Urs K. wütet fieberhaft an seinem Pult. Vor 17 Uhr muss er dringend einen wichtigen Kundenauftrag erledigt haben; gleich ist es zu spät. Sein Kopf dröhnt, sein Nacken zieht, sein Puls rast, er hat heute wieder kaum gegessen und ist seit Wochen todmüde, aber nun heisst es durchziehen.

Stress am Arbeitsplatz: Die Schweizer Wirtschaft verliert laut einer Seco-Studie wegen der negativen Auswirkungen von krank machendem Stress jährlich 4,2 Mrd Fr. Stress geht einher mit Unzufriedenheit, Frust und niedriger Arbeitszufriedenheit, deren nichtmonetäre Kosten kaum abschätzbar sind. In den letzten Jahren haben die dauernden Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt die psychischen und physischen Belastungen erhöht. «Vor allem psychische Belastungen entwickeln sich seit einiger Zeit zu einem ernst zu nehmenden Thema in der Arbeitswelt», sagt Michael Gschwind vom Basler Beratungsunternehmen mfgschwind.

Die wichtigsten Ressourcen

Kurzarbeit, Jobangst, Überlastung, Arbeitslosigkeit: Was bewirkt die Wirtschaftskrise psychisch? «Es ist anzunehmen, dass die Auswirkungen der Wirtschaftskrise - wie Angst vor Arbeitslosigkeit, konkrete Arbeitslosigkeit, abrupter Karrierestopp, Prestigeverlust - zu einer noch verstärkten Zunahme psychischer Störungen führen werden», sagt Gschwind. Hierzu gebe es natürlich noch keine Studien, aber: «Es melden sich bei mir häufig Klienten mit Stresssymptomen, hauptsächlich Manager, die über eine hohe Arbeitsbelastung klagen und lernen wollen, wie sie damit umgehen können.»

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Was angeschlagene Mitarbeitende einen Betrieb kosten? «Für ein Unternehmen sind die Mitarbeitenden immer noch die wichtigsten Ressourcen», sagt Gschwind. «Ohne gesunde und motivierte Mitarbeitende kann kein Unternehmen langfristig erfolgreich sein.» Krankheitsbedingte Ausfälle hemmen das Unternehmen, binden Energie, verursachen Folgekosten und Frustrationen bei Kollegen.

Eine Art «Dargebotene Hand»

Daher sollten Unternehmen auch im eigenen Interesse darauf bedacht sein, dass es den Mitarbeitenden gut geht. Da interne Psychologen und Sozialprogramme die Anonymität nicht garantieren, greifen Unternehmen vermehrt zu externer Mitarbeiterberatung (Employee Assistance Program EAP). Diese bietet, als eine Art «Dargebotene Hand» für die Angestellten einer Firma, kostenlos und anonym telefonische oder direkte Beratung bei Konflikten, Mobbing, Burnout, Sucht, Depression und Ängsten an und zieht bei Bedarf weitere Fachpersonen bei. Externe Unterstützung kann das Wohlbefinden der Mitarbeitenden erhöhen und deren Leistungsfähigkeit steigern. Zudem senkt sie Mitarbeiterkosten, indem Probleme früh angegangen werden - die finanzielle Investition zahlt sich oft mehrfach zurück.

Greifen Firmen heute vermehrt zu externer Hilfe? «Wir merken die Krise stark, haben etwa ein Viertel mehr Fälle; Arbeitsplatzsicherheit ist dabei eines der Hauptthemen», sagt Sabrina Arquint von der EAP-Anbieterin ICAS Schweiz in Wallisellen. Es sei aber schwieriger, neue Kunden zu gewinnen, da viele Firmen sparten. «Gerade in schwierigen Zeiten sollten aber die Unternehmen nicht zögern, ihre Mitarbeitenden zu unterstützen.»

Externe Beratung entledigt Führungskräfte nicht ihrer Verantwortung, selber möglichst gut für ihre Mitarbeitenden zu sorgen, hält Gschwind fest. Und auch Letztere fordert er auf, gesundheitliche Aspekte stärker zu gewichten und Selbstmanagementtechniken zur Stressbewältigung zu lernen.