Also, was wollen Sie alles wissen?», sagt Joseph Jung noch im Stehen. Spätestens jetzt wird klar: Das ist ein Gegenüber, dem man nicht jeden Satz entlocken muss. Wobei nichts gegen jene gesagt sein soll, welche erst nach einer Weile auftauen. Also weg mit dem Fragenkatalog, den er eh nicht verlangt hat - auch das ist charakteristisch für ihn - und mittenrein in sein Leben: In welcher Umgebung wächst einer auf, der zum Alfred-Escher-Spezialisten geworden ist?

Wenn Jung auf sein unglaubliches Engagement für diese herausragende Figur in der schweizerischen Politik- und Wirtschaftsgeschichte angesprochen wird, ist er kaum mehr zu stoppen. Escher hat die Entwicklung der modernen Schweiz nach 1848 angestossen wie kein anderer. Mit Eschers Initiativen und Projekten entstand der Forschungsplatz Schweiz (ETH Zürich), der Finanzplatz Schweiz (Credit Suisse, Swiss Life) und namentlich wurde Escher der Promotor der Eisenbahnentwicklung in der Schweiz. Diese drohte nämlich umfahren zu werden. Den unbestrittenen Höhepunkt seines wirtschaftspolitischen Lebens schaffte Escher mit der Gotthardbahn. Der Tunnel wurde zum Jahrhundertwerk, aber gleichzeitig zu Eschers grösster Niederlage.

Doch dies ist ein anderes Kapitel. Sieht Jung Parallelen zur heutigen Zeit des Umbruchs? Dazu der passionierte und trotzdem zeitkritische Historiker: «Auch heute müssen wir sicherstellen, dass die Schweiz nicht umfahren wird, doch Eschers Rezepte sind nicht kopierbar. Indes kann man von ihnen lernen.»

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Hausaufgaben in der Wirtsstube

Aber jetzt wissen wir immer noch nicht, wie Jung auf die Spur dieses Mannes gekommen ist, der gleichzeitig Zürcher Kantonsrat, Regierungsrat und Nationalrat war und die wirtschaftlichen Geschicke verschiedener Unternehmen leitete. Jungs Antwort könnte überraschender nicht sein: «Ich bin als Sohn eines Metzgermeisters und von Wirtsleuten in Ramsen auf die Welt gekommen.»

«Was, Sie wissen nicht, wo Ramsen liegt?» Flugs zeichnet er den «Zipfel» im Kanton Schaffhausen auf, wo er seine Hausaufgaben in der Wirtsstube gemacht hat, die Bestellungen der Kunden zu Fuss und später mit Trottinett und Töff ausgetragen hat.»

Er erzählt über seine Einsätze als Kellner im elterlichen Restaurant und die Bedienung der Aufschnittmaschine im Laden. «Es war eine herrliche Zeit», sagt er und schildert, wie im Restaurant «Schäfli» am Abend gejasst und im Vorfeld der Wahlen heftig politisiert und oft gesungen wurde. «Das bleibt mir einfach unvergesslich», sagt er.

Welcher Musik waren denn die Gäste zugetan? «Es waren vor allem Männerchorlieder.» Die meisten könne er heute noch singen, aber das wäre vielleicht doch nicht der richtige Ort dafür. Doch später kommt er immer wieder auf seine Liebe zur Musik zurück - in allen Phasen seiner Karriere.

Was sich ebenfalls aus dieser Zeit wie ein roter Faden durch die nächsten Wegstrecken zieht: Er hat gelernt, mit Menschen verschiedenster Herkunft umzugehen. «Im Schäfli gingen Handwerker, Bauern, Politiker, Bankdirektoren und Pfarrherren aus und ein. Hier habe ich viel mitbekommen. Sprechen wir zuerst vom Jassen. Ich durfte den Erfahrenen über die Schulter schauen und habe mir natürlich Spielzüge und Tricks gemerkt. Auch habe ich erfahren, wie wichtig der Stammtisch in der Wirtsstube gesellschaftlich sein kann.»

Seine Erzählungen sind mit Anekdoten gespickt - etwa, wenn im Wirtshaus die Polizeistunde nicht eingehalten wurde und der Dorfpolizist auftauchte. «Es war immer amüsant zu beobachten, wie selbst jene älteren Männer, welche zuvor über ihre Gebresten klagten, plötzlich in alle Windrichtungen verstoben und erstaunlicherweise gut zu Fuss waren.»

Aber all das erklärt immer noch nicht seine Passion für Alfred Escher: «Er war in meinem Geschichtsstudium ein Nonvaleur. Es ist für mich schwer verständlich, wie jemand, der Werke geschaffen hat, die heute noch unsere schweizerische Wirtschaftslandschaft bestimmen und letztlich gar das Erfolgsmodell Schweiz begründen, in der öffentlichen Meinung vergessen werden konnte.»

Jung gibt in diesen Tagen ein weiteres Buch über das tragische Schicksal der Escher-Tochter Lydia Welti-Escher heraus. Als Tochter eines präponderanten Vaters hatte sie einen eigenwilligen Weg gewählt, um sich zu emanzipieren, indem sie Friedrich Emil Welti, den Sohn von Alfred Eschers grossem Widersacher Emil Welti, heiratete.

Für Joseph Jung waren seine Jahre in der Klosterschule Disentis - genau wie seine Jugendjahre in Ramsen - eine der unbeschwertesten Zeiten seines Lebens. «Gerade die Tatsache, dass wir nicht jedes Wochenende nach Hause fahren konnten, sondern über die Klassen hinweg gemeinsame Freizeitaktivitäten entwickelten, hat mich wesentlich geprägt.»

Allem voran die Musik mit dem Studentenchor und mit dem Klassenoktett «Pro Surselva». «Das gab einen Kitt, den Jugendliche, die heutzutage ein Internat als 5-Tage-Woche betrachten, gar nicht mehr erleben.»

Katholiken unter sich

Wieso sind seine Eltern just auf die Idee gekommen, ihn nach Disentis zu schicken? Jetzt schimmert der Historiker durch: «Ramsen ist das einzige katholische Dorf im Kanton Schaffhausen. Das kommt daher, dass wir einst Untertanen der Habsburger waren. Der Pfarrer des Ortes hatte gute Beziehungen zum Benediktinerkloster Disentis, daher fiel die Wahl auf diese Ausbildungsstätte.»

Diese guten Erfahrungen im Gymnasium brachten Jung nahtlos an die Universität Freiburg i.Ue., wo sich ein guter Teil seiner Klassenkameraden ebenfalls eingeschrieben hatte und wo er doktorierte. Anschliessend war er Sekundarlehrer in Beringen und Mittelschullehrer in Disentis. Schliesslich ging Jung in die Beratung zur Firma Häusermann, damals vor allem bekannt durch Gemeinkosten-Wertanalysen, die en vogue waren.

Mit Menuhin im Klassenzimmer

Aber im Hintergrund schwelte immer die Sehnsucht nach Führungsverantwortung. Vor 20 Jahren trat er in die damalige Schweizerische Kreditanstalt ein, die heutige Credit Suisse, und tat den - vorläufig - letzten Schritt in eine neue Zukunft. Die CS vertraute ihm einen neuen Sponsoring-Bereich an: Jenen auf dem Gebiet der Kultur. Der Start war - dank enger Zusammenarbeit mit dem Musiker, Schriftsteller und begnadeten Kommunikator Urs Frauchiger - fulminant.

Unvergesslich bleiben für Jung die Projekte mit dem weltberühmten Geigenvirtuosen Yehudi Menuhin. «Zusammen stellten wir ein Programm auf die Beine, das vom Üblichen abwich. Wir traten mit dem Maestro nicht in Kulturpalästen auf, sondern in kleineren Ortschaften wie etwa Stans, Wil oder Martigny. Wir bezogen Schulklassen, Kirchenchöre und Vereine ein, die ihre Wünsche anmelden durften.»

Was Jung auf diesen Tourneen erlebte, sprengt den Platzrahmen. Nur ein Beispiel: Als Kinder fragten, ob sie mit dem grossen Meister einmal zusammen auftreten dürften, wurde ihnen der Wunsch gewährt und diese kleinen Solisten samt ihren Familien waren deswegen so aufgeregt, dass sie viele schlaflose Nächte verbrachten.

Schlaflose Nächte verbringt Joseph Jung nie. Wohl weil er während seiner Schaffensphasen jeweils bis zu zwölf Stunden am Tag arbeitet. Aber zuerst gönnt er sich jetzt eine schöpferische Pause, um Atem für das nächste Buch zu holen. Worüber? Da verweigert er zum ersten Mal eine Antwort.