Was haben Villach - mitten im «Haiderland» -, Nestlé und Winterthur Technologie gemeinsam? Die Antwort ist einfach: Hier liegen die Wurzeln von Nestlé-VRP Peter Brabeck, und hier werkt und wohnt Edmar Allitsch, CEO eines der weltgrössten Schleifmittelherstellers. Allerdings ist wichtig zu wissen: Beide sind früh aus Österreich in die weite Welt gezogen und haben ausserhalb dieser «Enklave» Karriere gemacht - sie haben einen politischen Entfernungsschutz.

Abgesehen vom Erfolg und ihrem unverkennbaren Idiom ist den beiden noch mehr gemeinsam: Sie tragen keine Kärntner Tracht und selbst im tiefsten Winter keine Lodenmäntel, können nicht schuhplatteln und schon gar nicht jodeln - sieht man von den Jauchzern ab, die ihnen gute Ergebnisse entlocken.

Verkappter Humanist

Rasch ist man mit Allitsch mitten in seiner wechselvollen Karrierelandschaft. Er behauptet zwar gleich zu Beginn des Gesprächs, ein veritabler Technokrat zu sein. Es schält sich aber eine ganz andere Seite heraus. Unglaublich alert zwar, wenn es um neue Werkstoffe, Verfahren, den Einsatz von Schleifmitteln für immer noch sophistiziertere Anwendungen geht. Da ist er kaum zu stoppen.

Aber wenn es gelingt, auf den richtigen Knopf zu drücken, ist man mit einem Mal in den Dreissigjährigen Krieg verwickelt oder nimmt seine Begeisterung für Aufträge wahr, die eigentlich gar niemand wollte, die ihm aber letztlich nicht nur mehr Lebensqualität, sondern auch Erkenntnisse gebracht haben, die er heute noch in seine Aufgabe einweben kann. Der Dreissigjährige Krieg: Wen interessiert das heute noch? Und zuallerletzt erwartet man dies von einem Absolventen der renommierten Montan-Universität Leoben, wo ausschliesslich Technikfreaks studieren.

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Allitsch muss lachen, wenn ihm vorgehalten wird, eben gesagt zu haben, er sei ein technisch orientierter Mensch und interessiere sich trotzdem für die unendliche Geschichte, als sich Österreicher, Franzosen, Spanier, Deutsche und Schweden bekämpft haben. «Wenn ich in einem Land arbeite, möchte ich auch mehr über die Geschichte und den historischen Hintergrund wissen. So etwa, wie denn das zwischen der k.u.k-Monarchie und dem Land ablief, in dem ich arbeiten musste. Ich habe im Lauf meiner verschiedenen Auslandeinsätze immer wieder gelernt, dass die Geschichte die Leute viel mehr prägt, als sie es selber ahnen, dies gilt auch für Firmen.»

Im hintersten Fjord-Kaff

Seine erste Stelle trat Allitsch beim Weltmarktführer im Bereich feuerfester Keramik (RHI) an. An den ersten Tag als junger «Schnösel» frisch ab Presse erinnert er sich, als ob es gestern gewesen wäre. «Sie hatten ein neues Produkt entwickelt und dachten, der soll doch diesen ‹Mist› mal verkaufen», sagt Allitsch mit dem ihm eigenen Humor, der immer wieder durchschimmert: Doch Irrtum, der junge Hochschulabsolvent - bar jeglicher Kenntnisse von Marketing - machte seine Sache so gut, dass er avancierte.

Unter anderem wurde ihm schon bald eine akquirierte Tochter in Schweden anvertraut. Mit einem Schnellbleichekurs in dieser Landessprache in der Tasche verschob sich der Kärntner in den hohen Norden. «Ich hatte Glück. Österreicher wie auch Schweizer sind im Norden sehr beliebt.» Angedichtet wurde ihm dort allerdings, dass er jodeln könne. Hier musste er passen.

Dafür überzeugte er mit seinem gewinnenden Wesen - Allitsch ist äusserst charmant, gross gewachsen und hat trotzdem keine Allüren eines Beau. Er war sich auch nicht zu schade, dorthin zu gehen, wo sich die meisten jungen Karrierehengste zierten, weil es da weder Glamour noch Medienpräsenz gab: In die hintersten Kaffs in Norwegen. An jedem Fjord gab es Aluminiumhüttenwerke und damit Potenzial für keramische Produkte. Aber dorthin zu fahren, ist mühsam und unattraktiv. Doch Allitsch fand das spannend. Er war in den abgelegenen Fjorddörfern hochwillkommen und hatte einen gewissen Unterhaltungswert, wie er einräumt.

In der Welt herumgekommen

Dass sich nebenbei auch die Auftragsbücher füllten, sei nur am Rand erwähnt. Und das Verrückteste: Seine Frau machte alle diese Stationen seiner Karriere mit. Als Lehrerin unterrichtete sie überall, wo die beiden hinkamen.

Allitsch stieg in der Karriereleiter hoch, kam in der Welt herum und wurde schliesslich nach Cleveland, Ohio, entsandt, wo er eine US-Keramikfirma auf Vordermann bringen sollte. Auch dort war seine Frau mit von der Partie und lehrte die Amerikaner, wie man korrekt Deutsch spricht. Er brachte es fertig, dass möglichst viele US-amerikanische Kunden die Vorteile seiner intelligenten Produkte erkannten.

Heute, in der Position als CEO von Winterthur Technologie, kann er ohne Emotionen die Vorteile der verschiedenen Nationalitäten beschreiben, wenn es um die Entwicklung, die Produktion oder den Verkauf dieser hoch komplizierten Produkte geht. «Kaum haben wir etwas Neues pfannenfertig in der Pipeline, bringen es unsere US-amerikanischen Leute schon erfolgreich auf den Markt. Aber beim Tüfteln und in kreativer Umgebung sind unsere Mitarbeitenden aus dem Rosental in Villach einfach unschlagbar.»

Viel gelernt «im Schulzimmer»

Die Schweden seien bei ihrer Entscheidungsfindung sehr auf Teamgeist bedacht, was zwar etwas länger dauern könne, bis das Resultat vorliege, aber es sei demokratisch untermauert. Bei den US-Amerikanern gehe es einfach am raschesten, in Deutschland am gründlichsten. Und dann windet er nochmals den Österreichern ein Kränzchen. Sie seien, wie seine Schweizer Mitarbeitenden, ein Garant für Präzision. «Das ist es, was uns auch in dieser harzigeren Zeit erfolgreich macht.»

Wo hat Allitsch nur gelernt, mit den verschiedenen nationalen Befindlichkeiten umzugehen, sie zu achten und damit zum derzeitigen Erfolg des Unternehmens beizutragen? Zunächst nennt er seine Bereitschaft, die Zelte immer wieder abzubrechen und, einmal in einer anderen Welt angekommen, sich in diese und ihre Eigenheiten zu vertiefen.

Dann kommt ein Argument, das unerwartet ist. «Gerade weil ich so viel unterwegs war, habe ich gelernt, die kostbare Zeit, die ich mit meiner Frau verbringe, aktiv zu nutzen. Ich habe sogar, trotz all der grossen Pensen, die ich zu absolvieren hatte, ihre Schulstunden besucht. Ich sass hinten, sagte kein Wort und war total perplex, wie sie es verstand, mit jedem wirklich schwierigen Schüler eine Möglichkeit zu finden, ihn anzusprechen, ihm das Gefühl zu geben, dass er Fähigkeiten habe, die er nützen könne und die ihn weiterbringen. Da habe ich mehr mitbekommen, als sich andere in Managementlehrkursen mühsam erwerben müssen.»

Espresso statt Grüntee in China

Vielleicht ist es das, was an ihm auffällt: Er holt sich aus seiner Umwelt das, was ihn weiterbringt. Aber manchmal führte diese Fähigkeit auch zu komischen Situationen. «Als ich für Winterthur Technologie nach China reiste, habe ich mich, wie ge-wohnt, gut vorbereitet - auch in Sachen nichtverbaler Kommunikation.

Das heisst bekanntlich Visitenkarten mit beiden Händen überreichen, grünen Tee bestellen etc. Ich tat wie gelernt und fiel schier vom Hocker, als meine chinesischen Geschäftspartner einen Espresso bestellten und mir ihre Visitenkarte nonchalant über den Tisch ‹warfen›.» Solche Szenen schildert er fast filmreif.