Bis zum Jahr 2023 wird Industriespionage überholt sein und das Horten von Herrschaftswissen strafbar. 2023 werden Gesetze rund um den Globus Regierungen, Organisationen und Firmen zwingen, alle Informationen offenzulegen: Verträge, Gehälter, Bilanzen, Programmiercodes, Rezepturen, Formeln. 2023 wird totale Transparenz die Norm sein, nicht nur ein Marketing-Gag.

So zumindest steht es in einer jüngeren Ausgabe der «Mind Bullets» - «Gedankengeschosse». Das ist ein fiktiver Nachrichtendienst für die Zukunft, den die britisch-südafrikanische Beratungsagentur und Denkfabrik Future World an Interessierte verschickt.

In Zeiten der Krise hat die Zukunft Konjunktur. Nachdem Unternehmen infolge der Rezession ihre Budgets für Beraterverträge zunächst zurückschraubten oder allenfalls in kurzfristiges Krisenmanagement investierten, besetzen jetzt mehr und mehr Consulting-Firmen, Denkfabriken, PR-Agenturen und Wissenschafter das Thema Zukunft. Der Grund: «Das alte System ist in der Krise zerbrochen», sagt Wolfgang Grulke, Gründer und Präsident von Future World. «Der Weg zurück ist versperrt - die Zukunft ist der einzige Ort, der bleiben wird.»

Die Offenheit, neu zu denken

Nachdem die Wirtschaftskrise gezeigt hat, wie anfällig und instabil zuvor als grundsolide eingestufte Firmen und Institutionen sind, wächst anscheinend das Bedürfnis, nach vorn zu schauen - und die Offenheit, neu zu denken. Vor einigen Jahren sei das Thema noch belächelt worden, erinnert sich Annette Heuser, Leiterin der Bertelsmann-Stiftung in Washington D.C. «Mittlerweile ist die Zukunft ein Markt», sagt Heuser, «ein boomendes Thema, das Politik, Wirtschaft und Universitäten sehr ernst nehmen.»

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Wer in der Consulting-Branche etwas auf sich hält, setzt das Thema Zukunft auf seine Agenda. Die deutsche Beraterfirma Roland Berger beispielsweise startete ein «Trend Compendium 2030», in dem sie die Zukunft in 21 Jahren ins Visier nimmt: Religion, Demografie, Migration, Medien.

Die Unternehmensberatung McKinsey hat auf ihrer Homepage ein Forum eingerichtet: In «What matters» äussern sich Publizisten, Wissenschafter und Manager kontrovers zu den Themen der Zukunft: Erneuerbare Energien, Klimawandel, Biotechnologie, Gesundheitswesen und immer wieder: Information. Bei Future World will man nicht die Zukunft voraussagen und keine Erfolgsquoten messen. Auch hat die Agentur nicht den Ehrgeiz, Zukunftsthemen zu besetzen. Sie sieht es als ihre Aufgabe, Firmen zu helfen, ihr Denken radikal zu ändern. «Strategie heisst für uns nicht, was man in der Zukunft tun soll», sagt Grulke, «sondern was man heute tut, um seine Zukunft zu wählen.» Future World war ursprünglich eine Abteilung des Computerriesen IBM in Südafrika - und der ursprünglich aus Deutschland stammende Wolfgang Grulke ein Angestellter.

1987 kaufte Grulke Future World und baute sie zu einem Netzwerk aus Unternehmern, Managern, Bankern, Forschern und Publizisten aus. «Mich hat schon immer die praktische Seite der Zukunft interessiert», sagt Grulke, «von der Quantenphysik bis zum Internet.»

Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater glaubt, diese Branche könnte zum Krisengewinner werden. «Ich bin sicher: 2010 wird unser bestes Jahr», sagt Anton Musgrave, CEO von Future World und ein Ex-Unternehmensanwalt in Kapstadt. Musgrave hält vor einer Gruppe internationaler Wirtschaftsprüfer eine Rede in Frankfurt. Er spricht von Nano-Technologie, Teleportation und von einer neuen Form der Kommunikation. «In weniger als zehn Jahren wird der gesamte Planet über Mobiltelefone vernetzt sein, die Ärmsten und die Reichsten.» Der grösste Konkurrent des Fast-Food-Giganten McDonald‘s sei in Südafrika nach dessen eigener Aussage nicht Burger King, sondern der Mobilfunkkonzern Vodafone: «Weil arme Kids in Soweto lieber auf eine Mahlzeit verzichten als auf einen Anruf.»

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Neue Form globaler Interaktion

Eine der kraftvollsten Neuerungen werde der Eintritt der Net-Generation in den Arbeitsmarkt sein, sagt Musgrave. Sie pflege «hundertmal mehr Beziehungen zu anderen Menschen als wir». Quanten-Beziehungen nennt Future World diese neue Form globaler Interaktion. «Vor allem aber sind die Kinder der Net-Generation in der Lage, viele Dinge gleichzeitig zu tun, und zwar völlig unangestrengt», sagt Musgrave. Die Fähigkeit zum total vernetzten Multi-Tasking werde die Net-Generation in die Welt der Firmen tragen.

Privat widmen sich die Köpfe von Future World lieber stillen Dingen. Grulke beschäftigt sich mit vergangenen Erdzeitaltern, fährt in die Wüste und sammelt Fossile. Anton Musgrave hat eine Hütte im Buschland von Südafrika, wo es keinen Handy-Empfang gibt, keinen Strom und kein fliessendes Wasser. «Ich liebe es, unvernetzt zu leben», sagt Grulke. «Aber das wird in 20, 30 Jahren ein Luxus sein, für den Menschen sehr viel Geld bezahlen werden.»

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