Sein Büro im unlängst geschmackvoll sanierten Sitz an der St. Leonhardstrasse nahe dem sanktgallischen «Bankenviertel» ist erstaunlich gut aufgeräumt. Eigentlich fast leer. Ist er ein Pedant oder hat er Akten und andere Pendenzen bereits an den neuen Arbeitsort bei der SWX in Zürich verfrachtet, wo er am 1. Februar 2008 offiziell seine neue Aufgabe antreten wird?

Urs Rüegsegger lacht: «Die gute Ordnung hier in St. Gallen hat nichts mit dem Wechsel in die Limmatstadt zu tun, sondern mit der Devise des ‹clear desk›, der wir hier nachleben», sagt er und spricht damit an, was zwar gemäss wirtschaftskriminalistischen Erkenntnissen immer wieder gefordert, aber in der Praxis viel weniger verwirklicht wird: Was abends nicht mehr auf dem Pult herumliegt, führt auch niemanden in Versuchung.

Wunschkandidat von Gomez

Das Auffallendste in seinem Büro ist aber nicht das leere Pult, sondern ein gigantisches Bild des eigenwilligen deutschen Malers Martin Herler. Es sind grosse Magnolien-Knospen. Sie strahlen Ruhe aus, ein Gefühl, das sich während des Gesprächs verstärkt. Muss Rüegsegger das von ihm ausgewählte Gemälde in St. Gallen zurücklassen? «Nein, das gehört mir. Ich werde es selbstverständlich mitnehmen, weil ich sehr daran hänge», sagt er und erzählt, dass in seinem Zuhause in Mörschwil weitere Werke dieses Malers hängen – etwa eine Darstellung von Kirschblüten oder ein Bild seiner Tochter. «Meine Frau und ich lieben den Stil dieses Künstlers.»

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Wer nun auf die Idee kommt, Rüegsegger sei ein Gartenprofi, weil er grossflächige Darstellungen von Blüten und Knospen mag, wird rasch eines Besseren belehrt. «Zum Gärtner tauge ich nun definitiv nicht.» Dafür taugte er dazu, eine Bank zu einem der am besten geführten Institute zu machen, ohne negative Schlagzeilen und lusche Geschäfte: Unter seiner Ägide wurde die St. Galler KB (SGKB), die fünftgrösste Kantonalbank, mit einer Bilanzsumme von 20,5 Mrd Fr. und rund 1100 Beschäftigten auch mit einer topmodernen IT-Plattform ausgerüstet. Eine Zeit lang war er sogar als Nachfolger des glücklosen Hans Vögeli gehandelt worden, weil der Bedarf an einem unbescholtenen, seriösen Banker bei der Zürcher KB gross war.

Rüegsegger war bei der St. Galler Kantonalbank ab 1993 für das Controlling und das Risk Management verantwortlich und später, als Mitglied der Geschäftsleitung, zuständig für den Bereich Projekte und Organisation sowie für das Service Center. Unter ihm wurden auch der erfolgreiche Börsengang und die damit verbundene Teilprivatisierung der Bank im Jahr 2001, der zügige Ausbau des Private- Banking-Geschäftes und die Akquisitionen der Zürcher Privatbank Hyposwiss sowie der St. Galler Privatbank Thorbecke durchgezogen.

Die Frage nach der «St. Galler Mafia», die nun in der neuen Schweizer Finanzplatzholding Swiss Financial Market Services (SFMS) ein gewichtiges Wort mitreden wird, hat er offensichtlich erwartet – immerhin werden mit SWX-Präsident Peter Gomez, dessen Wunschkandidat er war, und Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drei Schwergewichte auf dem Gebiet des Bankenwesens einem Gremium angehören, das für die Wettbewerbsfähigkeit des schweizerischen Finanzplatzes match-entscheidend sein dürfte.

Firmenkulturen integrieren

Wie Gomez macht auch Rüegsegger deutlich, dass die Deutsche Börse nicht als Vorbild genommen werden soll. «Wir wollen vielmehr eine offene Architektur schaffen, bei der die Marktakteure einen Zugang zu allen Funktionen haben, die wir anbieten können.»

Rüegsegger weiss, dass er eine schwierige Aufgabe vor sich hat. Es gilt, sich in einem ganz neuen Biotop zu bewähren, in welchem die drei Infrastrukturanbieter SWX Group, SIS Group und Telekurs Group zu einem neuen Gebilde verschmelzen. Ihre Vertreter kommen aus verschiedenen Unternehmen mit unterschiedlichen Kulturen. Der Prozess des Zusammenschweissens verlangt ein subtiles Vorgehen. Allen Beteiligten dürfte bewusst sein, dass sie – à la longue – nur gemeinsam ihre strategischen Ziele erreichen.

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Den Handel mit Wertschriften (SWX), die Abwicklung und Verwahrung der damit verbundenen Transaktionen (SIS Group) und die Finanzinformationen (Telekurs) unter einen Hut zu bringen, werden sämtliche Rüegsegger nachgesagten integrativen Fähigkeiten fordern. «Dessen bin ich mir bewusst», sagt er.

Er wirkt entspannt und unverbraucht. Wo erholt er sich? Bei den üblichen Sportarten von Big Shots: Golfen, Tennis oder Joggen. Urs Rüegsegger hat keine spektakulären Hobbys und keinen Hang zum Extremsport. Die wenigen Stunden Freizeit, die ihm bleiben, geniesst er mit seiner Familie und mit guten Freunden. Wie wird man ohne sportliche Parforce-Touren so schlank? Er muss lachen. «Wahrscheinlich, weil ich mich gesund ernähre und darauf achte, nicht zu viel Alkohol zu konsumieren.» Irgendwie hat Rüegsegger etwas Asketisches an sich, ohne jedoch sektiererisch zu wirken.

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Dass er sich auf die neue Aufgabe freut, spürt man. Er strahlt geradezu, wenn er über die Herausforderung spricht, im international sich stark veränderten Umfeld für Finanzdienstleister eine eigenständige schweizerische Kraft aufzubauen.

Pendler-Schicksal wartet

Wird er mit seiner Familie nach Zürich umziehen? Rüegsegger schüttelt den Kopf. «Wir fühlen uns in der Ostschweiz sehr wohl. Wir lieben die Überschaubarkeit von St. Gallen, die Nähe zu See und Bergen und das kulturelle Angebot. Ich werde jetzt zum Pendler, das ist der einzige Wermutstropfen bei dieser Berufung. Aber wer morgens den Zug nach Zürich besteigt, wundert sich immer wieder, wie viele Leute, die dort in wichtigen Funktionen arbeiten, diese Wegstrecke in Kauf nehmen, um sich und ihren Angehörigen die geschilderten Annehmlichkeiten zu gönnen.»

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Und dann ergänzt er augenzwinkernd, dass seine Tochter vor hat, an der ETH Mathematik zu studieren. Sie sei bestimmt nicht unglücklich darüber, dort ein eigenes Pied-à-terre zu haben – ohne elterlichen Begleitschutz. Was darauf schliessen lässt, dass er nicht erwogen hat, mit ihr gemeinsam eine Wohnung zu mieten.

In St. Gallen hält ihn aber nicht nur sein grosser Bekanntenkreis, sondern auch seine HSG-Wurzeln. Professoren wie Hans Jobst Pleitner oder Rolf Dubs sprechen in den höchsten Tönen von ihm. Dubs spricht ihm gar ein Kompliment aus: «Urs Rüegsegger ist mir durch seine vernünftige Weitsicht in Erinnerung geblieben.»

Einer Studentenverbindung hat er nie angehört, obwohl er sehr gesellig wirkt. Aber die einschlägigen Bars wie etwa den «August» oder das Restaurant «Wienerberg», wo Studis dem Prüfungsstress mit reichlich Bier entgegenwirken können, kann er immer noch auf Anhieb aus dem Ärmel schütteln.

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Und er hat auch seine Frau, die studierte Volkswirtschafterin, an der HSG kennen gelernt. Sie war die Assistentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des kürzlich verstorbenen Georges Fischer, ehemaliger Rektor und subtiler Reformer dieser Alma Mater. Er war dafür bekannt, dass er seine Mitarbeitenden sorgfältig auswählte und ihnen schon bald verantwortungsvolle Aufgaben übertrug.

Seine Frau wird Rüegsegger denn auch eine wertvolle Stütze bei seinem jetzigen Karriereschritt sein. Noch hofft er, dass er am Abend nun eher etwas mehr Zeit zur Verfügung habe. Dann fügt er jedoch gleich hinzu: «Aber wahrscheinlich wird ein Teil davon durch Zugfahrten weggefressen.»