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«Die Bankmitarbeiter haben grosse Angst»

Sabina Gasser ist Regionalleiterin Zürich des Schweizerischen Bankpersonalverbands. (Bild: Keystone)

Neue CDs mit Schweizer Bankdaten in Deutschland, Lieferung von Mitarbeiterdaten in die USA: Sabina Gasser vom Bankpersonalverband sagt im Interview mit «Handelszeitung Online», wie Vertrauen und Loyal

Von Volker Strohm (Interview)
am 09.08.2012

Handelszeitung Online: Die Meldungen, wonach deutsche Steuerfahnder Daten-CDs aus der Schweiz erwerben, reissen nicht ab. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Sabina Gasser: Die Situation ist politisch äusserst heikel und trägt meines Erachtens nicht zu einer konstruktiven Lösung des Konflikts bei. Zudem erhöht sich durch solche Meldungen die Unsicherheit unter den Mitarbeitern, was sich negativ auf das Arbeitsklima auswirkt.

Der Ankauf durch Steuerfahnder ist die eine Seite – auf der anderen Seite müssen bei diesen Fällen auch Bankangestellte stehen, die solche Daten überhaupt zum Verkauf anbieten.
Wir sehen grundsätzlich das Problem des Vertrauensverlusts der Angestellten gegenüber ihrem Arbeitgeber, da die Banken ja auch selber Mitarbeiterdaten ausgeliefert haben. Dies ist sicher nicht förderlich für die Loyalität der Mitarbeiter. 

Offensichtlich haben gewisse Angestellte darin ein «lukratives» Geschäftsfeld entdeckt: Ist dies in Ihren Augen Ausdruck dessen, dass das Bankpersonal derzeit viel über sich ergehen lassen muss?
Konkret thematisiert haben wir das Vorgehen im Bankenpersonalverband nicht weiter, da die Anzahl derjenigen, die Daten tatsächlich zum Verkauf anbieten, sehr gering ist.

Sie sprechen vom Vertrauensverlust: Welche Empfehlung geben Sie dem Bankpersonal?
Loyalität und Vertrauen von beiden Seiten sind für ein gutes Arbeitsverhältnis sehr wichtig. Bei Missständen empfehlen wir immer zuerst das Gespräch mit dem direkten Vorgesetzten. Im Zusammenhang mit den jüngsten Datenlieferungen oder auch bei anderen Pflicht- beziehungsweise Rechtsverletzungen seitens der Arbeitgeber empfehlen wir den Mitarbeitern indes schon, sich für ihre Rechte einzusetzen.

Auch im Zusammenhang mit der Lieferung von Mitarbeiterdaten an die USA sind Sie derzeit stark involviert. Wie präsentiert sich der Fall aus Ihrer Sicht? Mit welchen Themen und Fragen werden Sie derzeit vom Bankpersonal konfrontiert?
Die Situation mit den USA ist sehr problematisch, da eine grosse Verunsicherung besteht: Viele Mitarbeiter wissen nicht, ob und welche Daten geliefert wurden, obwohl die Informationspflicht bei der Bank liegt. Aus unserer Sicht sind bei dieser Thematik das mittlere Management und normale Angestellte die Leidtragenden.

Ihre Forderung?
Es ist absolut wichtig, dass bei einer allfälligen Globallösung beziehungsweise bei Vereinbarungen einzelner Banken auch klar eine Lösung für alle Mitarbeiter, deren Daten geliefert wurden, gefunden wird. Es kann nicht sein, dass das Topmanagement, welches die Hauptverantwortung trägt und die Anweisungen erteilte, für sich selbst gute Bedingungen aushandelt und dafür seine Mitarbeiter opfert. Dass das Topmanagement von vielen Geschäftspraktiken nichts wusste, ist definitiv nicht der Fall - das wissen wir von den Betroffenen wissen.

Welche Ängste bestehen bei den Bankmitarbeitern?
Neben der grossen Verunsicherung, werden wir hauptsächlich nach dem Risiko bei Reisen gefragt. Hier machen wir eine Risikoeinschätzung. Zudem habe Bankangestellte bei der Jobsuche grosse Probleme, falls sie zuvor im US-Geschäft tätig waren. Umso mehr ist eine Globallösung für die Mitarbeiter sehr wichtig, denn werden solche Lösungen nur mit einzelnen Banken gefunden, tritt das Problem oft spätestens beim nächsten Jobwechsel wieder auf.

In den USA sind Fälle bekannt, dass die Justiz Bankangestellten Straffreiheit gewährt, sollten sie mit den Behörden koopieren. Ein cleveres oder ein verwerfliches Vorgehen? Könnten Sie sich so etwas auch in der Schweiz vorstellen?
Soviel ich weiss, gibt und gab es auch für Mitarbeiter in der Bank solche «non prosecution agreements» für geständige Personen. Dies sind aber nur Lösungen für einzelne – oft für diejenigen, die sich Anwälte leisten können – und nicht für alle. Bei den Lieferungen der Mitarbeiterdaten ist aber die Problematik insofern anders, als dass auch sehr viele Leute von den Datenlieferungen betroffen sind, die sich selber nichts vorzuwerfen haben. Auch widerspiegelt dieses Vorgehen vielmehr die Strategie der US-Anwälte, deren Ziel es ist, eine möglichst grosse Summe von den Banken zu erhalten.

Auch «Handelszeitung Online» thematisierte den schleichenden Stellenabbau im Bankwesen. Wie beurteilen Sie die Situation? Mit welchen Fällen, Fragen und Ängsten werden Sie am häufigsten konfrontiert?
Wir stellen diesen schleichenden Stellenabbau ebenfalls fest. Aus Image- und Kostengründen - sprich der Umgehung eines Sozialplans - wird wo möglich versucht, Massenentlassungen zu umgehen. Darin sehen wir aber das Problem, dass mit diesem Vorgehen auch der Dialog mit den externen Sozialpartnern umgangen wird und somit werden innovative Lösungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Kurz- oder Teilzeitarbeit nicht berücksichtigt.

Das tönt zusammengefasst nach einer sehr anspannten und verfahrenen Lage.
Unsicherheit und Vertrauensverlust aufgrund der Datenlieferungen werden durch den drohenden Stellenabbau aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Situation sowie der Weissgeldstrategie klar noch verstärkt. Wir stellen fest, dass die Mitarbeiter verständlicherweise grosse Angst haben und deshalb lieber schweigen, wenn es um ihre Rechte geht. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich umso störender, dass die Lohnschere nach wie vor viel zu gross ist im Bankensektor.

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