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Elternzeit
«Die Väter wollen zu Hause bleiben»

Zeit mit Papa: Tut allen gut. Flickr/CC/Big D2112

Die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild erklärt, wie die Schweiz vom Vaterschaftsurlaub profitieren könnte – und übt Kritik an ihrem Heimatland.

Von Helene Laube
am 25.12.2015

Die USA sind das einzige Industrieland, das immer noch keinen bezahlten Elternurlaub, ja noch nicht mal einen bezahlten Mutterschutz vorschreibt. Warum?
Arlie Russell Hochschild*: In unserem Land herrschte schon immer viel Widerstand gegen Sozialleistungen des Staates, und so stemmte man sich auch schon immer gegen diese wichtige, familienfreundliche Idee.

Dabei ist Amerika im Vergleich mit Europa doch schon ein bisschen weiter, was Frauen in der Berufswelt angeht.
Es gibt seit Jahrzehnten Bemühungen, entsprechende nationale Programme einzuführen, leider ohne Erfolg. Das Vertrauen in privatwirtschaftliche Lösungen ist nach wie vor sehr stark. Hinzu kommt das Stigma, das staatlicher Unterstützung anhaftet. Nur Faulenzer nehmen sie in Anspruch, so die Meinung. Auch Rassen- und andere Vorurteile sind im Spiel. Staatliche Unterstützung wird mit Schwarzen, Frauen und schwarzen Müttern assoziiert, da sie einen höheren Anteil an den Sozialhilfeempfängern stellen. Die in Amerika vorherrschende Phantasie ist immer noch, dass sich jeder am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, hocharbeiten und der Armut entkommen kann.

Das Vertrauen in privatwirtschaftliche Lösungen dürfte durch Entscheidungen wie die des Videoportals Netflix, eine voll bezahlte Elternzeit einzuführen, gestärkt werden. Auch die Credit Suisse verstärkt in den USA die Familienfreundlichkeit. Wie wirkt sich das auf eine staatliche Lösung aus?
Nicht stark, glaube ich. Was Netflix, Facebook oder Google bieten, gilt für ein paar wenige Privilegierte. Bezahlte Elternzeit ist ein Mittel der Silicon-Valley-Unternehmen, Fachkräfte zu kapern und an sich zu fesseln. Genauso wie der Rest des langen Katalogs an Annehmlichkeiten, den sie bieten. Das ist ja auch richtig und gut. Es spielt keine Rolle, wie diese Leistungen zustandekommen, Hauptsache, die Mitarbeiter bekommen sie. Aber auch jenseits der Technologiebranche bieten Unternehmen Leistungen wie Elternzeit nur Mitarbeitern in Verwaltungsstellen und Fachkräften an. Lohn- oder Fabrikarbeiter bekommen sie nicht. Die Leistungen müssen für die Mehrheit da sein, auch für die Menschen, die sie wirklich benötigen. Gerade auch, weil sie oft nicht das Geld für Kinderbetreuung haben.

In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der Frauen, die sehr kleine Kinder haben und gleichzeitig berufstätig sind, leicht gesunken. Ein Trend?
Es gab einen grossen Wirbel um die «Opt-out Revolution». Es handelte sich um bestimmte, sehr gut ausgebildete Frauen, denen es möglich war, aus dem Berufsleben auszusteigen und sich ihren Familien zu widmen, weil sie die finanziellen Mittel hatten. Aber ich sehe das nicht als langfristigen Trend.

Warum nicht?
Die Wirtschaft braucht Frauen und Frauen wollen arbeiten. Es ist Teil ihrer Identität geworden. Ich glaube nicht, dass sich das zurückentwickelt.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg, dessen Tochter gerade auf die Welt gekommen ist, ist jetzt für zwei Monate in Elternzeit. Erwarten Sie, dass die Entscheidung eines weltberühmten CEO Signalcharakter für andere Väter hat?
Ich begrüsse seine Entscheidung und glaube, dass sie Bewegung in die Sache bringen könnte. Dass er sich so öffentlich in den Elternurlaub verabschiedet, signalisiert, dass Väter, die sich um ihre Neugeborenen kümmern, nicht irrtümlicherweise für «slacker» gehalten werden. Aber im Silicon Valley herrscht im Grossen und Ganzen eine extrem arbeitsbesessene Kultur. Es gibt viel Flexibilität, wann man arbeitet – gerne auch nachts und am Wochenende. Es gibt aber kaum Flexibilität bei der Anzahl Stunden, die man arbeiten soll.

Sie denken, dass Zuckerberg von zu Hause aus arbeitet?
Wir werden sehen, ob er mit gutem Beispiel vorangehen und in dieser Zeit tatsächlich weniger arbeiten kann. Ich hoffe es, denn es könnte sich meines Erachtens tatsächlich positiv auswirken.

Momentan schaut man noch oft auf Männer herab, die Elternzeit nehmen.
Das hat abgenommen. Der Druck ist immer noch da, aber die meisten Männer sehen es nicht mehr als Gefahr für ihre männliche Identität. Sie wollen gute, aktive Väter sein, es ist für die meisten ein selbstverständlicher Teil ihrer Biografie.

Sie haben einmal geschrieben, dass Unternehmen eigentlich Gefallen am Vaterschaftsurlaub finden sollten, weil er sich positiv auf den Gewinn auswirkt. Wie kommt das?
Die Männer sind zufriedener und ausgeglichener, die Absenzen sinken und die Mitarbeiter sind loyal. Und der Vaterschaftsurlaub ist eben auch ein gutes Mittel, um qualifizierte Arbeitnehmer zu rekrutieren und zu halten. Die Männer verabschieden sich nicht zu anderen Unternehmen, die bessere Gehälter und obendrein noch diese Leistungen bieten. Und auch wenn Unternehmen ihre bestens ausgebildeten und sehr erfahrenen Mitarbeiterinnen halten wollen, sind sie umso besser beraten, Vaterschaftsurlaub anzubieten.

In der Schweiz, wo Vaterschaftsurlaub auch nicht gesetzlich verankert ist, wünscht sich die Mehrheit der Bevölkerung einen solchen. Was spricht neben loyaleren und zufriedeneren Vätern für die bezahlte Elternzeit?
Vaterschaftsurlaub ermöglicht Familien, in der zunehmend unvorhersehbaren Wirtschaft auch zu überleben. Es ist schwer zu sagen, wessen Gehalt – seins oder ihres – höher sein wird. Und wenn Väter auch Elternzeit bekommen, sind die Eltern im Haushalt auswechselbar und somit flexibler. Genau so wie Unternehmen ihre Mitarbeiter mit Cross-Training zusätzlich ausbilden, um so etwa das unerwartete Fehlen eines wichtigen Mitarbeiters zu bewältigen oder auf verändernde Marktbedingungen zu reagieren, müssen Partner zu Hause Cross-Training machen.

Sind solche Argumente gut genug, um an Unternehmen und Politiker zu appellieren?
Schwer zu sagen. Wir argumentieren letztlich von einem moralischen Standpunkt aus. Elternzeit ist gut für Menschen, gut für Familien. Wer in die Kinder und die nächste Generation investiert, hat Aussichten auf ein gesünderes und sichereres Land. Weniger Kinder werden in der Schule Probleme haben, psychisch krank sein oder Drogen nehmen. Geld in Familien zu stecken ist, auf jeden Fall eine gute Investition.

1989, als immer mehr Frauen erwerbstätig wurden, haben Sie untersucht, wer sich nach einem vollen Arbeitstag im Beruf um die Hausarbeit und die Versorgung der Kinder kümmert. In Ihrem Buch «The Second Shift» schrieben Sie von der «zweiten Schicht» der Frauen: Sie arbeiteten pro Jahr einen Monat mehr als die Männer. Woran lag das?
Damals sprach ich von der blockierten Geschlechterrevolution. Die Frauen veränderten sich, aber nicht die Jobs, die sie tagsüber verrichteten, nicht die Männer und der Arbeitsaufwand, die sie am Abend erwarteten, nicht die Gesellschaft, nicht die festen Arbeitszeiten und nicht der Staat. Dort herrschte Stillstand.

Wie sieht es 26 Jahre später aus?
Viele Männer übernehmen heute die zweite Schicht und leben sich als Väter aus, ohne ihre männliche Identität in Frage zu stellen. Aber auch wenn sich der Abstand zwischen männlichem und weiblichem Arbeitsaufwand verringert hat, so ist eine wirklich ausgeglichene Verteilung noch nicht erreicht. Insgesamt gibt es zum Thema gute Nachrichten, alte schlechte Nachrichten und leider auch neue schlechte Nachrichten.

Fangen Sie doch mit den guten an.
Der Anteil von erwerbstätigen Frauen an allen Erwerbstätigen liegt in den USA heute bei 51 Prozent. Er liegt damit höher als in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland. Frauen sind mittlerweile in höheren Positionen, dürfen immer mehr Berufe ausüben, kriegen mehr Training und verdienen mehr als damals. Wir beginnen zudem alle zu begreifen, dass die Familie zum Stossdämpfer grösserer Trends wie immer längerer Arbeitszeiten oder mangelnder Elternzeit geworden ist – und dass dies keine individuellen Privatprobleme, sondern Symptome externer Ursachen sind. Es ist schwer, Beruf, Kinder und Partnerschaft unter einen Hut zu bekommen, die Eltern sind erschöpft, ausgelaugt und unzufrieden.

Und was sind die alten schlechten Nachrichten?
Am Arbeitsplatz ändert sich wenig. Die Erwerbstätigen der Mittelschicht arbeiten mehr Stunden, Arbeitsstunden und Arbeitsplätze für Arbeiter sind unsicher. Mehr Gleitzeit wäre für Familien besser. Aber wir halten bei Fachkräften an langen Arbeitszeiten fest. Reformen im Bereich Arbeit und Familie haben überdies in den USA die Arbeiter kaum erreicht. Es mangelt nicht nur an der bezahlten Elternzeit, es gibt auch keine subventionierte Kinderbetreuung. Selbst eine Diskussion über staatliche Unterstützung scheint angesichts des tiefen Grabens zwischen links und rechts weiterhin ein Wunschtraum.

Damit nicht genug der schlechten Botschaften?
Nein, es gibt eben auch noch neue schlechte Nachrichten. Jetzt leiden nicht mehr nur Frauen darunter, dass sich im öffentlichen Bereich nichts getan hat, dass es beispielsweise keine bezahlte Elternzeit gibt, sondern auch die Männer. Insbesondere für Arbeiter hat sich die Situation verschlechtert. Sie leiden nicht nur unter dem eben erwähnten Mangel an familienfreundlichen Leistungen, sondern auch noch darunter, dass ihre Jobs seit Jahrzehnten automatisiert und in andere Länder verlagert werden. Die Produktivität und die Gewinne nahmen zu, die Löhne stagnierten.

Was sind die Konsequenzen für solche Arbeiter?
Untersuchungen haben ergeben, dass Arbeiter im Vergleich zu Büroangestellten häufiger von den Müttern ihrer Kinder geschieden sind, sich häufiger nicht mit ihren Kindern beschäftigen und häufiger keinen Anteil der zweiten Schicht übernehmen. Das Einzige, was sie anscheinend häufiger tun als vor 30 Jahren, ist schlafen und fernsehen. Sagen jedenfalls Leute wie der sehr konservative Politologe Charles Murray, der die Entwicklung ebenfalls untersucht hat.

Was will der als sehr polemisch geltende Murray als Ursache ausgemacht haben?
Er kam zum Schluss, dass die Antriebslosigkeit und die Armut eine Folge des moralischen Verfalls sind. Die Leute sollen ihre Disziplin, Moral und die gesellschaftlichen Normen verloren haben. Ich würde behaupten, sie haben ihren Kampfgeist verloren, sie sind deprimiert. Die Löhne sind niedrig, es gibt wenige Jobs und keine Aussicht auf eine bessere Zukunft. Die Regierung muss aufwachen und diese Probleme angehen. Aber es gibt ja selbst gegen Ideen wie die von der US-Bundesregierung aufgesetzten Umschulungsprogramme enormen Widerstand.

Wie wird die Opposition gegen staatlich organisierte Programme erklärt?
Die Ideologie der Rechten, die seit ein paar Jahren stark von der ultrakonservativen Tea Party bestimmt wird, lautet: Wenig Staat, freier Markt. Das passt angeblich wunderbar zu Familienwerten. Die Medien stellen diesen Widerspruch nicht einmal in Frage. Meines Erachtens belastet die Politik des freien Marktes – gekürzte Sozialleistungen, Deregulierung, eine Steuerpolitik, die die Einkommenskluft weiter öffnet – alle, nicht nur die Männer der Arbeiterklasse.

Im US-Präsidentschaftswahlkampf fordern Hillary Clinton und Bernie Sanders, es sei Zeit, eine bezahlte Elternzeit einzuführen. Stimmt Sie das optimistisch?
Es gilt abzuwarten, wer die Wahlen gewinnt. Tatsache ist, auf bundespolitischer Ebene und in vielen Bundesstaaten läuft wenig bis nichts, das geht in die komplett verkehrte Richtung. Was wir an staatlichen Programmen und Subventionen für moderne Kinderbetreuung haben, ist nicht adäquat. Nur 2 Prozent der Unternehmen bieten betriebliche Kinderbetreuung. Die Situation in Amerika ist ein Skandal, gerade wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Ein- bis Sechsjährigen in Haushalten lebt, in denen beide Eltern arbeiten. Wir brauchen staatliche Ansätze, anders wird dieses systemische Problem nicht gelöst. Aber mit der Tea Party haben wir eine sehr starke Bewegung, die genau das Gegenteil will.

Die Tea Party ist vor allem in den Südstaaten stark vertreten, wo viele arbeitslose oder schlecht bezahlte Menschen leben. Würden nicht gerade sie von professioneller Kinderbetreuung und mehr staatlicher Hilfe generell profitieren?
Das ist das Paradoxe an der Sache. Ich habe für ein Buch über die Tea Party, das ich gerade schreibe, in den vergangenen fünf Jahren viel Zeit mit Feldstudien in Louisiana und Mississippi verbracht. Das ist die Hochburg der radikalen Rechten. Die Leute, die ich dort traf, haben staatliche Programme am bittersten nötig – und sie sind am meisten dagegen.

Sind unter solchen Voraussetzungen Veränderungen überhaupt möglich?
Kinderbetreuung ist ein Thema, auf das man sich konzentrieren könnte. Die alleinstehenden erwerbstätigen Mütter in diesen konservativen Bundesstaaten brauchen wirklich Hilfe. Die nicht entsprechend ausgebildeten Nachbarinnen, Grossmütter oder Schwägerinnen passen auf ihre Kleinkinder auf, was nicht immer die beste Kinderbetreuung ist. Die Frauen und Kinder würden von professionellen Angeboten sehr profitieren. Wir müssen den direkten Dialog mit diesen Frauen suchen und über spezifische Programme sprechen, um von der politischen Polemik und den Grabenkämpfen wegzukommen.

 

* Arlie Russell Hochschild ist Soziologin und Professorin emerita an der University of California, Berkeley (UC Berkeley). Russell Hochschild ist mit dem bekannten amerikanischen Journalisten und Schriftsteller Adam Hochschild verheiratet und hat zwei Söhne.

 

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