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Psychologie
Die Ego-Hypothek: Warum Top-Manager alles riskieren

Pierin Vincenz
Pierin Vincenz: Der Ex-Raiffeisen-Chef soll mit verdeckten Geschäften mehrere Millionen Franken gemacht haben.Quelle: Keystone

Sie haben Ansehen, Status, Macht. Und doch wollen sie mehr. Warum Top-Manager wie Pierin Vincenz mit dem Feuer spielen.

Corinna Clara Röttker
Von Corinna Clara Röttker
am 15.03.2018

Schon der englische Philosoph Francis Bacon wusste: «Wissen ist Macht». Dies gilt umso mehr, wenn jemand etwas vor anderen weiss. Verschafft er sich daraus einen Vorteil, kann das clever sein. In der Wirtschaft aber ist es kriminell. Bei Pierin Vincenz muss das noch festgestellt werden. Der Ex-Raiffeisen-Chef sitzt seit vorletzter Woche in Untersuchungshaft. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Vincenz soll bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben. Weil er als Insider über Informationen verfügte, die andere nicht hatten.

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Von seinem einstigen Ansehen als Bankenchef ist dieser Tage nicht mehr viel übrig. Während 16 Jahren war Vincenz nicht nur das Gesicht der Raiffeisenbank, er war eine wichtige Stimme auf dem Schweizer Finanzplatz und schob grundlegende Diskussionen an. Die jüngsten Vorfälle jedoch vernichteten den über Jahre erarbeiteten Nimbus von jetzt auf gleich. Die Strahlkraft von einst – futsch, die Reputation – im Eimer, den Job als Helvetia-Präsident war er bereits im Dezember los. Einzig dafür, dass sein gut gefülltes Konto um wenige Millionen mehr anschwillt.

Die Verlockung der Macht

Im Fall Vincenz gilt die Unschuldsvermutung. Doch schuldig oder nicht – er ist nicht der Erste, dessen Karriere so ein jähes Ende nimmt. Doch was verleitet erfolgreiche Manager dazu, Status und Ansehen für krumme Deals zu riskieren? Ausgerechnet sie, die eigentlich schon alles haben? Warum können sie der Verlockung der Macht nicht widerstehen?
 
Es liegt an den Charaktereigenschaften der Person sowie an der Situation, in der sie sich befindet, sagt Wirtschaftspsychologe Christian Fichter von der Kalaidos Fachhochschule. «Top-Führungskräfte sind häufig starke Persönlichkeiten mit einer grossen Durchsetzungsfähigkeit, die zudem eine ausgeprägte Leistungs- und Machtmotivation haben», sagt Fichter. Ohne diese Eigenschaften würde man es kaum bis ganz nach oben schaffen.

An die Grenzen gehen

Es sind Persönlichkeiten, die bereit sind, für ihren Job und ihre Position alles zu geben, die bis ans Limit gehen. «Dabei werden die Grenzen des Erlaubten ausgereizt und manchmal auch überschritten», sagt Fichter. «Es ist wie in einem Wettrennen: Der Rennfahrer muss an die Grenzen gehen, denn sonst gewinnt er nicht. Doch sobald er die Grenze ein bisschen überschreitet, fliegt er aus dem Rennen. Und so ist es auch in der Wirtschaft.» Hinzu komme eine Fehleinschätzung des Risikos, eben weil viele Topmanager sich sehr sicher in ihrem Handeln fühlen.

«Meist fehlt ihnen die Erfahrung eines grösseren Scheiterns – sonst wären sie ja nicht in der Top-Führungsposition. Man könnte sagen, das gibt ihnen ein Superheldengefühl», sagt Fichter.

Pierin Vincenz
16 Jahre lang führte Pierin Vincenz die Raiffeisen wie ein Sonnenkönig.
Quelle: Keystone

Pierin Vincenz als Superheld der Raiffeisen

Die Magie des Superhelden umgab auch Vincenz. Der Bündner gilt als starke Persönlichkeit, frei von jeglichen Selbstzweifeln, jemand, der bei heiklen Themen Klartext redet, ohne Scheu vor Autoritäten, sondern mit Lust an der Provokation. Raiffeisen schraubte er zur systemrelevanten Bank hoch, mit einem Netz von über  tausend Standorten hat der gelernte Investmentbanker die Schweiz überzogen, viel mehr als alle anderen. Mit einem Rekordergebnis übergab er Raiffeisen 2015 an Nachfolger Patrik Gisel.

Das Problem nur: «Wenn man sich als Superheld fühlt, glaubt man, dass einem nichts passieren kann. Man schätzt also das Risiko des eigenen Fehlverhaltens falsch ein», so Fichter.

Die Vorwürfe der persönlichen Bereicherung bestreitet Vincenz. In einem Interview mit dem «Sonntagsblick» sagte er, er habe unternehmerisch und immer im Interesse von Raiffeisen agiert: «Es ist möglich, dass da vielleicht einmal etwas im Grenzbereich war, das man im Nachhinein, mit dem heutigen Verständnis von Corporate Governance, anders beurteilt. Das würde ich nicht ausschliessen. Aber ich habe ein gutes Gewissen und kann hinter meinen Entscheidungen stehen.»

Wirtschaftspsychologe Fichter glaubt ihm das. Der Grund: Den Topmanagern fehle oftmals das Unrechtsbewusstsein, auch weil Wirtschaftskriminalität immer noch als Kavaliersdelikt angesehen werde. «Das eigene Fehlverhalten wird nicht erkannt, das sieht man im Fall Vincenz auch an der Kommunikation. Sie glauben tatsächlich, dass sie nichts falsch gemacht haben. Das geht uns aber allen so, zum Beispiel, wenn wir mit dem Auto zu schnell fahren, denkt jeder von uns, dass alles okay sei, solange nichts passiert.»

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Quelle: Keystone

Mangelnde Kontrolle für Top-Banker

Abgesehen von der Persönlichkeit von Führungskräften sieht Fichter das Problem vor allem in der mangelnden Kontrolle. «Das Verhalten der Menschen folgt der Gelegenheitsstruktur. Wenn das vermutete Risiko klein ist und der mögliche Gewinn hoch, steigt die Wahrscheinlichkeit, dem Verhalten, in diesem Fall Insidergeschäften, nachzugehen.» Kurzum: Gelegenheit macht Diebe, quasi.

Vincenz hatte die Gelegenheit: In seinen 16 Jahren als Raiffeisen-Chef waltete und schaltete er, wie er wollte. Seine Machtfülle war gross: Er baute aus und kaufte zu, beteiligte sich privat an Beteiligungen, nahm Einsitz in zahlreichen Verwaltungsräten und schüttete sich selbst immer mehr Lohn aus. Mutig entgegengetreten ist ihm niemand – weder in der Rechtsabteilung, wo als Chefjuristin seine Frau sass, noch im Verwaltungsrat.

Für Fichter hat der Verwaltungsrat hier seine Kontrollpflichten vernachlässigt: «Menschen, die in grossen Machtpositionen sind, darf man nicht sich selbst kontrollieren lassen.» Zudem bedarf es einer Kultur bestehend aus sozialen Normen: «Wenn die soziale Norm besteht, dass unmoralisches und unethisches Verhalten nichts Schlimmes ist, wird es eben auch passieren.» Viel Macht, wenig Kontrolle. Diese Kombination könnte Pierin Vincenz teuer zu stehen kommen.