Der Wahnsinn hat verschiedene Namen: Handy, Blackberry, W-Lan-Anschluss, E-Mail, SMS und Videokonferenz. Während man auf dem Handy spricht, meldet sich per Anklopf-Funktion schon der nächste Anrufer. Zeitgleich macht sich der Festnetz-Anschluss bemerkbar und treffen neue E-Mails ein.

Seit jeder mit jedem vernetzt ist, scheint der Arbeitstag aus einer endlosen Kette von Kommunikationseinheiten zu bestehen. Manch einer kommt nach einem langen Arbeitstag nach Hause und fragt sich, was er eigentlich getan hat - ausser zu telefonieren und zu mailen, natürlich.

Das Glück der Unerreichbarkeit

Irgendwann hätten die Kommunikationsanforderungen, die täglich an sie herangetragen wurden, angefangen, ihr Leben zu bestimmen, schreibt die HSG-Professorin Miriam Meckel in ihrem Buch «Das Glück der Unerreichbarkeit». Obwohl ihr Arbeitsvolumen nicht angewachsen war, habe sie immer mehr Stunden für ihre Arbeit verwandt und dabei gleichzeitig weniger Zeit gehabt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Dinge in Ruhe durchzudenken. «Ich war immer online, immer auf Stand-by und immer erreichbar. Aber ich war eigentlich nie mehr richtig da», schreibt sie.

Niemand wird bestreiten, dass E-Mails oder Handys den Arbeitsalltag erheblich erleichtern können. Doch in vielen Fällen scheint sich die moderne Kommunikation bereits verselbstständigt zu haben. Die Zeit, die man durch elektronische Post und durch mobile Telefonate sparen kann, wird aufgehoben durch den Aufwand, den der Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln fordert.

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Der Elektronikhersteller Plantronics hat ermittelt, dass ein Angestellter mittlerweile zwei Stunden pro Tag mit dem Schreiben und Beantworten von überflüssigen E-Mails verbringt. Die New Yorker Technologiefirma Basex rechnet vor, dass die US-amerikanische Volkswirtschaft durch die ständigen Störungen am Arbeitsplatz jährlich 588 Mrd Dollar verliert. Gemäss einschlägigen Studien kann sich der durchschnittliche Büroarbeiter elf Minuten mit einem Thema beschäftigen, bevor er unterbrochen wird.

«Das Tagesgeschäft findet immer seltener statt. Die Firmen arbeiten schneller, sind aber keineswegs produktiver geworden», sagt Gunter Meier aus dem bayrischen Schwabach, der in Seminaren Teams und Manager schult, mit der Flut von E-Mails zurecht zu kommen. «Es hat sich schon längst eine Kultur des gegenseitigen Störens etabliert», sagt Meier.

Die ständige Erreichbarkeit des modernen Menschen lässt auch zunehmend die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwinden. Während es einst gesellschaftlich geächtet war, sonntags oder nach 20 Uhr Kollegen anzurufen, plagen mittlerweile kaum noch jemanden Hemmungen, seine Umwelt rund um die Uhr mit Anrufen zu traktieren.

Zudem schwinden die letzten Ruheinseln der elektronischen Erreichbarkeit mehr und mehr: ICE sind nahezu flächendeckend mit Steckdosen für Laptops und W-Lan-Anschlüssen ausgerüstet. Einige Fluglinien erlauben bereits Handy-Telefonate an Bord.

Arbeit unter Kiffer-Niveau

Wem keine Pause, keine Erholung, keine Regeneration gegönnt wird, der brennt irgendwann körperlich und psychisch aus. Der Kommunikationsstress raubt somit nicht nur wertvolle Arbeitszeit - die Konzentration des modernen Menschen leidet beträchtlich. Meier zitiert gerne eine Studie des Londoner Kings College, die mit mehr als 1000 Probanden durchgeführt wurde. Die Forscher stellten einer Testgruppe eine Aufgabe und traktierten sie währenddessen mit E-Mails. Eine Kontrollgruppe erhielt die gleiche Aufgabe und konsumierte dabei Marihuana. Das Ergebnis: Die Probanden, die Drogen genommen hatten, waren besser in der Lage, ihre Arbeit zu erledigen, als die Mitstreiter aus der ersten Gruppe, bei denen der Intelligenzquotient während des Experiments stark abfiel. Rechnet man dieses Ergebnis auf den Büroalltag hoch, arbeiten Millionen Menschen unter Kiffer-Niveau.

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«Warum lassen wir uns tyrannisieren von den Möglichkeiten der technischen Kommunikation, die - richtig verwendet - doch eine Hilfe sein können? Warum tyrannisieren wir uns selbst?», fragt Miriam Meckel. Alles wäre viel einfacher, wenn man die technischen Kommunikationsmittel einfach mal abschalten würde. Doch gerade das gelingt nur wenigen. Der eigentliche Grund, aus dem wir ständig erreichbar sein wollen, so Meckel, liege in der Natur des Menschen begründet, der stets nach Aufmerksamkeit lechzt. «Wir wollen beachtet werden, beteiligt sein am Spiel der Wichtigen und Wahrgenommenen. Immer ganz vorne bei denen, die Informationen senden und empfangen und so die Agenda setzen: Ich maile, also bin ich.» Eine Einschätzung, die auch Gunter Meier teilt. «Auch geschäftlicher E-Mail-Verkehr hat eine Beziehungsebene. Ein Mitarbeiter, der seinem Chef ständig E-Mails schickt, will in Wirklichkeit Streicheleinheiten.»

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Auf Störquelle stürzen

«Oft genug sind auch strukturelle Probleme die Ursache, wenn zu viel kommuniziert wird. Die Mitarbeiter rufen ihre Vorgesetzten ständig an, um sich bei allen Kleinigkeiten versichern zu lassen, dass sie richtig handeln», sagt Meier. Sollen wir das wirklich so machen? Kann ich in die Präsentation noch einen weiteren Punkt aufnehmen? Rück-Delegation nennt Meier dieses gleichermassen weit verbreitete und unerwünschte Verhalten, dem durch die grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten Vorschub geleistet wird. Früher wurde entschieden, heute wird endlos kommuniziert, ehe man auf den Punkt kommt.

Die ständigen Unterbrechungen, die einen ganz normalen Arbeitstag zerhäckseln, sind längst nicht mehr das einzige Problem. Der moderne Mensch ist bereits so sehr auf die ständigen Störungen von aussen abgerichtet, dass er sich auch noch in einer Art vorauseilenden Gehorsams wie ein Pawlowscher Hund auf jede mögliche Störquelle stürzt. Gerade an diesem Punkt könne man bei sich selbst ansetzen, meint Meier. Man sollte sich fragen: Erwarte ich jetzt wirklich einen wichtigen Anruf? Habe ich überhaupt Zeit, zurückzurufen oder eine Mail zu beantworten? Oder sollte ich das alles lieber morgen früh tun?

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Alle sind auch Täter

Experten wie Meier unterscheiden zwischen synchroner und asynchroner Kommunikation. Ein persönliches Gespräch oder ein Telefonat sind synchrone Kommunikationsformen, bei der die Beteiligten zeitgleich miteinander in Kontakt sind. Briefe, E-Mails und SMS sind dagegen eindeutig asynchrone Kommunikationsformen.

Der eine schickt etwas los, der andere beantwortet es zu einem späteren Zeitpunkt. «Es ist ein Grundproblem, dass viele E-Mails in den Stand eines synchronen Kommunikationsmittels erheben und glauben, darauf sofort reagieren zu müssen», sagt er. Sein Mitleid mit den Kommunikationsgeplagten dieser Erde hält sich in Grenzen. «Wir sind alle nicht nur Opfer, sondern auch Täter», sagt er. «Kaum jemand hinterfragt doch, ob ein Handy-Anruf und damit eine Störung gerechtfertigt ist.»

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