Hohe Sozialleistungen, ansprechende Saläre, ein Firmenparkplatz und sechs Wochen Ferien? Ist es das, was die Arbeitnehmenden brauchen zu ihrem Glück?

Keinesfalls - das alles wird zwar gern in Kauf genommen, ist jedoch nicht entscheidend. Entscheidend, dass Menschen gerne bei einer bestimmten Firma arbeiten, ist ein auf den ersten Blick nicht mehr sehr zeitgemäss erscheinender Wert: Vertrauen.

Die Definition eines «grossartigen Arbeitsplatzes» ist denkbar einfach und liest sich ein wenig wie ein Sektenmantra: Ein grossartiger Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem die Angestellten den Personen vertrauen, für die sie arbeiten, stolz sind, auf das, was sie tun und gerne mit ihren Kollegen zusammen arbeiten. Tönt ein wenig wie: Lieber reich und gesund als arm und krank - logisch, aber selten, und in etwa die Prosa, in der Firmenleitbilder gerne gehalten sind.

Und doch: Genau so empfinden es die Arbeitnehmenden, also die Betroffenen selber, wenn sie gefragt werden. Und gefragt worden sind sie zum ersten Mal vom international tätigen Great Place to Work Institute (siehe Kasten), das zu diesem Zweck 2008 einen Schweizer Ableger gegründet hat.

Innovation und Kultur

Die ersten drei Plätze der Great Place to Work-Rangliste verteilen sich auf die gleichen Unternehmen, wie in anderen Ländern auch, in denen dieselbe Umfrage schon durchgeführt worden ist: Google, Cisco Systems, Microsoft - alles Unternehmen, die mit neuen Informationstechnologien experimentieren und arbeiten. Rang 4 besetzt die erst 2004 gegründete Biotechnologiefirma Biogen in Zug, auch sie in einem hoch innovativen Umfeld angesiedelt.

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Die Fokussierung auf neue Technologien scheint eine spezielle Art von Unternehmenskultur zu generieren. Beispiel Google: «Besonders junge Leute fühlen sich angesprochen durch unser verspieltes und kreatives Umfeld mit flachen Hierarchien und kleinen Teams. Alle sind per Du, können eigene Ideen einbringen und etwas bewirken und geniessen die innovative und inspirierende Ambiance», schwärmt Sprecher Matthias Meyer.

Und auch die befragten Mitarbeitenden kommentieren in der Studien-Auswertung: «Das Unternehmen scheut keine Mühen, um Mitarbeitende glücklich zu machen. Es gibt ein Fitnesscenter, Rutschen, Spiele, Billardtische, Entspannungsräume und mehr.»

Ähnlich tönt es bei Cisco - hier schätzen die Mitarbeitenden vor allem die flexiblen Lösungen zur Arbeitserbringung: So kann von überall her zu jeder Zeit gearbeitet werden und den Mitarbeitenden steht ein voll ausgerüstetes Homeoffice zur Verfügung.

Und beim dritten ausgezeichneten Arbeitgeber, Microsoft, wird von den Arbeitnehmenden vor allem geschätzt, dass sie «ihre Talente entwickeln» und «neue Sachen ausprobieren» können.

Innovationskraft als eigentlicher Kern der Unternehmung ist es, was die Erstplatzierten verbindet. Dazu Freiräume und immer wieder als besonders wertvoll hervorgehoben, die Tatsache, dass die Mitarbeitenden sich selbst einbringen können und das Gefühl haben, «etwas zu bewirken».

Luxus-Kriterien in der Krise

Vertrauen in Form von Glaubwürdigkeit, Respekt und Fairness, dazu Stolz auf seinen Arbeitgeber und Freude am Team? Man mag solche Wohlfühlkriterien als Luxus abtun in einer Zeit, in der ganze erfolgsgewohnte Einkommensgruppen aus ihren Ledersesseln gewuchtet werden und die Erwerbslosigkeit auf lange nicht gesehene Werte klettert. Aber es bleibt die Tatsache, dass sie von denjenigen, die die Arbeit schliesslich verrichten, als wichtig erachtet werden.

Es ist deshalb bestimmt kein Wunder, dass in der Great Place to Work-Liste der 10 begehrtesten Arbeitgeber nicht ein einziges Finanzinstitut anzutreffen ist. Dabei war beispielsweise die UBS bis anhin in den meisten Umfragen dieser Art immer die Wunscharbeitgeberin - zumindest bei Jobeinsteigern. Vorbei. Dort ist momentan sogar der halben Lehrlingsschaft die nähere Zukunft verbaut worden, und in den oberen Chargen steht die grosse Ausdünnung noch bevor. «Jetzt gehts den Seniors an den Kragen», mutmassen Noch-Insider, die sich krampfhaft nach neuen Jobs umsehen, bevor die grosse Schwemme den Arbeitsmarkt überflutet.

Gute Plätze sind doppelt rar

Mit Ausnahme von ABB Schweiz mit ihren rund 6300 Mitarbeitenden sind die ausgewählten besten Arbeitgeber durchwegs in der Kategorie KMU angesiedelt. Die Mindestgrösse sind 50 Arbeitsplätze, um überhaupt dabei zu sein. Dies ein zusätzlicher Grund - neben der aktuellen Krise -, warum es auch bei den besten Arbeitgebern wohl nur wenig der begehrten Arbeit gibt. Wenn beispielsweise bei Google Schweiz etwas mehr als 450 Personen glücklich sind oder bei Cisco Schweiz deren 228, so ist das zwar erfreulich für die Betroffenen, aber für die grosse Masse kaum relevant.

Das ist in etwa so, wie wenn man die Mieterinnen und Mieter in den Schweizer Grossstädten befragt, wie zufrieden sie mit ihrer Wohnsituation sind und es gewinnen die Vermieter mit den grosszügigen 6-Zimmer-Altbauwohnungen für 900 Fr. inkl., die man normalerweise höchstens als Gast zu sehen bekommt.

Wenn nun trotzdem demnächst bei den ausgezeichneten Firmen ein paar tausend Bewerbungsschreiben zusätzlich eingehen, dann ist davon auszugehen, dass zumindest die dortigen Personalabteilungen mit ihrem Arbeitsumfeld nicht mehr ganz so zufrieden sein werden wie bis anhin.

Obwohl gerade die Googler die rege Nachfrage nach Arbeitsplätzen gewohnt sein sollten - dort laufen «weltweit 1500 Bewerbungen ein. Täglich!», wie Sprecher Matthias Meyer weiss. Und Google Schweiz ist immerhin «immer noch am Anstellen - wenn auch mit tieferer Frequenz».