Nach wie vor herrscht im Schweizer Beratungsmarkt geschäftiges Treiben. Im vergangenen Jahr hat die Branche ihr Umsatzniveau gehalten, für 2009 sind leichte Rückgänge angezeigt (siehe Kasten). «Der Beratungsbedarf in der Energie-, Telecom- und IT-Branche ist weitgehend unverändert», sagt etwa Paco Hauser, Direktor des Consulting-Unternehmens Arthur D. Little Schweiz, stellvertretend für viele Mitbewerber. Abstriche macht er im Industriesektor, wo zurzeit nur noch Projekte mit direkten Kosteneinsparungen realisiert werden. «Aus der Finanzbranche ist die Nachfrage ebenfalls zurückgegangen.» Entsprechende Beratungsprojekte seien bis auf wenige Ausnahmen stark zurückgefahren worden. «Neue Aufträge werden erst seit kurzem wieder zögerlich erteilt.»

Druck aus der Realwirtschaft

Dabei sieht Hauser gerade in der Finanzbranche zurzeit den grössten Handlungsbedarf für Consulting-Dienstleistungen. «Bei der rigorosen Kostensenkung, Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen, Post-Merger-Integrationen, Restrukturierungen und der Entwicklung von neuen Sourcing-Modellen herrscht Bedarf für erfahrene und spezialisierte Berater.»

Die Finanzbranche sieht sich einem wachsenden Druck seitens der leidenden Weltwirtschaft gegenüber. Unzählige Experten und Ökonomen sind sich nämlich darüber einig, dass die Finanzindustrie mit einer nachhaltigen Erholung den positiven Umschwung für das ganze System einleiten kann und muss.

Dessen sind sich auch die Grossbanken bewusst. Für Hans-Ulrich Meister etwa, CEO von Credit Suisse Switzerland, ist das Funktionieren der globalen Finanzmärkte die Grundvoraussetzung für eine Erholung der Weltwirtschaft. «Sie müssen ihre für Volkswirtschaften sehr wichtige Funktion der ausreichenden und nachhaltigen Kreditvergabe erfüllen können.» Neben ihrer Rolle als Hoffnungsträgerin sieht sich die Finanzindustrie deshalb gehörig in der Pflicht. «Der Druck, die Geschäftsmodelle anzupassen, ist sehr gross», sagt Meister und nennt als Beispiel die US-Investmentbanken, die sich in kürzester Zeit in Geschäftsbanken umwandeln mussten oder von solchen geschluckt wurden. Weitere Reformen sind notwendig und erfordern neue Budgets. Die Berater stehen in den Startlöchern bereit.

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NACHGEFRAGT

«Finanzplatz-Bashing schadet der Wirtschaft»

Pascal Gentinetta, der Geschäftsführer von Economiesuisse, sieht Anzeichen, die auf eine Erholung der Finanzindustrie hindeuten. Dies sei eine Voraussetzung, damit sich in einer späteren Phase auch die Export- und Binnenwirtschaft erholen könnten.

Können Sie abschätzen, wie lange die Wirtschaftskrise noch dauert?

Pascal Gentinetta: In der Schweiz erwarten wir für die Exportwirtschaft auf jeden Fall keine rasche Erholung. Die Exporte sind in den ersten vier Monaten 2009 gegenüber der Vorjahresperiode um 13% eingebrochen.

Welche Exportbranchen sind besonders betroffen?

Gentinetta: Das sind zurzeit insbesondere die Textil- und Maschinenindustrie, die Autozulieferer oder auch der Tourismus. Die Talsohle könnte für die Exportindustrie jedoch bald erreicht sein. Danach erwarten wir eine längere Stagnationsphase.

Gibt es auch kurzfristige Hoffnung für die Exportindustrie?

Gentinetta: Ein Lichtblick sind sicherlich die asiatischen Wachstumsmärkte. In Indien oder China wächst die Nachfrage nach Schweizer Produkten unvermindert an.

Wie sehen Ihre Prognosen für den Arbeitsmarkt aus?

Gentinetta: Eher negativ. Bei den Arbeitslosen rechnen wir mit einer Steigerung von durchschnittlich 4% im laufenden Jahr auf 5,3% 2010.

Warum?

Gentinetta: Weil die Wirtschaftskrise, die ihren Ursprung im Immobilien- und Finanzmarkt hat und zurzeit voll auf die Exportindustrie durchschlägt, erst in einem dritten Schritt die Schweizer Binnenwirtschaft erreichen wird. Im Moment ist der private Konsum noch relativ stabil. Das Vertrauen der Konsumenten wird aber weiter sinken, entsprechend werden sie weniger konsumieren. Das tangiert unmittelbar inländische Arbeitsplätze.

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Welcher Sektor wird sich zuerst erholen?

Gentinetta: Das wird die Finanzindustrie sein. Sie schlitterte zuerst in die Krise, hat ihre Hausaufgaben inzwischen angepackt und teilweise gelöst, und wird sich deshalb zuerst wieder erholen. Wir haben im Moment zum Beispiel Anzeichen, dass der US-Immobilienmarkt und damit unzählige Wertpapiere bald einen Boden finden. Dann wären keine weiteren Abwertungen mehr nötig und die Wertpapiere würden dadurch wieder handelbar. Dies könnte zu einer Stabilisierung der Kapitalmärkte führen.

Von der auch die Realwirtschaft profitieren wird?

Gentinetta: Ja, aber erst in einem späteren Zeitpunkt. Bevor die Real- und Binnenwirtschaft sich erholen kann, ist in vielen Ländern eine gewisse Gesundschrumpfung notwendig. Das trifft teilweise auch auf die Schweiz zu.

Die Erholung der Finanzmärkte ist also etwas wie ein Vorbote zum Aufschwung der Realwirtschaft?

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Gentinetta: Absolut. Deshalb bringt es auch nichts, die Finanzindustrie ständig zu kritisieren. Die Systeme sind eng verflochten und voneinander abhängig. Das «Bashing» des Finanzplatzes, wie wir es seit Monaten beobachten, schadet deshalb letztlich der Gesamtwirtschaft.