Stelle weg, immer öfter von jetzt auf gleich - freigestellt. Nicht nur der Arbeitsplatz geht verloren, auch ein Teil des Lebensinhalts, oft der alles dominierende Teil: Es droht der Fall in die Bedeutungslosigkeit. Wie lange dauert es wohl, bis es jeder weiss? Die Nachbarn, Freunde, die Verwandtschaft? Also mauern, kaschieren, nichts sagen, so tun als ob, Business as usual. Aber was anstellen, den lieben langen Tag? Ohne Aufgaben, ohne Herausforderung?

Und wie fertig werden mit der Schmach? Und mit der Angst vor dem sozialen Abstieg? Der aufkommenden Panik, bald die Rechnungen nicht mehr zahlen zu können? Das macht krank. Was passiert mit der Psyche eines Menschen, der plötzlich auf der Strasse steht? Brigitte Däpp-Weber, Psychologin und Laufbahnberaterin aus Brugg, hat die unterschiedlichsten Reaktionsmuster festgestellt: Zunächst der Schock, eine Art Lähmung, Fassungslosigkeit. Viele Menschen verlieren den Boden unter den Füssen, wissen kaum mehr, was ihnen geschieht.

Das Wichtigste ist, zu verstehen

Sehr oft zeigt sich der Frust in Wut auf den Arbeitgeber: Ich bin Opfer, ich bezahle den Preis für die Fehler anderer - die da oben sind schuld! Andere wollen es nicht wahrhaben: Kann nicht sein! Darf nicht sein! Gibts gar nicht! Irgendwann mache sich Zweckoptimismus breit: Was solls - irgendwie wird es schon weitergehen. Einige sagen sich: Ist ja super, endlich mal Ferien - merken aber schnell, dass die Situation alles andere als erholsam ist.

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Nach Brigitte Däpp-Webers Erfahrung durchlaufen die meisten Betroffenen mehrere Phasen: Haben sich Schock, Wut oder Selbstmitleid gelegt, kommt neuer Elan auf - man stürzt sich in die Jobsuche. «Führt dies nicht innerhalb der angenommenen Zeit zum erwarteten Erfolg, fallen viele in Resignation», sagt Brigitte Däpp-Weber. Und oft kommen psychosomatische Beschwerden dazu: Schlafstörungen, Appetitmangel, Antriebslosigkeit - das könne richtig heftig werden.

Nach Erfahrung von Luc Auf der Maur von der Luzerner Laufbahnberatung Jobvisions wird eine Kündigung fast immer als Zurückweisung erlebt. Damit verbunden sei das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Angst mache sich breit, im schlimmsten Fall Depressionen - und die hohe gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit, Karriere und Leistung verstärke das Trauma noch. Oft versuchten Betroffene, sich mittels Schlaf- oder Beruhigungsmittel etwas Erleichterung zu verschaffen. Doch aufgepasst: Diese «Sanitäter in der Not» können das Problem zusätzlich verschärfen - «es besteht Suchtgefahr», warnt Luc Auf der Maur.

Bei aller Wut, Enttäuschung und Angst: Das Wichtigste ist, zu verstehen. Werner Herrmann (Name geändert), 51, hat vor fünf Monaten seinen Job als Verkäufer verloren. «Man sei mit meiner Leistung nicht zufrieden, ich hätte die Ziele nicht erreicht», sagt er verbittert. Nachgefragt hat er nicht, was genau ihm angekreidet wird. Die Situation schien ihm zu verfahren - vielleicht sei er angeeckt; er sage halt, wenn ihm etwas nicht passe, räumt er ein. Doch die Ungewissheit bleibt - und nagt. Vielleicht wäre es besser gewesen, reinen Tisch zu machen. Er findet: Outplacements müssten für jede Firma Pflicht sein. Das würde Betroffenen helfen, sich mit der Kündigung auseinanderzusetzen, sich gezielter vorzubereiten auf einen neuen Job. Ihm habe man das Angebot leider nicht gemacht, und beim RAV werde man durchgeschleust - als einer von vielen.

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Den Schubser nutzen

Den wahren Grund der Kündigung zu kennen, sei ein ganz wichtiger Aspekt, sagt Berufs- und Karriereberaterin Brigitte Böhi aus Zug. Sind es «externe» Gründe wie etwa eine Restrukturierung des Unternehmens mit entsprechendem Personalabbau? Ist es eigenes Verschulden? Oder eine Mischform? Nur wenn man das verstehe, könne man die Kündigung verarbeiten. Es sei zwar nicht ganz einfach, in dieser Situation nüchtern und sachlich zu analysieren, aber es müsse sein. Dabei helfen können offene Gespräche im sozialen Umfeld, aber auch mit Vorgesetzten und Arbeitskollegen. Reiche das nicht, die «Chnörze» aufzuarbeiten, sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Sich der Situation stellen also, Fakten auf den Tisch, Sachverhalt klären. Und dann, wie weiter? «Versuchen Sie, Distanz zu gewinnen», sagt Brigitte Böhi. Ein für jeden gültiges Rezept dazu gebe es nicht, den Kopf durchlüften könne man auf unterschiedliche Weise: Ferien machen, Sport treiben, sich weiterbilden, ins Vereinsleben stürzen. Oder auch sofort eine neue Aufgabe übernehmen. «Für die einen ist das sinnvoll, andere brauchen ein Timeout, um Kräfte zu sammeln. Manchmal wird so ein Schubser auch genutzt, in sich zu gehen und über sein Leben nachzudenken.»

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Standort bestimmen, den Fokus auf die Zukunft richten, sich vielleicht beruflich neu orientieren und vor allem - Fehler nicht wie derholen. Etwa diesen hier: «Wer sich stark oder ausschliesslich über die Arbeit definiert, den beutelt ein Jobverlust besonders schlimm», sagt Brigitte Däpp-Weber. Wer hingegen Trainer ist im Fussballklub, sich anderswo ehrenamtlich engagiert oder in ein Hobby vertieft, dem kann das Halt geben - und Selbstwertgefühl.

Zudem empfiehlt die Laufbahnberaterin präventive Standortbestimmungen: Was kann ich gut? Was fehlt in meinem Portfolio? Wie stehen meine Entwicklungschancen in der Firma? Was würde ich machen, wenn es hart auf hart käme? Etwas, das man in guten Zeiten leider gerne versäume. Faustregel: Alle fünf Jahre über die Bücher gehen, auch wenn der Job sicher scheint und es für einen selber noch stimmt.

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Nicht ins schwarze Loch fallen

Werner Herrmann ist noch immer auf Jobsuche. Man dürfe beim Bewerben nicht den Mumm verlieren, sagt er. Bei drei Firmen konnte er sich schon vorstellen, zwei haben abgesagt - er hofft jetzt auf die Zusage beim dritten Unternehmen. Herrmann ist realistisch: Je länger man arbeitslos bleibe, desto schwieriger werde es, den Anschluss zu finden; dass er über 50 sei, mache die Situation nicht einfacher. Er habe bislang gut verdient, möglich, dass er künftig Abstriche machen müsse.

Sein Ziel ist es, innerhalb eines Jahres wieder eine Anstellung zu haben. Ins schwarze Loch sei er nicht gefallen: «Ich habe es gut geschafft, meinen Tag zu planen.» Er nutzt den Freiraum, um mehr mit seinen Kindern zu unternehmen. «Dieser Zwischenzeit ohne Job kann ich mittlerweile sogar etwas Positives abgewinnen.»

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