? aber nicht blindlings. Beim klugen Kontakteknüpfen kommt es aufs feine Gespür und die richtige Strategie an. Und das heisst: Öfter mit von der Partie sein, sich aber auch mal rar machen. Wer sich den Ruf einhandle, bei jeder «Hundsverlochete» dabei zu sein, tue sich auch keinen Gefallen, warnt van der Haegen.

 

 

NACHGEFRAGT
«Netzwerken ist Geben und Nehmen»

Annette Isenschmid, Inhaberin, Isenschmid Consulting

Warum geht bei der Karriere nichts ohne die richtigen Kontakte?

Annette Isenschmid: Weil es nicht reicht, gute Arbeit zu leisten. Ich kann im Job noch so top sein und ein riesiges Aufstiegspotenzial haben, wenn es keiner mitbekommt, trete ich auf der Stelle. Werbung in eigener Sache gehört dazu. Es ist wichtig, an der richtigen Stelle für sich zu werben.

Und das fällt Frauen schwer?

Isenschmid: Ich glaube nicht, dass es Frauen schwer fällt. Sie unterschätzen einfach den Stellenwert des Networking. Zu viele vertrauen darauf, dass es schon jemand merken wird, wie gut sie sind. Aber so funktioniert das nicht. Wer vorankommen will, muss sich positionieren, Ansprüche formulieren, Kontakte knüpfen und pflegen.

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Nach oben kommen mit «Vitamin B»?

Isenschmid: Nein, es geht nicht darum, sich aus Mangel an Kompetenz einen Vorteil zu verschaffen oder Beziehungen auszunutzen. Networking heisst, Beziehungen aufbauen und Informationen austauschen. Und auf seine Ambitionen und Stärken bei den richtigen Leuten immer wieder aufmerksam machen. Das sind im Business die Spielregeln ? für Männer wie für Frauen.

Kontakte knüpfen unter dem Gesichtspunkt, wer mir etwas nützen könnte ? ist das nicht berechnend?

Isenschmid: Ausschlaggebend ist, ob ich fähig bin, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Natürlich geht es darum, diese Kontakte als Türöffner zu nutzen. Ein gutes Netzwerk lebt aber vom Geben und Nehmen. Es kommt darauf an, sich gegenseitig zu unterstützen und weiterzuempfehlen. Wer also nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, aber zurückkrebst, wenn einen die anderen um einen Gefallen bitten, manövriert sich schnell ins Abseits.

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Ist es falsch, sich beim Firmenanlass nur mit Kolleginnen im hintersten Winkel zu verkrümeln?

Isenschmid: Es kommt darauf an, was Sie vorhaben. Wenn es für diesen Abend Ihr Ziel war, sich dem neuen Abteilungsleiter vorzustellen, sollten Sie die Gelegenheit nutzen. Das ist ein Effort und kostet Mut. Aber diese Chance würde ich mir nicht entgehen lassen. Nur wenn man Sie kennt, wird man sich im entscheidenden Moment an Sie erinnern.