Das 19. Jahrhundert hatte seine industrielle Revolution. Was sich rund 200 Jahre später in der heutigen Industriewelt abspielt, kann zwar nicht mit einem derart markigen Titel umschrieben werden - doch die gegenwärtige schwere Krise im weltweiten Industriesektor dürfte sich dennoch auf die weitere Entwicklung vieler Unternehmen aus diversen Branchen nachhaltig auswirken.

Gestützt wird diese These durch eine neue Delphi-Studie «Best Practices der Krisenbewältigung», die dieser Tage vom Zürcher Beratungsunternehmen ICME International AG präsentiert wird. Befragt wurden 50 CEO und CFO aus Unternehmen aller Industriesektoren, vorwiegend in der Schweiz, teilweise in Deutschland. Nicht weniger als 78% der befragten Betriebe räumen ein, schwer von der Krise betroffen zu sein, allen voran Unternehmen aus den Branchen Automotive, Maschinenbau, Textil etc. Weniger starke oder keine Einbrüche verzeichnen gemäss Umfrage zum jetzigen Zeitpunkt Unternehmen aus den Sektoren Bau, Pharma oder Medizin-Technologie.

«Auf den Industriesektor als Ganzes warten in den kommenden Monaten enorme strukturelle Herausforderungen», sagt David Lottenbach, Associate Partner bei ICME und Initiant der Studie. Der Tiefpunkt der Krise sei zwar in den meisten Branchen überschritten. «Aufgrund einer nur langsamen und langwierigen Erholung mit Nachfrageverschiebungen kommen viele CEO jedoch nicht darum herum, ihre Unternehmen oder Teile davon an die veränderte Ausgangslage anzupassen und ihr Geschäftsmodell umzubauen.»

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Bedarf erkannt

Dass diese Erkenntnis bei den Industriebetrieben mehrheitlich angekommen ist und entsprechende Aktivitäten ausgelöst hat, unterstreicht eine andere Zahl aus der ICME-Studie: So haben 68% der befragten CEO konkrete Einkaufsoptimierungsprojekte am Laufen. Bei 19% der Unternehmen wurden solche Projekte bereits abgeschlossen, bei weiteren 11% sind sie in Planung. Auch die strukturellen Hausaufgaben wurden in Angriff genommen: 42% der befragten Unternehmen planen eine strategische Bereinigung ihres Leistungsportfolios, weitere 41% haben bereits ein entsprechendes Projekt am Laufen. Für David Lottenbach werden der effektive Restrukturierungsbedarf und der damit verbundene Aufwand von vielen CEO jedoch unterschätzt. Die Projekte müssen aufgrund der raschen Marktentwicklung häufig unter Hochdruck aufgegleist und durchgezogen werden, sodass viele Unternehmen an die Grenzen ihrer Kapazitäten stossen. Ohne fremde Hilfe sind diese Aufgaben kaum zu bewältigen. Lottenbachs Quintessenz: «Da kommt Arbeit auf die Beratungsbranche zu.»

Berater als Turnaround-Begleiter

Eine gesteigerte Nachfrage seitens der Industrie nach professioneller Unterstützung manifestiert sich bei den Consultants bereits deutlich. Zum Beispiel bei der Seuzacher Staufen AG, einem Spezialisten im Bereich Lean Management. «Nach einer gewissen Zurückhaltung zu Jahresbeginn haben wir in den vergangenen Monaten zahlreiche Aufträge aus verschiedenen Industriebranchen dazugewonnen», sagt David Moser, Partner und Geschäftsführer. Neben der Bauindustrie stammen die neuen Staufen-Kunden aus den Sektoren Schmuck, Motorfahrzeughandel sowie öffentlicher Verkehr. «Wir spüren aus allen Branchen zurzeit einen hohen Bedarf nach kundenspezifischer Ausbildung von Lean-Experten», so Moser. Auch die Unterstützung durch Staufen auf dem Weg zum notwendigen Turnaround werde von kriselnden Unternehmen im Moment stark nachgefragt.

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«In vielen Industriebetrieben geht es heute teilweise ums pure Überleben», stellt Eva Manger-Wiemann fest, Partnerin bei Cardea. Das Meta-Beratungsunternehmen hilft den Kunden bei der Auswahl der optimalen Beraterdienste zur Lösung von spezifischen Problemen. Die Anfragen von industriellen Kunden zur Evaluation von Beratungshilfe hätten in den letzten Monaten deutlich zugenommen, sagt Manger-Wiemann. Die häufigsten Bedürfnisse seien Einkaufsoptimierungsprojekte, Kosten- und Geschäftsfeldoptimierung, Implementierung neuer Technologien und Techniken, Kapazitätenplanung, Überprüfung von Lieferantenportfolios sowie Cash Management.

NACHGEFRAGT

«Die Beziehung zu den Kunden ist entscheidend»

David Lottenbach, Associate Partner, ICME International AG, Zürich.

Sind die Erkenntnisse Ihrer CEO-Delphi-Umfrage für alle industriellen Branchen identisch oder gibt es spezifische Unterschiede?

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David Lottenbach: Je früher der Einbruch und je pessimistischer die Beurteilung des weiteren Verlaufs, desto weiter ist der CEO bei der Umsetzung struktureller Massnahmen. Für konjunkturell «nachlaufende» Branchen, beispielsweise Konsumgüter, stellt sich die Krise hingegen erst jetzt so richtig ein. Weil sie sich lange in einer falschen Sicherheit gewähnt haben, ist der Handlungsbedarf hier nun besonders hoch.

Werden Beratungsunternehmen als Nothelfer beigezogen?

Lottenbach: Der Kernnutzen des Beraters liegt darin, Ergebnispotenziale systematisch nutzbar zu machen. Er ist weniger ein Troubleshooter. An unseren eigenen Auftragsbüchern können wir zurzeit ablesen, dass viele CEO die Krise als Chance zur Schärfung des Geschäftsmodells verstehen. Trotzdem wachsen die Beraterbudgets nicht in den Himmel, weil die Consulting-Branche selbst viele Projekte zur Einkaufsoptimierung anstösst.

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Welche Berater gehören heute zu den Gewinnern?

Lottenbach: Die Signale sind eindeutig. Gesucht sind erfahrene, ganzheitliche Berater, die auf Augenhöhe umsetzungs- und lösungsorientiert beraten und mit dem Klienten eine Vertrauensbasis pflegen. Entscheidend ist also die Beziehung zum Kunden.

Wie sieht die Typologie des erfolgreichen Consulting- Unternehmens aus?

Lottenbach: Ich beobachte, dass die erfolgreichsten Consultingunternehmen auf bestimmte Branchen und Fragestellungen fokussiert sind und dort auf höchstem Qualitätsniveau arbeiten. Sie erzielen mit moderaten Budgets starke Resultate und damit eine grosse Hebelwirkung. Das spielt insbesondere den «Beratungsboutiquen» in die Hände. Aber auch für die Global Players ist Platz im Markt. Richtig eng wird es für die «diffuse Mitte» ohne klare Ausrichtung.

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