F rauen führen anders. Davon ist Petraea Heynike überzeugt. In der 142-jährigen Geschichte des Schweizer Nahrungsmittel-Multis Nestlé ist sie die erste Frau in der obersten Führungsetage. Ihre Wahl hat symbolischen Charakter. «Es ist auch eine Botschaft an die Frauen», erklärte sie kurz nach ihrer Wahl. Eine Botschaft, dass einem modernen Unternehmen ohne Frauenvertretung an der Spitze eine wichtige Komponente fehlt. «Frauen sind Sammler. Männer sind Jäger», sagt Heynike.

Die gebürtige Südafrikanerin glaubt an das Prinzip Sammler und Jäger: «Frauen schauen, wie kann ich Menschen zusammenbringen. Sie sind teamorientiert, mehr als befehlsorientiert.» Natürlich gebe es auch Frauen, die wie Männer führen. Sie erwähnt als Beispiel Maggie Thatcher. «Je nach Entwicklung oder Aufgabe eines Unternehmens braucht es Jäger oder Sammler.»

Mehr Frauen an der Spitze

Noch ist Heynike die einzige Frau in der 13-köpfigen Generaldirektion von Nestlé. Sie ist aber überzeugt, dass es in Zukunft immer mehr Frauen gelingen wird, ins oberste Management aufzusteigen. Schliesslich gebe es immer mehr Frauen mit Universitätsabschluss, die damit qualifiziert für Top-Positionen sind. Sie wehrt sich aber gegen Frauenquoten. «Damit weiss ich als Frau nicht mehr, ob ich ausgewählt wurde, weil ich gut bin, oder bloss weil ich eine Frau bin.» Als Managerin besetze sie offene Stellen nicht mit einer Frau, sondern mit dem Besten oder der Besten. «Frauenquoten sind einer Frau nicht würdig.»

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Damit es im Berufsleben mehr Frauen an die Spitze schaffen, seien auch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen von Vorteil. In Kanada, wo sie vorher bei Nestlé als CEO tätig war, hätten Frauen nach einer mehrmonatigen Babypause ein Anrecht auf ihren früheren Job.

Und wie hat es Petraea Heynike geschafft, an die Führungsspitze zu klettern? «Ich habe einen fantastischen Mann, der mich immer unterstützt hat.» Er sei immer bereit gewesen, die Zelte abzubrechen und überall mit ihr mitzukommen. «Wenn ich heimkam und erzählte, dass mich Nestlé nach Malaysia oder nach Kanada schicken möchte, sagte er jeweils: Grossartig, gehen wir!» Als Architekt und Künstler arbeitet ihr Gatte Johan Heynike von zu Hause aus und hat sich auch mehrheitlich um die Erziehung der Kinder gekümmert. Bereits mit 18 Jahren hatte sie ihn in Südafrika kennen gelernt, aber erst 14 Jahre später geheiratet.

Stolz zeigt die Generaldirektorin auf die Bilder in ihrem eleganten Büro in Vevey, die ihr Liebster gemalt hat. Als Sujet hat er das Vogelnest von Nestlé gewählt und dutzende Male in verschiedenen Farbtönen variiert. «Nestlé ist eben viel mehr als nur schwarz und weiss,» erklärt sie die Bildaussage.

Von ihrem Schreibtisch blickt sie nicht nur auf die Gemälde ihres Mannes, sondern auch auf den Genfersee. Ihr Tisch ist peinlich genau aufgeräumt, die Bilder an den Wänden strahlen eine dezente Ästhetik aus.

Ihr Gatte hat während vier Jahren ihr neues Haus in Gryon in den Waadtländer Alpen selber entworfen und erbauen lassen. Vor Kurzem konnten sie das Haus beziehen. Dort kann die Marketingchefin von Nestlé nun im Winter ihrem Sport, dem Skifahren, frönen.

Stolz ist sie auf ihre vier Enkel. Die älteste ist bereits 16 Jahre alt, die jüngste 9 Monate. Sie freut sich nun, dass ihr jüngster, 23-jähriger Sohn bald aus London zurückkehrt und in Lausanne weiter Kunst studieren wird.

Zusammen mit ihrem Gatten liebt sie es zu kochen, sei es ein asiatisches Curry oder einen Saucisson vaudois.

Reisen bezeichnet sie als ihr Lieblingshobby. «Ein glückliches privates Leben ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben.»

Ihre kerzengerade Haltung verleiht Heynike eine Vornehmheit, die durch ihre schwarze lange Kleidung und eine dezente Perlenkette untermalt wird. Ihre Haltung trainiert die schlanke, grossgewachsene Frau jeden Morgen durch diszipliniertes Rückenschwimmen in einem Hotelbassins in der Nähe ihres Wohnortes.

Heynike besitzt einen britischen und einen südafrikanischen Pass. Aufgewachsen ist sie zusammen mit drei Schwestern und einem Bruder in Südafrika. Ihr Vater arbeitete in der südafrikanischen Armee. Deshalb wechselte ihre Familie oft den Wohnort, bis sich ihr Vater aus der Armee zurückzog und Weinfarmer im Raume Stellenbosch wurde.

Über ihr Leben unter dem Apartheidregime und der internationalen Ächtung lässt sich Heynike wenig entlocken. Ihre Mutter, eine promovierte Botanikerin, hätte sich ausschliesslich um die Kinder gekümmert. Alle Geschwister wohnen noch heute in Südafrika. Heynike studierte in Durban Psychologie, Englisch und mathematische Statistik. «Diese Fächerkombination fasziniert mich noch heute.»

Auf Nestlé stiess Heynike per Zufall. Auf der Suche nach einem Job in London meldete sie sich für eine Stelle als Marketingassistentin, obwohl sie bereits drei Jahre als Marktforschungsmanagerin bei Sterling Drug in Südafrika gearbeitet hatte. Dank ihrer grossen Erfahrung bekam sie den Assistentenjob bei Nestlé in London sofort. Solche Bescheidenheit zeichnet sie auch heute noch aus.

Die Top-Managerin stellt sich nicht gerne aufs Podest oder in den Vordergrund. Lieber hört sie anderen zu, geht auf sie ein und stellt Fragen. Und weshalb ist sie seit 1972 beim selben Unternehmen geblieben? «Nestlé ist eine fantastische Firma. 80 verschiedene Nationen arbeiten hier am Hauptsitz unter einem Dach. Kein anderes Unternehmen ist so multikulturell wie Nestlé.»

Macht fehlt im Wortschatz

Nach fünf Jahren in London zügelte sie in die Schweiz und arbeitete hier zwei Jahre für die Abteilung für kulinarische Produkte, bevor sie nach Südafrika versetzt wurde. Eine schwierige Zeit, weil die USA zusammen mit vielen europäischen Staaten ihr Heimatland wegen seiner Apartheitpolitik mit einem Embargo boykottierten.

Das Wort «mächtig» in Zusammenhang mit ihrer Position und ihrem Unternehmen mag sie nicht hören. «Nestlé steht für eine Wir-Kultur, nicht für eine Ich-Kultur. Teamarbeit ist zentral. Nicht eine Person ist erfolgreich, sondern das Kollektiv.» Bereits zehn Mal hat sie ihre Stelle bei Nestlé gewechselt. Jedes Mal, wenn sie eine neue Stelle bei Nestlé antrat und damit auch oft den Standort wechselte, habe sie auch eine neue Kultur kennengelernt.

Sie schwärmt von Malaysia, aber auch von Kanada. «In keinem anderen Land sind Immigranten so willkommen wie in Kanada.» Auch von den Schweizern ist sie angetan. «Sie sind sehr ehrlich und direkt, ohne jede Hinterhältigkeit.» Immer wieder betont Heynike, wie wichtig ihr die Arbeit zusammen mit Menschen ist: «Die Menschen bei Nestlé sind fabelhaft.»

Jung im Herz

Bei ihrer Vorstellung als Generaldirektorin im letzten Februar kritisierte ein Journalist, dass eine Top-Position bei Nestlé mit einer Frau kurz vor der Pensionierung besetzt wurde. Den Vorwurf hat sie lächelnd zur Kenntnis genommen, ohne darauf einzugehen.

Ihren männlichen Kollegen hat man solche Vorwürfe nicht gemacht: Niemand beanstandete das Alter des Finanzchefs mit Jahrgang 1946, als dieser letztes Jahr gewählt wurde. Ihr Chef Paul Bulcke meint treffend: «Petraea Heynke ist jung im Herz.» Und sie selber erklärt: «Ich denke noch nicht an meine Pensionierung. Ich arbeite hier und jetzt.»