Eigentlich ist Hubert Kalm mit seinem Lohn zufrieden. Als Geschäftsführer seiner eigenen Softwareentwicklungsfirma mit gut 20 Angestellten zahlt er sich jedes Jahr ebenso viele Prozente mehr oder weniger Lohn aus, wie sein Umsatz wächst oder schrumpft. Und da er sein Geschäft versteht und sich immer mal wieder eine neue Quelle erschliesst, läuft die Firma seit Jahren gut. Letztes Jahr hat sich Kalm total 162500 Franken ausbezahlt. «Damit lässt sich schon leben. Nur den Stundenlohn sollte man als Selbstständiger nicht ausrechnen», schmunzelt er.

Tatsache ist: Kalm verdient weit weniger als der Schnitt. Denn dieser liegt für einen Geschäftsführer aktuell bei 251000 Franken Grundsalär, was immerhin 10000 Franken höher ist als im Vorjahr. Ein «Durchschnitts-Direktor» bekommt 188000 (+9000) und ein «Durchschnitts-Abteilungsleiter» 139000 (+ 2000). Das sind die aktuellen Ergebnisse der 29. Kadersalärstudie, erstellt von der Kienbaum-Managementberatung in Zusammenarbeit mit der «Handelszeitung».

Wenn zu den Grundsalären noch die variablen Vergütungen dazugerechnet werden, sieht der Vergleich für Kalm sogar noch schlechter aus – auf der Ebene der Geschäftsführung liegt das durchschnittliche Gesamtsalär nach Kienbaum bei 328000 Franken. Ein Direktor bezieht gesamthaft 220000 Franken und ein Abteilungsleiter 151000 Franken.

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Und wenn er anstatt des Schnitts über alles den Schnitt seiner Branche als Vergleich nimmt (siehe Tabelle rechts), so dürfte die relative Zufriedenheit mit seinem Lohn noch einmal einen drastischen Dämpfer erfahren: In der Branche Telekommunikation und Informatik liegt das Gesamtsalär 2011 für Geschäftsführer nämlich sogar bei 342000 Franken – das heisst, mehr als doppelt so hoch als bei ihm. So viel wie Kalm sich gönnt, müsste er seinem Teamchef bezahlen.

Im Gegensatz zur Vielzahl von einschlägigen Untersuchungen zur Salärhöhe sucht man bei Kienbaum die – je nach Sichtweise Neid oder Wut weckenden –Multimillionensaläre vergebens. Denn Kienbaum betrachtet nicht die Spitze des Eisberges, sondern dessen Bauch. Aus diesem Grund weichen die Zahlen stark ab von den Ergebnissen zum Beispiel der Ethos-Vergütungsstudie, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Diese kommt auf einen Durchschnittslohn für Geschäftsleitungsmitglieder von 3,1 Millionen Franken. Die Ethos-Analyse fokussierte auf die 48 grössten börsenkotierten Unternehmen der Schweiz. In die Kienbaum-Untersuchung flossen dieses Jahr dagegen die Ergebnisse aus 371 Unternehmen unterschiedlicher Grösse.

Die Quervergleiche über die Branchen, Regionen und anderen Einflussgrössen hinweg machen jedoch etwas Entscheidendes deutlich: Die Bandbreite zwischen oben und unten ist selbst auf derselben Kaderstufe enorm. So gibt es unter den auf die diesjährige Umfrage antwortenden Geschäftsführern solche, die etwas mehr als 90000 Franken pro Jahr beziehen und andere mit 1,6 Millionen Franken Gesamtsalär – inklusive variabler und anderer Lohnbestandteile.

Auf der zweitobersten ­hierarchischen Ebene erhalten die schlecht bezahlten Direktoren 70000 Franken im Jahr und die gut bezahlten bis zu einer halben Mil­lion. Da auf der drittobersten Hierarchieebene Gesamtsaläre bis 300000 Franken ausbezahlt werden, ist es effektiv so, dass es Abteilungsleiter mit mehr als 25000 Franken pro Monat gibt und Geschäftsführer mit weniger als 7000 Franken. So betrachtet ist Hubert Kalm noch gut bedient mit seinen 12500 Franken pro Monat.

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Viele Einflussfaktoren

Es gibt verschiedene Wege, wie Kalm sein Einkommen verbessern könnte.­Wenig verwunderlich schlägt sich auch eine bessere Ausbildung in höheren Löhnen nieder. «Die jeweils besser qualifizierten Führungskräfte bekleiden auch innerhalb der Führungsränge tendenziell diejenigen Funktionen, die besonders 
gut entlöhnt werden», stellt die Studie fest.

Auch ein Umzug kann eine Verbesserung bringen. Wer mit 400000 Franken überdurchschnittlich viel verdienen möchte, sollte in der Agglomeration Genf/Lausanne anheuern. Dort liegen insbesondere die Gesamtsaläre auf der obersten Hierarchiestufe um 6 Prozent über denjenigen der Agglomeration Zürich (377000). Basel ist fast vergleichbar mit Zürich, Bern ist auch nicht viel tiefer. In der Zentralschweiz, der Westschweiz und in Graubünden/im Tessin werden jedoch «nur» um die 260000 Franken bezahlt. Abgeschlagen ist der Raum Nordostschweiz: Dort bekommt der Oberste im Schnitt nur 220000 Franken.

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Neben der Führungsebene, der Funk­tion (siehe Grafik rechts), der Branche, der Ausbildung und der Region ist die Unternehmensgrösse eine der stärkeren Bestimmungsfaktoren bei der Salärgestaltung. Einfach ausgedrückt: Je grösser die Firma, desto höher tendenziell der Lohn. «Führungsfunktionen in grösseren Unternehmen sind meist inhaltlich komplexer angelegt, stellen höhere Anforderungen an Fähigkeiten und Engagement und sind mit höherer Personalverantwortung verbunden», begründet Alexander von Preen, Geschäftsführer und Partner der Kienbaum Management.

Frausein zahlt sich finanziell nicht aus

Und doch auch hier keine Regel ohne Ausnahme: So gibt es durchaus Chefs von personal- und umsatzschwachen Firmen, die mehr verdienen als Chefs von Grossfirmen mit mehr als 1000 Angestellten. Umgekehrt ist es aber auch nicht selten, dass Abteilungsleiter in Grossfirmen eine höhere Personalverantwortung haben als Direktoren in Kleinfirmen und so auch mehr verdienen.

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Ausser sie wären Frauen. Frausein zahlt sich finanziell nicht aus. Einem Mann auf der obersten Führungsebene werden mit 335000 Franken nach den neusten Ergebnissen der Kien­baum/ «Handelszeitung»-Erhebung 62 Prozent mehr ausbezahlt als einer Frau mit 208000 Franken. Auf der zweiten Führungsebene, bei den Direktoren, liegt der Unterschied noch bei 17 Prozent, die Abteilungsleiter bekommen «nur» 12,5 Prozent mehr als ihre Kolleginnen.

Der Grund für die relative Annäherung dürfte darin liegen, dass auf diesen Stufen die Frauen bessere Vergleichsmöglichkeiten haben und sich auch besser organisieren können. Immerhin liegt der Frauenanteil im unteren Kader bei 22 Prozent. Auf Stufe Direktion finden sich 14 Prozent Frauen und in der obersten Führungsgilde liegt der Frauenanteil bei blossen 8 Prozent. Bei Hubert Kalms Firma arbeitet nur eine einzige Frau – seine Assistentin. Und deren Lohn kennen nur er und sie.

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