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Edle Textilien für moderne Ikarusse

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Der Präsident des Verwaltungsrats von Lantal Textiles, Textilunternehmer der dritten Generation, hat den erfolgreichen Sprung in die Flugzeuginterieurs gewagt - und damit einen beispiellosen Nischenma

Von Mélanie Knüsel-Rietmann (TEXT) Bruno Arnold (FOTOS)
am 31.03.2009

Es ist eine reizvolle Gedankenspielerei: Der Gründer von Lantal Textiles betritt die Räumlichkeiten dieses heute weltweit führenden Unternehmens für die Entwicklung und Vermarktung von Textilien für den internationalen Luft-, Bus- und Bahnverkehr und für Kreuzfahrtschiffe. Klar, gibt es hier noch eine Weberei. Und es gibt auch immer noch Näherinnen, die Stoffe einer strengen Qualitätskontrolle unterziehen und kleine, kaum sichtbare Webfehler in minutiöser Handarbeit ausbessern; rund 50 Laufmeter pro Stunde kontrolliert eine einzige von ihnen.

Aber was sonst noch gezeigt wird, erinnert eher an ein Labor im Spital. VR-Präsident Urs Baumann amüsiert diese Vorstellung. Und darüber, was seinen Grossvater, den Unternehmensgründer Friedrich Baumann, bei diesem Anblick bewegen würde, hat er klare Vorstellungen. Es waren immer wieder Quantensprünge, die das Unternehmen weitergebracht haben.

Der grösste wurde unter seinem Vater Willy Baumann initiiert. 1954 gelang der Einstieg in die Luftfahrtindustrie. Lantal begann damit, Stoffe für die niederländische KLM - sie war die erste Kundin - zu produzieren. Schlagartig vervielfachte sich der Umsatz von 4 Mio Fr. beim Eintritt von Urs Baumann im Jahr 1964 auf heute weit über 100 Mio Fr.

Die viel besungene Nasenlänge

Eine schier unbegrenzte Neugier scheint Urs Baumann anzutreiben. So, wie andere sich vor eine wohlbestallte Tafel setzen, nimmt er auf der jüngsten Errungenschaft des Hauses Platz. Es ist ein luftgefülltes Kissen, dank dem sich ein Passagier ergonomischer, bequemer und total entspannt installieren kann. Mit Luftdruck lässt sich sein Sitz oder Bett - je nach Wunsch oder Gemütslage - härter oder weicher einstellen und seinem Körper anpassen. «Kommt hinzu, dass der Füllstoff Luft wesentlich leichter ist als die herkömmlichen Schaumstoffe und er ist obendrein noch schwer entflammbar», sagt Baumann und rechnet gleich vor, was dieses pneumatische Sitzkissen für weitere Vorteile hat. «Mit ihm lassen sich bis zu anderthalb Kilogramm Gewicht pro Sitz einsparen.»

Das bedeutet, wie Luftfahrt-Experten versichern, pro Grossraumflugzeug und Jahr Einsparungen von 150000 Fr. Betriebskosten. Wenn bedacht wird, wie gnadenlos längst nicht mehr die viel besungene Freiheit, sondern der Preiskrieg über den Lüften tobt, lässt sich ermessen, welche Bedeutung leichte Flugzeugtextilien sowie Sitz- und Liegesysteme aus Langenthal künftig bekommen werden.

Während sich in der schweizerischen Textilindustrie eine weitere Talfahrt abzeichnete, konzentrierten sich Leute wie Baumann auf ein cleveres Innovationsmanagement. Ähnliche Wege beschritt auch Schoeller mit technischen Textilien, welche mittlerweile einen so hohen Innovationsgrad aufweisen, dass die Konkurrenz Mühe hat, ihm auf den Fersen zu bleiben. «Nur nicht ‹more of the same› anbieten», heisst die Losung.

«Mit dem Produktionsstandort Schweiz haben wir keine Chancen, wenn es um den Preiskampf geht. Daher profilieren wir uns über die viel besungene Nasenlänge, die wir voraus sind», sagt Baumann und wetzt durch die Produktions- und Laborräume. Dabei fällt etwas auf, das mehr über seinen Führungsstil aussagt, als wenn er einen langen Sermon über seine Unternehmensphilosophie gehalten hätte: Niemand verhält sich anders, sobald die Türe aufgeht und der VR-Präsident eintritt. Er und seine Gäste werden begrüsst, die Arbeit oder der Kaffeeschwatz gehen weiter.

Northcote Parkinson, der Gesetze für die Wirtschaftswelt formuliert hat, die heute noch aktuell sind, sagte einmal: «Wer genau wissen will, wie ein Chef führt, gehe mit ihm einmal unangemeldet durch den Betrieb. Wenn alle Mitarbeitenden gleich in alle Windrichtungen verstieben oder angestrengt auf ihre Arbeit schauen, ist das kein gutes Zeichen.»

Urs Baumann besteht diesen Test souverän. Niemand sucht das Weite. Im Gegenteil. Man scheint seine Nähe zu suchen. Das gilt auch für Anna-Maria Müller, die uns erklärte, wie man bei Lantal «funktioniert», um die Wünsche der Kunden zu erfüllen. Sie lässt sofort alles liegen und erklärt, wie bei Lantal auf Trends eingegangen wird. Sie zeigt, wie bei Bahnen, Bussen, Trams oder Reisecars, ja sogar auf Kreuzfahrtschiffen auf die verschiedenen Geschmäcker reagiert wird. Und schon wieder fällt etwas auf: Während andere Verwaltungsratspräsidenten solche Gelegenheiten gerne dazu benützen, sich selber auch noch in ein gutes Licht zu rücken, schweigt Baumann und lässt die zierliche Frau einfach reden.

Dabei könnte Baumann jetzt einwenden, dass nach KLM schon bald die - damalige - Swissair, die Lufthansa, die Air France oder die British Airways die Orderbücher gefüllt haben. Mittlerweile gehören mehr als 300 internationale Fluggesellschaften zu den Kunden von Lantal. Sie können unter 200 Designs und Farben auswählen und individuell kombinieren oder ihr eigenes CI-konformes Design herstellen lassen.

Komisch, aber Baumann erwähnt das nicht ein einziges Mal. Dabei sitzt, wer reist, in den meisten Fällen auf Bezügen von Lantal. Schätzungsweise zwei Drittel aller Flugzeuge weltweit und praktisch alle Bahnen im Schweizer Verkehrsnetz sind mit Lantal-Stoffen ausgestattet. Für den Wegbereiter dieser Entwicklung scheint dies offenbar beinahe selbstverständlich zu sein. Ihn interessieren vor allem noch weitere Verbesserungen, noch weitere Gewichtseinsparungen, Feuerfestigkeit und Tüfteleien.

Nicht aufgeben, nicht abgeben

Ausgezeichnet und gelobt wurden er und seine Crew immer wieder. Aber wahrscheinlich freut ihn am meisten, dass es ihm gelungen ist, seine Nachfolge - trotz des Verzichts seiner Kinder - so zu regeln, dass sowohl sein Credo wie sein Unternehmen fortgeführt werden können. Anstatt sich krampfhaft an eine Doppelrolle CEO und VR-Präsident zu klammern, suchte er jemanden, bei dem er das Gefühl hatte, weiter beratend mitwirken zu können, ohne sich «um den täglichen Kram» kümmern zu müssen, wie er freimütig einräumt.

Seine beiden Töchter haben einen anderen Weg gewählt. Nadia Baumann arbeitet bei Lantal als Leiterin Design Teppiche und die jüngere Tochter Nicole als Assistentin der Geschäftsleitung in einer Unternehmensberatung. Einem Raider wollte er das Lebenswerk nicht in den Rachen werfen. «Mir ging es nicht um den Preis», versichert er glaubwürdig. Er hat im HSG-Absolventen Urs Rickenbacher einen Mann gefunden, mit dem er diese beiden Rollen zwar trennen, aber nicht abtrennen kann. Rückblickend sagt er: «Ich habe immer mit einer etwas laschen Hand geführt.» Er sei froh, heute einen etwas «härteren Drive» zu beobachten.

Dass er und Rickenbacher von Ernst & Young mit dem «Master Entrepreneur of the Year Award» ausgezeichnet worden sind, kann kein Zufall sein. Die Nachfolge-Regelungsfrage beschäftigt rund 55000 KMU-Betriebe in der Schweiz in den nächsten drei Jahren.

Beim Abschied verstärkt sich der erste Eindruck: Hier war einer am Werk, der zwar nicht aufgeben, aber auch nicht ganz abgeben will und trotzdem eine Blutauffrischung unterstützt. Offenbar alles eine Frage der Chemie? Vielleicht, aber Herzblut und Blutauffrischung scheinen sich zu vertragen. Urs Baumann überreicht ein Buch, das die wechselvolle Geschichte des Unternehmens skizziert. «Ich wollte, dass auch die Mitarbeiter etwas bekommen, das zeigt, wie wir gewachsen sind.» Er erwähnt nicht an erster Stelle die Kunden, obwohl sie ihm sicher viel bedeuten. Sonst hätte er nicht ein Leben damit verbracht, sie zufrieden zu stellen.

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