Der ASE-Workshop der Allianz Suisse in Berlin markierte den Start einer beachtlichen Wachstumsphase des Unternehmens. Im Geschäft mit Lebensversicherungen erzielt die Allianz Suisse seither hohe Wachstumsraten. Berlin war auch die Initialzündung für einen Ausbau der Multidistributionsstrategie über die eigenen Generalagenturen, Makler, Autoimporteure und weitere Partner sowie über den kürzlich lancierten Internetvertrieb. Dies schlug sich auch in einer hohen Profitabilität und in guten Geschäftsabschlüssen nieder.

Noch vor drei Jahren befand sich Allianz Suisse in einer andern Situation. Die Gesellschaft konzentrierte sich damals vor allem auf das Nichtleben-Geschäft und führte den Vertrieb hauptsächlich über Generalagenturen und Broker. Der Konkurrenzdruck war enorm.

Allianz-Suisse-CEO Manfred Knof und seinem Management wurde klar, dass sich der Preiskampf verschärfen würde und deshalb eine Neuausrichtung der Strategie notwendig war, um den Erfolgskurs zu halten. Ziel war es, profitables Wachstum zu generieren.

Unter anderem wurde die Idee geboren, das zuvor mit halber Kraft betriebene Leben-Geschäft zu reaktivieren und den Vertrieb dank einer Multidistributionsstrategie zu stärken. «Das Ziel war uns in groben Zügen bekannt, nur mussten wir noch den optimalen Weg finden, um unsere Leute geschlossen hinter die Umsetzung zu bringen», erinnert sich Knof.

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Genau dieser Prozess entpuppt sich in grösseren Unternehmen häufig als Herkules-Aufgabe, an der schon ganze Strategieanpassungen gescheitert sind. Der Grund sind unstrukturierte Debatten mit unzähligen Managementsitzungen, welche die Ressourcen von Unternehmen über Monate lahmlegen und letztlich weder zu klaren noch umsetzbaren Ergebnissen führen.

Unterricht beim Mutterkonzern

Das Gegenmittel zu solchen Leerläufen hatte damals schon der Allianz-Mutterkonzern in Deutschland erprobt. In einer Kooperation mit der global tätigen Unternehmensberatung Capgemini Consulting führte die Allianz im Jahr 2004 einen sogenannten ASE-Workshop (siehe Fachwort) im Rahmen eines grossen Projektes durch. Innert weniger Tage wurde damals der Konsens für eine strategische Ausrichtung gefunden. Manfred Knof hatte als Projektleiter auf Seiten des Versicherungskonzerns den ASE vorbereitet und befand das Konzept als probates Mittel, um nun auch den Strategie- und Transformationsprozess von Allianz Suisse entscheidend anzustossen und zu begleiten.

«Die Ideen der einzelnen Teilnehmer, welche die relevanten Erfahrungen für das Projekt innerhalb des Konzerns repräsentieren, werden dabei zur besten gemeinsamen Lösung grosser Teams kombiniert», erklärt Andreas Kuhn von Capgemini Consulting das Prinzip.

Konkret werden beim ASE-Prozess in diversen kleinen Gruppen Erkenntnisse und Teillösungen erarbeitet, welche die Teilnehmer immer wieder im Plenum darlegen müssen und zu Feedback führen. «Die Fakten und Argumente werden dabei in einem iterativen Prozess von verschiedenen Teams aus allen Perspektiven beurteilt, sodass schliesslich die richtigen Entscheidungen getroffen werden», erklärt Kuhn.

Hierarchiestufen werden beim ASE ausgeblendet, sodass jeder Teilnehmende mit seinen Ideen und Inputs das gleiche Gewicht hat. Oft werden vom CEO bewusst auch interne «Querdenker» zu ASE-Veranstaltungen eingeladen, um positive Essenzen von unkonventionellen Lösungsansätzen nach Bedarf zu nutzen. Die letztliche Entscheidung verbleibt jedoch auch im Rahmen eines ASE beim Management des Unternehmens.

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Die Workshops finden in speziellen, von Capgemini entwickelten ASE-Centern statt, von denen es weltweit zurzeit 23 gibt. Entwickelt wurde die Methodik vor 25 Jahren vom amerikanischen Architekten Matt Taylor, der damit ursprünglich Arbeitsprozesse auf Baustellen besser koordinieren wollte. Vor zwölf Jahren ging Capgemini mit Taylor eine Kooperation ein und führt die ASE-Workshops heute mit weltweiten Kundenfirmen aus ganz unterschiedlichen Branchen durch. Das System hat sich in der globalen Wirtschaft einen guten Namen gemacht und wurde beispielsweise auch in CEO-Workshops am WEF in Davos angewendet.

«Der Geist von Berlin»

Eine Delegation der Allianz Suisse von rund 50 Personen reiste also vor zwei Jahren zu einem zweitägigen ASE-Workshop nach Berlin. CEO Manfred Knof spricht vom «Geist von Berlin», der bei allen ASE-Teilnehmenden haften geblieben sei. Eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg misst er der intensiven Vorbereitungsarbeit für den ASE bei. «Capgemini Consulting ging dabei sehr professionell vor und forderte von uns hartnäckig Daten und Fakten ein. Und unsere Leute lieferten, was verlangt wurde», erinnert er sich. Die detaillierten Vorinformationen dienten zur Erstellung eines Factbooks, welches die Basis für jeden ASE-Prozess darstellt.

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Das Ergebnis ist bekannt. Die in Berlin innert kürzester Frist im Detail beschlossene und danach konsequent umgesetzte Wachstumsstrategie hat der Allianz Suisse nachhaltigen Erfolg gebracht. So etwas spricht sich herum. ASE wird auch bei anderen Schweizer Firmen immer mehr zum Begriff. Zum Capgemini-Consulting-Kundenstamm gehören heute zum Beispiel auch Armasuisse, Syngenta und Roche.

 

 

NACHGEFRAGT Manfred Knof, CEO Allianz Suisse, Zürich

Hätten Sie Ihre Strategie vor zwei Jahren nicht einfach intern bekannt geben und auf Verordnung umsetzen lassen können?

Manfred Knof: So einfach geht das nicht. Aus früheren Erfahrungen, die ich gemacht habe, dauern interne Debatten zu solchen Themen meistens mehrere Monate. Die Definition einer neuen Strategie ist dabei das eine, die konzertierte Umsetzung das andere und ist in der Regel sehr kompliziert. Mit dem ASE wussten sämtliche unserer Mitarbeitenden bereits einen Tag nach dem Workshop bis ins Detail, was sie zu tun hatten. Eine solche Effizienz hätten wir mit internen Mitteln allein kaum hingekriegt.

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Ist die beim ASE in Berlin festgelegte Strategie für Sie sakrosankt?

Knof: Sakrosankt nicht. In vieler Hinsicht gilt die damals eingeschlagene Richtung immer noch. Wir haben sogar weitere Schritte angehängt: So haben wir unsere Multidistributionsstrategie noch intensiviert und Mitte 2008 Allianz 24.ch, einen Direktverkauf über Internet und Telefon, lanciert. In den letzten Monaten hat sich aber das Umfeld in vielerlei Hinsicht drastisch verändert.

Werden Sie im Falle einer Strategieanpassung auf ASE zurückgreifen?

Knof: Auf jeden Fall sind ASE-Workshops für die Allianz Suisse für die Bewältigung künftiger Problemstellungen eine Option.

Könnte die Allianz Suisse ein ASE in Miniaturform auch intern durchführen?

Knof: Für die Bewältigung echter Probleme und die Definition neuer Strategien würde ich auch künftig auf das Original zurückgreifen. Wir haben aber tatsächlich einen Raum nach ASE-Vorbild eingerichtet und nutzen die ASE-Methodik für Themen und Entscheide rund ums Tagesgeschäft.

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