Gute Ideen kommen oft im Schlaf. Doch in den meisten Fällen lässt das böse Erwachen nicht lange auf sich warten. Kann ich die Idee realisieren?, flüstert der Floh ins Ohr. Wo nehme ich das Geld her, um in die Selbstständigkeit zu starten? Verliere ich mein Gesicht, wenn es schief geht? Und vielleicht die wichtigste Frage: Habe ich überhaupt das Zeug zum Unternehmer?

«Ums Geld geht es dem Unternehmer nicht in erster Linie», sagt Diego Liechti. Am Institut für Finanzmanagement der Universität Bern hat Liechti über Jahre das Unternehmertum in der Schweiz untersucht. Jetzt hat er zusammen mit Claudio Loderer und Urs Peyer seine Forschungsergebnisse in einer Studie publiziert. Gemäss der Untersuchung gehen 60% der Unternehmer, die nach 2002 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, heute noch davon aus, dass sie als Unternehmer weniger Geld verdienen, als wenn sie bei einer etablierten Firma angestellt wären.

Unternehmerinnen kommen

Unternehmer zeichnen sich durch eine überdurchschnittliche Risikobereitschaft aus. Ihre Selbstsicherheit grenzt oft an Vermessenheit, zeigt die Studie. So würden sie unverhofftes Geld, aus einer Erbschaft beispielsweise oder einem Sechser im Lotto, drei Mal häufiger in die eigene Firma investieren, als es ein Manager in der gleichen Situation täte. Doch ganz verblendet sind Unternehmer nicht: Wer für eine Familie, besonders mit Kindern, sorgen muss, zieht die Sicherheit einer Anstellung oft der stürmischen See des Unternehmertums vor.

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Der typische Schweizer Unternehmer ist immer noch männlich. Doch der Unternehmerinnenanteil steigt mit jedem Jahr: Zwischen 2007 und 2009 hat er sich schweizweit von 4,9 auf 6,4% erhöht. Bei Venturelab, das sich von St. Gallen aus auf die Förderung innovativer Projekte konzentriert, sind nach Angaben des Leiters Beat Schillig bereits 20% der Teilnehmenden weiblich. «Vorbilder sind wichtig», ist Schillig überzeugt. Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit erfolgreich geschafft hätten, könnten andere Frauen überzeugen, es ihnen gleichzutun.

Hingabe zahlt sich aus

Zwischen Januar und November 2009 sind in der Schweiz 31704 neue Unternehmen ins Handelsregister eingetragen worden. Im gleichen Zeitraum meldeten 4583 Betriebe Konkurs an. Welche Faktoren machen den Unterschied zwischen unternehmerischem Erfolg und Misserfolg aus?

«Talent und Erfahrung sind wichtige Faktoren», sagt Liechti. Sowohl Erfahrung im Management von Unternehmen als auch bei früheren Unternehmensgründungen. So zeigt die Unternehmerstudie etwa, dass Jungunternehmer, die bereits ein Unternehmen gegründet und mit Erfolg geführt haben, nicht nur öfter ein neues Unternehmen gründen, sondern auch überdurchschnittlich erfolgreich damit sind.

Auch Einsatz und Hingabe zahlen sich aus. So erreichen Vollzeitunternehmer eine höhere Rendite auf dem investierten Kapital als solche, die neben dem eigenen Unternehmertum noch bei einer anderen Firma angestellt sind. Vom Schritt aus der Arbeitslosigkeit direkt in die Selbstständigkeit rät Liechti dagegen eher ab. Es zeigt sich, dass Unternehmen, die auf diese Weise entstanden sind, im Durchschnitt weniger erfolgreich laufen.

«Erfolg fällt nicht in den Schoss»

Eine nicht unwesentliche Rolle im Unternehmertum spielt auch das Glück. «Glück ist für den Unternehmer der wichtigste Erfolgsfaktor», sagt Henri B. Meier, Verwaltungsratspräsident von HBM BioVentures und langjähriger Förderer innovativer Jungunternehmen. Neben der Ausbildung, Erfahrung und Ausdauer sei es nötig, mit dem richtigen Produkt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

Untersuchungen zeigen jedoch, dass mit sinkendem Innovationsgrad auch die Bedeutung von Glück abnimmt. Im Mittel trägt das Glück höchstens 17% zur Performance bei. «Ein Unternehmer muss sich sein Glück hart erarbeiten», schliesst Liechti daraus. «Der Erfolg fällt dem Unternehmer selten einfach in den Schoss.»

 

 

NACHGEFRAGT Henri B. Meier, Verwaltungsratspräsident HBM BioVentures, Zug


«Jungunternehmertum ist heutzutage ein Berufsziel»

Innovative Jungunternehmer bewerben sich bei Ihnen, um Risikokapital zu erhalten. Wie viele Businesspläne sind schon auf Ihrem Schreibtisch gelandet?

Henri B. Meier: Ich habe nicht gezählt, wie viele Businesspläne ich gelesen habe. Es sind Hunderte, möglicherweise über Tausend.

Wie haben sich Jungunternehmer im Bereich der Spitzentechnologie in den vergangenen 40 Jahren verändert?

Meier: Den grössten Wandel sehe ich in der Einstellung der Hochschulabsolventen zum Unternehmertum. Als ich studierte, war Jungunternehmer als Berufsziel noch kaum eine Alternative.

Was müssen Jungunternehmer bieten, damit Sie ihnen Kapital zur Verfügung stellen?

Meier: Der Kriterienkatalog ist natürlich lang. Meistens stelle ich mir aber folgende Fragen: Wie hoch ist das Innovationspotenzial des Produkts? Wie attraktiv ist der Markt, in dem das Produkt lanciert werden soll? Welche Qualitäten hat das Managementteam? Ist die Finanzierung bis zur Marktreife sichergestellt? Die letzte Frage geht oft vergessen. Dabei sterben viele Jungunternehmen, weil die finanzielle Durststrecke einfach zu lang ist.

Wie sieht der typische Jungunternehmer aus, der sich bei Ihnen um Unterstützung bewirbt?

Meier: Als Venture-Capital-Gesellschaft, die Jungunternehmen an der Spitze des technischen Fortschritts finanziert und betreut, haben wir es meistens mit Hochschulabgängern zu tun. Diese möchten ihre «Entdeckung» oder «Erfindung» in ein nützliches Produkt umsetzen.

Welches Managementwissen müssen Jungunternehmer mitbringen?

Meier: Je nach der Komplexität des Produkts kann die Umsetzung bis zur Markteinführung schon zehn Jahre dauern. In den ersten fünf Jahren sind Entwicklungsmanagement und Kenntnisse des Immaterialgüterrechts gefragt. In der nächsten Phase, in welcher der Personalbestand der Firma steigt, zählen Führungs- und Sozialkompetenz, Marketing, Verhandlungsgeschick. Nicht selten muss der «Primus inter pares» mitten im Zehnjahresrennen ausgewechselt werden, weil er nicht über die Management-Fähigkeiten verfügt, die in späteren Entwicklungsphasen des Unternehmens immer wichtiger werden. Wir investieren viel Zeit ins Coaching.

Welche Phasen durchläuft ein Hightech-Startup?

Meier: Am Anfang muss der Jungunternehmer, der an der Spitze des technologischen Fortschritts steht, über sehr viel Fachwissen und fast unbeschränkte Risikobereitschaft verfügen. Bei der Gründung ist die Ungewissheit sehr hoch. Je grösser und reifer das Unternehmen wird, desto öfter können Fachfragen delegiert werden. Das Anforderungsprofil ähnelt immer mehr demjenigen des traditionellen Unternehmers. Das Unternehmen entfernt sich immer weiter von der Spitzentechnologie.