Auch im neuen Semester beginnt für Studenten der Kampf um den besten Platz in der Vorlesung. Dieser Kampf wird immer mühsamer, denn die Zahl der Lernwilligen steigt seit Jahren kontinuierlich, die Hochschulen kommen mit der Anmietung oder dem Anbau neuer Räumlichkeiten aber kaum hinterher. So musste etwa für Kunststudenten in Zürich erst vor wenigen Tagen ein gigantischer Komplex im Zürcher Industriequartier eröffnet werden.

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Eine Möglichkeit zur Entlastung der Bildungsinstitutionen wird in wenigen Tagen an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) vorgestellt. Die Informatik-Absolventen Kevin Brandes und Fabian Introvigne haben ein System entwickelt, mit dem Studenten per Handy, Tablet oder PC die Vorlesung mitverfolgen können. Das Modell soll günstiger sein als alles, was es bisher auf dem Markt gibt, und studentenfreundlicher, weil gleich mehrere Videos übertragen werden können.

Markteinführung steht bevor

Entstanden ist die Idee von Brandes und Introvigne im Rahmen ihrer Bachelorarbeit. Das Ziel definierte ihr Dozent Joachim Gelke, der am Institut für Embedded Systems lehrt: «Es sollte ein Mini-Computer zur Live-Übertragung von Videos entwickelt werden.» Studierende sollten per Handy genauso gut informiert werden, wie wenn sie direkt im Vorlesungssaal sitzen würden, erklärt Gelke. Bild-, Tonqualität und die Übertragung aller relevanten Inhalte der Vorlesung müssten dafür optimal gewährleistet sein.

«Im Studium hatten wir uns bisher weniger mit Videoübertragung befasst», erzählt Mitentwickler Fabian Introvigne, «deshalb war diese Arbeit eine besondere Herausforderung.» Zunächst haben die beiden Studenten Versuche mit einer neuartigen Peripheriekarte durchgeführt, mit dem Ziel, dass diese die Videoinhalte möglichst effizient erfasst und anschliessend komprimiert. «Speziell im Umgang mit der Hardware mussten wir Erfahrungen sammeln», so Kevin Brandes. «Erst als die Erfassung der Videos ordnungsgemäss funktionierte, konnten wir die dazugehörige Software entwickeln.»

Vorlesungsräume sind immer noch voll

Das Modell der beiden Entwickler stiess schnell auf Interesse. Inzwischen laufen Vorbereitungen zur Markteinführung, die kurz bevorsteht. Das Interesse der Bildungseinrichtungen und der IT-Branche überrascht nicht, denn bisher haben Videostreamings von Vorlesungen nicht den grossen Durchbruch geschafft. Jede Hochschule experimentiert mit ihrem System, die Zugriffszahlen halten sich in Grenzen, die Vorlesungsräume sind voll.

Für diese stockende Entwicklung der Streamings in Hochschulen gibt es gleich mehrere Gründe: Einerseits sind die Anwendungen, die es für Übertragungen von Vorlesungen bereits gibt, sehr teuer und entsprechen oft nicht den Anforderungen der Studenten. Einmal wird nur die Stimme des Professors übertragen, einmal nur die Präsentationsfolien. So gut informiert zu sein wie die anwesenden Studenten, war bisher technisch kaum möglich.

Picture-in-Picture-Prinzip

Bei den vorhandenen Möglichkeiten, einmal über Hardwareaufzeichnungen, einmal über Softwarelösungen, gab es zudem Probleme: Hardwareaufzeichnungen waren relativ einfach durchführbar, aber sehr kostenintensiv, Softwarelösungen hingegen sind kostengünstiger, eine Nachbearbeitung war aber oft noch nötig.

In diese Lücke wollen die beiden Studenten der ZHAW stossen. Für ihre Anwendung braucht es keine spezielle Software auf Nutzerseite. Zudem gibt es bei ihren Mini-Computern zur Übertragung zwei Videoeingänge, was den Nutzen für die Studentinnen und Studenten deutlich erhöht. So können nämlich zwei Aufnahmen kombiniert werden. «Das sogenannte Picture-in-Picture-Prinzip, das dadurch möglich ist, bedeutet, dass beispielsweise die Präsentationsfolien aus der Vorlesung übertragen werden und gleichzeitig der Dozent daneben in einem kleineren Fenster zu sehen ist.»

Frage nach Interaktivität

Diese Übertragung sei nicht nur für PC, sondern auch für mobile Geräte geeignet. Eine weitere Besonderheit ist, dass es dafür überhaupt keine Software braucht. «Ein Klick auf den Weblink genügt und die Live-Übertragung erscheint im Browser. Ebenfalls möglich ist die Aufzeichnung der Vorlesung, wenn man gerade keine Lust hat, dem Professor zuzuhören. Schwächen haben die bisherigen Streaming-Modelle noch im Bereich der Live-Interaktivität.

Hier wird sich in den nächsten Jahren noch einiges tun müssen, damit die gestreamte Uni Wirklichkeit werden kann. Beispielsweise müsste es für einen Studenten, der die Vorlesung von zu Hause verfolgt, genau so möglich sein, eine Frage an den vortragenden Professor zu stellen, wie für jemand, der im Hörsaal sitzt. Ob sich dafür neue Chatlösungen entwickeln oder ob der Assistent des Professors Fragen per Mail empfängt und sie dann live stellen kann, ist offen.

Es ist aber zu erwarten, dass die Digitalisierung auch den Bildungsbereich noch stärker umpflügt als bisher. Zwar gibt es E-Learning-Tools für Seminare, das heisst ein Programm oder einen Server, auf den Studenten ihre Hausarbeiten hochladen oder Dokumente zur Verfügung gestellt werden können. Aber von Nutzerfreundlichkeit oder einem Anspruch an Design sind diese Modelle noch weit entfernt.

Einnahmequelle für Universitäten

Anderseits sehen bereits einige Universitäten in ansprechenden Übertragungs- und Lehrmodellen eine mögliche Einnahmequelle. So plant die Columbia University in New York, ihre Vorlesungs-Streamings an andere Institutionen weltweit zu verkaufen. Die Entwicklung wird aber wohl nicht bei Seminaren und Vorlesungen enden. Auch Sprechstunden, Meetings mit Doktoranden und vielleicht sogar Prüfungssituationen könnten mit den Mitteln der digitalen Welt neu durchgeführt werden. Neben der Lösung des Platzproblems der Unis würden dadurch auch Professoren und Studenten unabhängiger. Was bei einigen Firmen mit Home-Office-Lösungen bereits Realität ist, ist in der Bildungswelt noch nicht vollständig angekommen.

So spräche beispielsweise nichts dagegen, dass ein Französischstudent nicht in Bern studiert und lebt, sondern in Lyon und dennoch über sein Handy an Seminaren und Vorlesungen an der Heimatuni teilnehmen kann. Auch die Betreuung berufstätiger Doktoranden, die oft weite Anreisen an ihre Uni in Kauf nehmen müssen, würde sich vereinfachen.

In der Welt der Bildung dürfte das Modell von Brandes und Introvigne in diesem Herbst jedenfalls noch für Aufsehen sorgen. Gut möglich, dass ihr System bald schweizweit in Serie geht und den Kampf um den besten Platz in der Vorlesung etwas erträglicher macht.