Das kommt nicht grad alle Tage vor: Der Kleinere schluckt den Grösseren. Wobei das mit dem Unterschied leicht überzeichnet ist. Comet setzte bei Vertragsabschluss im Sommer dieses Jahres 96 Mio Fr. um, Yxlon 104 Mio Fr. Aber trotzdem, es ist und bleibt ein Unterfangen mit Seltenheitswert.

Und wie wirkt einer, dem kurz nach seinem Amtsantritt das Dossier Kauf von Yxlon aufs Pult gelegt wurde? «Das war ganz schön spannend», sagt der gebürtige Norddeutsche, um gleich hinzuzufügen, dass er unerwartete Wendungen im Berufsleben schon immer «wenn nicht gerade bewusst gesucht, aber gerne erlebt hat. Eigenartigerweise ganz im Gegenteil zu meinen privaten Leben. Dort liebe ich das Absehbare.»

Entscheidende Sprachkurse

Seine Familie muss einen guten Kitt haben. Er betont es nicht ein einziges Mal, und doch schimmert es immer wieder durch. Etwa, wenn er erzählt, dass seine Frau und seine beiden noch schulpflichtigen Kinder sofort einverstanden waren, mit Sack und Pack in die Schweiz zu ziehen. «Ich könnte mir eine Wochenend-Ehe nicht vorstellen», räumt er offen ein. Dabei ist die Zahl der Manager, die in einer ähnlichen Situa-tion sind und deren Familiennachzug noch heute auf sich warten lässt, erstaunlich gross.

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Gab es wirklich keine Einwände gegen einen Umzug nach Gümligen? So im Stil «Meine Frau hat ihr eigenes Beziehungsnetz aufgebaut, und die Kinder wollen sich nicht von ihren Freunden trennen». Zarske schüttelt den Kopf. «Dazu sind wir viel zu viele Male umgezogen und haben trotzdem immer wieder Wurzeln geschlagen.» Der 13-jährige Jan und der 14-jährige Bastian haben sich nahtlos ins bernische Schulsystem integriert. «Sie mussten lediglich ein paar Französisch-Stunden bei Berlitz vorschalten», sagt ihr Vater salopp. Aber weil Spanisch ihre zweite Muttersprache ist, sei das kein zu grosses Problem gewesen. Spanisch? «Ja, meine Frau ist Spanierin», sagt Zarske. Und wo haben sich die beiden kennen gelernt? «In einem Sprachkurs in London.»

Strenge preussische Erziehung

Der Sohn eines Schneidermeisters aus Celle ist kein Bücherwurm. «In jeder freien Sekunde war ich am Basteln. Das fing mit Morseapparaten und Wechselsprechanlagen an und endete bei Radiosendern und Rundfunkempfängern.» Dass halt ab und zu einmal ein Elektrolytkondensator draufging und «es wie Schnee von der Decke rieselte», wie Zarske bildhaft beschreibt, was ihm Spass machte, schien man ihm durchgehen zu lassen.

Dies, obwohl er mehrmals betont, er sei sehr streng preussisch erzogen worden. Den Wunsch nach einer musikalischen Ausbildung fanden seine Eltern dann aber doch nicht so opportun, obwohl der «Alte Fritz», das inkarnierte Preussen-Idol, immer behauptet hatte, Musik und eine harte Erziehung hätten eine positive Korrelation.

Zarske begann seine berufliche Laufbahn nicht als Virtuose samt Geige und Piano, sondern mit einer Lehre als Radio- und Fernsehtechniker. «Das war eine herrliche Zeit.»

Wenn er vormacht, wie er als Lehrling zupackte, spürt man eine unbändige Lust am Manuellen. «Je mehr ich in diese faszinierende Welt eintauchte, desto mehr bekam ich Lust, noch viel mehr darüber zu erfahren.»

Das betäubende «Cockpit»

Er absolvierte die Fachhochschule und anschliessend das Studium als Diplomingenieur an der Technischen Universität Braunschweig.

Weil er grad so auf diesem «Technotrip» war, lag auch eine Doktorarbeit noch drin. «Die dynamische Optimierung von Einspritzung und Zündung bei Verbrennungsmotoren.» Ein Thema, das aktueller nicht sein könnte.

Voll ausleben konnte er seine innovative Ader vor allem bei Dräger, einem renommierten Unternehmen der Medizin- und Sicherheitstechnik mit Sitz in Norddeutschland.

Zarske machte dort in den Disziplinen Marketing und Entwicklung Karriere und leitete später die Geschäftsbereiche Intensivmedizin und Anästhesie, zu denen Beatmungs- und Narkosegeräte gehörten.

Das erste Mal glimmt so etwas wie ein kleines bisschen Stolz in seinen stahlblauen Augen auf. Heute werden die von ihm massgeblich mitgestalteten «Anästhesie-Cockpits» – wie er sie gerne nennt – in bekannten und auch vielen grossen Spitälern auf der ganzen Welt verwendet, so auch im Inselspital in Bern.

Hat er noch mehr solcher Fussspuren hinterlassen? «Oh, da gäbe es schon noch einige, aber ich stosse mich selber daran, wenn sich Manager mit ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Verdiensten auf das Podest stellen», sagt er.

Zuerst Skepsis

Zu Comet ging er nicht sofort mit fliegenden Fahnen. Als man ihn anging, stellte er zunächst fest, dass dieses Unternehmen zwar gut aufgestellt ist, dass es aber doch – er vermeidet den Begriff «vielleicht eine Schuhgrösse zu klein ist» – schon nicht gerade das Kaliber hat, an das er gewohnt war. Zum damaligen Zeitpunkt wurden 96 Mio Fr. umgesetzt. «Aber je mehr ich mich mit diesem Unternehmen, seinen Mitarbeitern und seinen Produkten beschäftigte, desto stärker wurde mein Interesse. Die starke Marktposition, begeisterungsfähige Mitarbeiter, ein ausbaufähiges Umfeld und nicht zuletzt das zur Transparenz verpflichtete börsenkotierte Unternehmen haben mich angezogen.»

Nun lebt er also in der Welt der Vakuumkondensatoren und Röntgenröhren und ist dabei, den jetzt zum führenden Anbieter von industriellen Röntgenkomponenten und -modulen im Bereich der zerstörungsfreien Materialprüfung und Sicherheit in die Zukunft zu pilotieren.

Röntgen und Kondensatoren

Möglich geworden ist der Kauf von Yxlon durch die Aufnahme von Bankkrediten in Höhe von 45 Mio Fr. sowie die Schaffung von genehmigtem Kapital im Umfang von 145000 Aktien. «Zusammen mit Feinfocus, bei der Mikrofokus-Röntgensysteme zur Analyse kleinster Strukturen hergestellt werden, entwickeln wir uns im X-Ray-Bereich vom Komponenten- zum Systemanbieter und können so die Wertschöpfungkette massiv erweitern», sagt er.

Weiter auf Erfolgskurs läuft die zweite Division, die für die Halbleiter- und Flachbildschirm-Industrie Vakuumkondensatoren und sogenannte Match-Boxes produziert, die in der Halbleiterindustrie eingesetzt werden. In diesem Bereich sei das Wachstumspotenzial am grössten, sodass man erwartet, dass die Konjunkturzyklen dieser Industrie nur begrenzt Wirkung zeigen werden, bemerkt Zarske.

Eisbein mit Sauerkraut

Der Hobby-Gitarrist Zarske und seine Söhne musizieren gern – und nicht etwa nur Klassisches. Während seiner Leica-Zeit gehörte er auch einer Firmenband an. Und auch Comet hat ihre hauseigene Musikband.

Dass Zarskes Gäste nicht nur in den Genuss von hauseigener Musik, sondern gelegentlich auch von seinen Kochkünsten kommen, bestätigt Petra Hirsbrunner, zuständig für Corporate Communications bei Comet, die zusammen mit anderen Mitarbeitenden zu einer Hauseinweihung eingeladen war. «Mich freute es, zu erleben, dass er zu Hause genau so unkompliziert ist wie im Betrieb», sagt sie. Was kocht er denn am liebsten? Natürlich Eisbein mit Sauerkraut. «Es kann auch eine Erbsensuppe sein», sagt er beim Abschied.