Heute Mailand, morgen Zürich, nächste Woche Hyderabad – so steht es in mancher Agenda. Aber die Mühe der vielen Reisen könnte für Chefs bald überflüssig werden. Statt ihrer schicken sie eine Kopie von sich selbst an all diese Orte. Das tönt nach ­Science Fiction, aber genau das macht Jong Lee heute schon möglich. Er würde den Kopf des Chefs abscannen, Gesicht und Haar eins zu eins nachformen, ihn ­innen mit der neuesten Robotertechnik ausstatten. «Der Kopf sieht aus wie das Original, er spricht, lacht, guckt mal streng, mal gespannt», sagt Lee, CEO von Hanson Robotics, Hongkong. Der Chef bleibt einfach dort, wo er immer ist, in seinem Büro. Will er mit den fernen Mitarbeitern sprechen, aktiviert er sein Ebenbild in 7500 Kilometern Entfernung, das an seiner Stelle sieht, hört und kommuniziert.

Zwei Prototypen dieser Roboter hatte Lee bei der diesjährigen Digitalkonferenz DLD aufgestellt. Die lebensechten Köpfe, einer mit Glatze, einer mit Nerd-Frisur, waren nicht die einzigen Neuerungen, die das Publikum bestaunte. Der Anlass ist regelmässig ein Stelldichein der Internet-Prominenz aus der ganzen Welt Bosse und Bossinnen von Google, Facebook, Uber, Tumblr und vielen anderen Digitalunternehmen geben sich bei der Konferenz in München die Klinke in die Hand.

Arbeiten im selbstfahrenden Auto

Dieses Jahr war dort das selbstfahrende Auto ganz gross dabei. Es ermöglicht, dass die Arbeit morgens schon eine halbe Stunde früher anfangen kann. Denn der Stau am Limmattaler Kreuz oder auf der A2 vor Basel kratzt die Pendler der Zukunft nicht wirklich. Sie steigen ein, drücken den gelben Knopf unter dem Navi, der Wagen schaltet sogleich auf Autopilot. Der einzige Fahrgast hat unterdessen den Laptop aufgeklappt, schreibt Mails, liest Unterlagen, telefoniert, während ihn sein Auto wie von Geisterhand durch das morgendliche Stop-and-go lenkt. Direkt vor der Bürotüre steigt der Wissensarbeiter aus, den nächsten Parkplatz in der Firmentiefgarage sucht sich das Auto selbst. «In sieben Jahren ist die Technologie dafür so weit», verkündete Ian Robertson, ehemaliger Rolls-Royce-Chef und heute Marketingvorstand von BMW, zukunftsfroh.

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In den Büros dieser Leute, die bald mit dem selbstlenkenden Auto zum Job fahren, wird ein Thema die Agenda immer wieder prägen: Das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT). «Künftig kann jedes Produkt Daten sammeln und senden», sagt Michael Mendenhall, Vorstand bei Flextronics, einem 26 Milliarden Dollar Umsatz schweren Multi, der vom Silicon Valley aus die Versorgung der Welt mit IT-Komponenten steuert. Dieser Gigant stellt auch die für das IoT nötige Technik her: Mendenhall wedelt mit einem briefmarkengrossen Chip, bestückt mit Schaltkreisen und Sensoren, der dank ständiger Kostendegression schon heute zu kleinen Preisen zu haben ist.

Alles wird smart

Gängige Fragen, die dann in den Meetings auftauchen werden: «Sollen wir dieses neue Bleistiftmodell, die Arbeitskleidung, den Stift auch smart machen, also mit so einem Chip ausstatten?» Jeder Deoroller eines Arbeiters könnte die Körpertemperatur messen und Abweichungen automatisch an den Betriebsarzt melden – und der Kaffeebecher auf dem Schreibtisch merkt selber, wie viel noch drin ist. Dank IoT bestellt er selbstständig Nachschub, bevor er leer getrunken ist. Nur: Für all das müssen erst mal Lösungen erarbeitet werden. Techniker werden sich daran erfreuen, dass das Smartphone jetzt weiss, wann der Bleistift zuletzt benutzt wurde.

«Aber wem helfen diese Daten wirklich?», stellten die Internet-Vordenker unausgesprochen als Frage in den Raum. «Wir können alles mit dem Netz verbinden. Und dann fragen wir uns: Was jetzt?», sagte Gadi Amit, CEO von New Deal ­Design, San Francisco, der als einer der führenden Köpfe für IT-Design im Silicon Valley gilt. Von den Folgen wollen die Büro-Digitalisierungsexperten noch wenig wissen, sie scheinen sich erst einmal an ihren unbegrenzten Möglichkeiten zu erfreuen.