Als Chef muss ich eine Autorität sein. Ja, das ist eine meiner Hauptängste.» Dies sagt ein ungenannt bleibender Chef im Gespräch mit Marco Todesco, dem Präsidenten der Angst- und Panikhilfe Schweiz (APhS). Eine andere ratsuchende Führungskraft sagt: «Ich habe Angst, dem Verwaltungsrat meine Zahlen zu präsentieren, vernichtende Kritik zu bekommen und daher meine Position zu verlieren.»

«In der Schweiz sind Ängste der Führungskräfte noch immer ein Tabuthema», sagt Samuel Berner, Personalfachmann in einem Grossunternehmen* (siehe auch «Nachgefragt»). Angst gilt als Schwäche, gerade bei Vorgesetzten. Wer führt, fürchtet sich nicht: Seit Jahren markieren Führungskräfte aller Branchen die Daueroptimisten, verkünden mit siegessicherem Lächeln Formhochs und Fusionen, geben sich als souveräne Kapitäne ihres Schiffes, das seinen Kurs jederzeit problemlos halten kann, weder Wind noch Wetter scheut und ganz bestimmt nie einen Eisberg rammen wird. «Schwierigkeiten betrachten wir als Herausforderung, Krise heisst Chance», wird meist vollmundig verkündet.

Was hinter der Fassade steckt

Chefs als filmreife Helden? Unbestritten gehören Entscheidungsfreudigkeit, natürliche Autorität, hohe Kompetenz und starke Ausstrahlung zu den Eigenschaften, die eine Führungskraft mitbringen muss. Leider verbirgt sich hinter der zur Schau gestellten Stärke nicht selten Profilierungswut, die Autorität entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Kontrollwahn, der Macher ist eigentlich herrschsüchtig.

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Diesen Schwächen liegt aber vielfach nackte Angst zugrunde. So haben etwa narzisstisch veranlagte Menschen auf ihrer ständigen Suche nach Bewunderung eine unheimliche Angst vor Kränkung - eine Konstellation, die sich in leitender Position verheerend auswirkt.

«Ich habe Angst, nicht allen Anforderungen an mich zu genügen, ich stecke in der Rolle des Vordenkers, bin dem aber nicht gewachsen. Ich habe Angst, durch besser qualifizierte Arbeitskräfte ersetzt zu werden. Vor meiner Angst habe ich Angst, da sie mich lähmt», sagt ein anderer Betroffener.

Angst vor dem Verlust der Chefposition, Angst, Fehler zu machen und die Wertschätzung der Untergebenen zu verlieren, Angst vor Konkurrenten, Angst, verwundbar zu sein, zu den Verlierern zu gehören, zu scheitern, kurz: Angst vor Kommunikation, Entscheidungen und Emotionen - diese Ängste rauben Chefs viel Zeit und Energie.

Verdrängte Angst kehrt zurück

Dazu kommt der ungeheure Verdrängungskampf in Chefetagen: Manche Kader kämpfen intensiver für ihre Karriere als für das neuste Produkt. Das Misstrauen an der Spitze ist auch Folge eines Systems, in dem Manager ganz schnell nach oben gelangen - und ebenso schnell wieder abstürzen.Dazu ein Betroffener: «Die Wirtschaft verlangt offenbar knallharte Führungskräfte, nur sie kommen in diesem System weiter.» Angst, was nun? Verdrängte Angst kehrt mit doppelter Wucht zum Absender zurück - mit einschneidenden Folgen. Wenn ein chronisch unter Hochdruck agierender Vorgesetzter den Unbesiegbaren markiert, balanciert er auf einem schmalen Pfad. Nicht wenige «Superkerle» entfremden sich von ihren Frauen, Familien und Freunden, leiden an Süchten.

Seit einigen Monaten haben sich die Bedingungen für Führungskräfte massiv verschlechtert. Der wirtschaftliche Orkan und der getrübte Ausblick beunruhigen die Unternehmenskapitäne, die sich mit gutem Grund fragen, ob sie alle Lecks abgedichtet, die passende Mannschaft aufgestellt, den Kurs richtig gesetzt haben und der Eisberg nicht plötzlich von einer unerwarteten Seite kommt.

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«In der Rezession zeigen die guten Führungskräfte ihre Qualitäten, während die schlechten alles oft noch schlimmer machen», sagt Arbeitspsychologe Norbert Semmer. Weise und weitsichtig zu führen, erweist sich nun als doppelt schwierig. Welchem Vorgesetzten fällt es schon leicht, für rote Zahlen geradezustehen oder Abteilungen aufzulösen? Zwar verzeichnet die Angst- und Panikhilfe Schweiz nicht mehr Anfragen als üblich, aber die Ängste drehen sich nun stark um die Krise. Ein Betroffener: «Ich muss mehreren Mitarbeitern künden, nun habe ich riesige Angst und Schlafstörungen.»

Platz für Menschen mit Ängsten

In der Krise vertieft sich die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, spitzen sich Probleme zu, drohen Konstellationen mit Sprengkraft zu explodieren. Davon dringt aber nicht viel mehr als die Spitze des Eisbergs an die Oberfläche, am deutlichsten sichtbar in den Suiziden von Spitzenmanagern. Meist hält sich der eingespielte Zweckoptimismus hartnäckig, wie etwa bei Joe Ackermann, Chef der Deutschen Bank, der seinen Kollaps bloss einem strengen Tag und einer Portion Sauerkraut mit Weisswürsten zuschob. Verständlich, aber wie sieht es in seinem Inneren aus?

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Der Umgang mit Angst hängt stark von der Persönlichkeit ab. Ein erfolgsverwöhnter Managerstar, ein stolzer Leitwolf, ein kränkbarer, depressiv veranlagter Angestellter - sie tun sich schwerer mit Niederlagen als ein sozial vernetzter, selbstbewusster und -kritischer Mensch. Angst ist die Schwester der Sinnlosigkeit. Wer Macht, Ehre und Reichtum zum Lebenssinn macht und diese um fast jeden Preis verfolgt, erträgt Misserfolge schlecht. Wer dagegen nicht nur materielle Dimensionen kennt, vermag Niederlagen besser einzuordnen. Dazu ein Chef: «Wir müssen unsere Werte überdenken. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft muss auch Platz sein für Menschen mit Ängsten.»

 
NACHGEFRAGT Samuel Berner, Personalfachmann in einem Grossunternehmen*, Zürich

«Die Einsamkeit an der Spitze ist in harten Zeiten ausgeprägter»

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Ängste der Führungskräfte sind ein Tabuthema. Wird sich das angesichts der Wirtschaftskrise ändern oder aber noch verschärfen?

Samuel Berner:Es dürfte eher zur Enttabuisierung kommen. Viele Führungskräfte erleben nun, oft zum ersten Mal, eine Rückstufung oder gar Entlassung. Kombiniert mit dem Wegschmelzen ihres Vermögens erhöht dies die Ängste. Einige Chefs ziehen sich zurück, aber viele sprechen offen über ihre Sorgen. Gespräche mit einer Vertrauensperson können helfen: Austausch statt Verdrängung.

Nehmen Ängste bei Chefs zu? Sind weitere Suizide zu befürchten?

Berner: Arbeitsplatzbezogene Ängste vor Stellen-, Einfluss- oder Einkommensverlust nehmen nun auf allen Hierarchiestufen zu. Suizide sind oft die Folge einer Depression, die der Betroffene nicht mehr länger aushält. Das Berufsleben kann solche Störungen auslösen, etwa wenn eine längere Arbeitslosigkeit zur Lebenskrise wird. Die in jeder wirtschaftlichen Situation auftretenden Suizide von Führungskräften erhalten heute viel Aufmerksamkeit.

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Was fürchten Chefs besonders?

Berner: Viele Manager, speziell in der Finanzbranche, werden sich nun schmerzhaft bewusst, wie schnell man trotz guter Leistung vom umworbenen Chef zum überzähligen Mitarbeiter werden kann. Viele Führungskräfte merken zudem, dass sie ihre Weiterbildung vernachlässigt haben.

Welche psychologischen, betriebs- und volkswirtschaftlichen Folgen können Ängste zeitigen?

Berner: Ängste machen krank und lähmen den Geist. Initiative und Motivation gehen verloren, die Mitarbeitenden beschäftigen sich mit sich selber statt mit produktiver Arbeit. Die psychosomatischen Folgen von starken Ängsten sind beträchtlich und äussern sich etwa durch Müdigkeit, Schlafstörungen, Verspannungen oder Herz-Kreislauf-Probleme. Im Extremfall kommt es zum Burnout, zur Arbeitsplatzphobie oder gar zu einer dauernden Invalidisierung. Medizinische Kosten, Lohnfortzahlungen und Produktionsausfälle haben riesige betriebs- und volkswirtschaftliche Auswirkungen.

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Trennt sich in der Krise bei Chefs die Spreu vom Weizen: Wer sozial vernetzt ist, steht besser da als ein Verdränger oder Schönredner?

Berner: Wer sich in guten Zeiten ein stabiles berufliches wie privates Netzwerk geschaffen hat, kann dieses in der Krise nutzen. Wo dieses fehlt, lässt es sich nicht in einigen Monaten aufbauen. Die Einsamkeit an der Spitze ist in harten Zeiten umso ausgeprägter. Schonungslos zeigt sich, über welche echten Freunde ein betroffener Manager verfügt. Chefs, die ihre eigene Ohnmacht und ihre Grenzen wahrhaben, können sich besser in die Situation ihrer Mitarbeiter einfühlen. Ergo werden sie als echter, menschlicher und souveräner wahrgenommen.

Sind Chefs besonders verwundbar, da ihre Persönlichkeit nicht selten narzisstisch geprägt ist?

Berner: Überhebliche, eingebildete oder selbstverliebte Manager können sich in Boomzeiten einfacher und unwidersprochener in Szene setzen. Häufig sind Chefs stark von ihrem Status geprägt. Wenn dieser plötzlich wegbricht, ist die Leere gross. Schönwetterkapitäne haben es nun schwer. Chefs müssen ihre Krisenresistenz beweisen und sind als Menschen gefordert: Aufrichtigkeit, Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen machen den Unterschied.

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