Wer Dominique Biedermann gegenübersitzt, muss ständig auf der Hut sein, dass der Ethos-Geschäftsführer nicht alle paar Minuten auf sein liebstes Thema zu sprechen kommt - nämlich die Aktionärsrechte. Was man ihm angesichts seiner Etappensiege bei Nestlé, UBS, CS oder ABB und soeben bei Novartis nicht verdenken kann. Immerhin ist es Ethos gelungen, das Anliegen nach konsultativen Abstimmungen über Vergütungen der Führungselite durchzusetzen und diese für eine Trennung der Funktionen eines Verwaltungsratspräsidenten und eines CEO zu sensibilisieren.

Prägende Kinderstube

Wie kommt es, dass einer seit zehn Jahren so beharrlich sein Ziel verfolgt, um Aktionäre dazu zu bringen, vermehrt auf ihre Rechte zu pochen? Hat er schon als Bub beim Schwarzpeter nicht gemogelt? Oder darauf geachtet, dass seine Geschwister gleich viele Schokoladetäfelchen bekamen wie er? «Ja, bei uns zu Hause wurde grosser Wert auf Anstand im Umgang mit dem anderen gelegt, auch darauf, dass alle Geschwister eine Gleichbehandlung bekamen. Das hat mich beeinflusst.»

Aber nicht nur. Biedermann erwähnt, dass er in einem katholischen Milieu gross wurde, auch heute noch ein aktives Mitglied der örtlichen Pfarrgemeinde ist und im Laufe der letzten Jahre in verschiedenen Funktionen im Dienst der Kirche gearbeitet hat. Etwa in der auch von anderen Religionsgemeinschaften geachteten Kommission Justitia et Pax, welche die Bischöfe in sozialethischen Fragen berät, oder in der GPK für das Fastenopfer, welche über die gerechte Verteilung der zugeflossenen Mittel wacht. Dieses Engagement für Gerechtigkeit und für den Schutz derer, die sich selber zu wenig wehren, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Biografie.

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Doch neben all der Ernsthaftigkeit und Seriosität, die ihn auszeichnen, hat Dominique Biedermann durchaus auch seine humorvollen Seiten. Schon als Jugendlicher und später als Student hatte er mindestens ein halbes Dutzend ausserschulische Jobs inne.

Noch heute hellen sich seine Züge auf, wenn er daran denkt, wie er in der Coop-Filiale in Genf während der Stosszeit die Kasse bedienen, von Hand das Herausgeld abzählen und gleichzeitig noch die Rabattmärkli berechnen musste. Er beschreibt exakt, wie das mit den Märkli funktionierte und welche Handgriffe dazu benötigt wurden und lacht über das ganze Gesicht. «Aber der Kassastand hat am Abend immer gestimmt», sagt er gleich darauf wieder mit der Miene, die von seinen Auftritten an Generalversammlungen bekannt ist: Todernst und seriös.

Wunder der Kaffeevermehrung

Auch seine Zeit im Dienst der SBB ist amüsant und offenbart einen ganz anderen Dominique Biedermann, als man ihn von seinen GV-Auftritten her kennt. «Ich arbeitete als Steward», blendet er in diese Jahre zurück. Um auf sich aufmerksam zu machen, benützte er eine Glocke, die er beim Betreten des Waggons kräftig schwang. Während manche froh waren, dass er sie aus dem Schlummer holte, sagten andere enerviert «O.K., wir haben dich schon gehört, bring uns endlich den Kaffee».

Apropos Kaffee. Selbst der hatte so seine Tücken. «In Genf wurde er frühmorgens vorbereitet und er war sehr stark. Spätestens ab Bern beklagten sich die Gäste darüber, dass er zu stark sei.» Was blieb Biedermann anderes übrig, als etwas heisses Wasser von der Teekanne in den Kaffee zu giessen, um ab Bern bis St.Gallen die Kundschaft wieder bei Laune zu halten? «Wenn wir in der umgekehrten Richtung fuhren, konnte ich das Wunder der Kaffeeverdünnung nicht mehr vollbringen.»

Erzählungen wie diese offenbaren einen Biedermann, der zumindest auf den Stockzähnen lachen kann. Etwa, wenn ihm, als damals einzigem Schweizer in dieser Funktion, der lukrativste Zug zugeteilt wurde. Jener, der am Freitag all die vielen Deutschschweizer, die in Genf arbeiteten, in ihre Heimat im Raum Zürich oder in der Ostschweiz zurückbrachte. «Sie waren gut gelaunt, assen und tranken, was das Zeug hielt und waren grosszügig mit ihren Trinkgeldern.»

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Sogar Brabeck hat gratuliert

Wasser giesst er heute nirgends mehr hinein. Im Gegenteil. Was er in seinem Kessel anrührt, kommt eher einem Substrat gleich. Seine Aktionärsanträge, die unter dem eingängigen Slogan «Say on Pay» laufen, werden längst nicht mehr belächelt. «Wissen Sie, was mich besonders gefreut hat?», fragt er und erzählt, dass sogar Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck sich nicht zu schade war, am zehnten Ethos-Geburtstag als Gastredner aufzutreten. Just einer der mächtigsten Wirtschaftsführer, der sich bei öffentlichen Auftritten eher im Hintergrund hält. Zudem hätte er einen triftigen Grund gehabt, dieser Jubiläumsveranstaltung fern zu bleiben: Immerhin war Biedermann nicht müde geworden, die Trennung seines VR-Präsidenten-Mandates von jenem des CEO zu fordern.

Brabeck hat in seiner denkwürdigen Rede etwas gesagt, das Biedermann auf seinem steinigen Weg Mut macht. «Er hat eingeräumt, dass wir berechenbare Aktionäre sind. Dafür hat er uns gratuliert.» Während bei Nestlé mindestens ein Drittel des Aktionariates innert drei Monaten wechsle, sei die Stiftung Ethos an einer längerfristigen Beziehung zu einem Unternehmen interessiert.

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«Das hat auch Herr Brabeck erkannt; und er hat zum Ausdruck gebracht: Wenn von Managern Loyalität zu ihrem Arbeitgeber verlangt wird, warum denn nicht auch von den Aktionären, selbst wenn sie kritisch sind? Unsere Wirtschaft hängt doch letztlich von längerfristigen und nicht von kurzatmigen Betrachtungsweisen ab.»

Alphorn als Maturgeschenk

Wie muss man sich diesen nimmermüden Streiter zugunsten von mehr Aktionärsdemokratie in seiner Freizeit vorstellen? Auch hier gibt es Überraschungen. Da wäre zunächst einmal seine Begeisterung für das Alphorn. «Als ich die Matura bestand, hatte ich einen Wunsch frei: Ich wollte ein Alphorn.» Kenner dieses Instrumentes sagen, dass es kein Leichtes sei, ihm Töne zu entlocken.

Wenn Biedermann beschreibt, wann er am liebsten seinem Hobby frönt, wird es fast feierlich. «Am schönsten klingen Alphorntöne nicht etwa bei strahlendem Wetter, sondern wenn Schnee liegt und Nebelschwaden durch die Täler ziehen. Dann herrscht eine grosse Stille, die Natur ist wie in Watte eingepackt, aber das Alphorn ertönt umso gewaltiger.»

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Biedermann holt noch weiter aus. Bei diesen Wetterlagen könne man das Echo bis zu drei- oder viermal hören. Und er beschreibt, wie er diese Stimmungen oberhalb Evolène, wo sein Vater ein kleines Chalet besitzt, erlebt. Hat er nie daran gedacht, einmal mit seinem Alphorn eine Generalversammlung aufzurütteln? Diese scherzhafte Bemerkung geht ihm dann aber doch etwas zu weit; er lässt sie indes mit Fassung über sich ergehen.

Griechischer Lammbraten

Biedermann ist mit einer Griechin verheiratet. Und er ist einer der besten Lamm-Grilleure weit und breit. In Meinier, einem 1500-Seelen Dorf bei Genf, wo er mit seiner Familie lebt, wird an Festtagen in seinem Garten ein Lamm an einem anderthalb Meter langen Spiess gebraten, nach einem griechischem Rezept, das er mit viel Verve beschreibt.

«An einer Art Angelrute wird ein in Olivenöl getränkter Lappen befestigt, der den Braten ölt. Jeder Gast muss mindestens zehn Minuten lang den Spiess drehen, während die anderen einen guten Tropfen geniessen. Diese Apéros sind jeweilen sehr lang», sagt er augenzwinkernd.

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