Wir hier in Niederwangen sind die Fleissigsten», bemerkt der CEO beim Abschiednehmen. Dann lacht er spitzbübisch: «Ich darf das sagen, denn ich verantworte ja sowohl die einzelnen operativen Gesellschaften wie auch die gesamte Gruppe.» In Alain Schindlers Worten blitzt ein sportlicher Ehrgeiz auf, der Teamgeist verrät und Siegeswille. Den Skirennsport, den er als Jugendlicher betrieb, bezeichnet er überraschend als Mannschaftssport: «Als Skirennfahrer bist du drei Minuten allein auf der Piste. Der Rest ist Teamarbeit.» Als Rennfahrer sei ihm bewusst geworden, wie sehr eine Einzelleistung von anderen Menschen abhängig sei.

Mit dieser Teamphilosophie leitet Alain Schindler heute die Westiform-Gruppe, bestehend aus dem Hauptsitz in Niederwangen, den deutschen Produktionsbetrieben in Ortenberg und Eberstadt sowie in Tschechien und China, zudem mit Vertriebsgesellschaften in Japan, Frankreich und Österreich. Die Gruppe bringt Marken in drei Dimensionen zum Leuchten.

Ständig unterwegs

Schindlers Doppelfunktion führt zu langen Autofahrten: Am Montagmorgen pendelt er zu Westiform Ortenberg, die spezialisiert ist auf die Serienfertigung sowie auf europäische Projektmanagement- und Logistiklösungen im Bereich Corporate Identity. Am Dienstagabend fährt er zurück nach Schmitten im Kanton Freiburg, um am Donnerstag wieder nach Ortenberg oder zu Westiform visuelle Kommunikation in Eberstadt zu reisen. Die Morgensitzungen in Deutschland setzt er spätestens auf acht Uhr an. Mittwochs und freitags arbeitet er normalerweise in Niederwangen. Den Produktionsbetrieb in Tschechien besucht er zweimal im Jahr.

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Welchen Vorteil hat diese aussergewöhnliche Führungsstruktur? Alain Schindler: «Ich habe als Gruppenleiter tiefe Kenntnisse über die operativen Vorgänge in den Niederlassungen. Und ich bin mit den Menschen an den Werkbänken verbunden.» Den Nachteil nennt der asketisch wirkende 47-Jährige gleich selber: «Ich bin oft unterwegs und muss vieles am Telefon besprechen.»

Der ausgebildete Finanzfachmann war elf Jahre lang Controller der Westiform-Gruppe, bevor er 2002 CEO wurde. Damals lernte er, die Erfahrungen aus der Vergangenheit richtig zu interpretieren und in die Zukunft zu projizieren. «Vieles macht man mit dem gesunden Menschenverstand», relativiert der Chef von 500 Mitarbeitenden seine Fähigkeiten.

Transparenz und Offenheit

Damals wie heute führt der CVP-Sympathisant mit urmenschlichen Werten: Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit seien für ihn die Grundwerte jedes Geschäftsgebarens. «Ein Verkaufsgespräch muss auf diesen Werten basieren, wenn es langfristig Erfolg bescheren soll.» Was geschieht, wenn die Konkurrenz unlauter vorgeht? «Dann verliert Westiform vielleicht vorübergehend einen Kunden. Aber langfristig zahlt sich unser Verhalten aus, das hat sich schon vielfach gezeigt.»

Schindlers Moral provoziert die Frage, was den deutschen vom Schweizer Westiform-Mitarbeitenden unterscheidet. Denn solche kulturellen Feinheiten erlebt der Nachkomme einer Uhrmacherin und eines Werkzeugdiamantenschleifers wöchentlich: «Der Schweizer ist direkter und weniger hierarchiegläubig. Er sieht ein Problem und löst es.» Der Deutsche sei gewiefter im Formulieren, arbeite aber aufgrund seines hierarchischen Denkens oft weniger effizient. «Ich erlebe Deutsche, die seit 30 Jahren miteinander arbeiten, aber immer noch per Sie sind!» Der deutschen Kultur setze er seinen eigenen Arbeitsstil entgegen: «Ich bleibe bei meinem emotionalen Zugang zu den Menschen und biete meinen Mitarbeitern das Du an.» Seine Echtheit erachte er als Chance für Veränderungen.

Wie hat die Westiform-Gruppe den Beginn der Weltwirtschaftskrise erlebt? Schindler spricht Klartext: «In der Schweiz liegen wir im Plan. In Deutschland verzeichneten wir jedoch einen abrupten Knick, der sich von einem Monat auf den andern manifestierte.» Seit dem Spätherbst 2008 leide man bei den Produkten für die Autoindustrie unter einem deutlichen Auftragsrückgang.

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Die internen Auswirkungen seien indessen sehr spannend, findet der Leiter der Firmengruppe: «Wir sind in unserem Unternehmertum gefordert: Diese Phase erfordert neue Ideen, Kreativität und Innovationen. Wir haben unser Verständnis für den Markt überarbeitet, um die Risiken besser zu verteilen. Nur eines können wir auf keinen Fall: Noch billiger werden!» Was gibt dem umtriebigen Führungsmann Kraft und Zuversicht, die Krise erfolgreich zu meistern? Er überlegt nicht lange: «Wir wissen, dass unser Unternehmen gesunde Wurzeln hat und unser Marktpotenzial riesig ist.» Zu den einzigartigen Stärken von Westiform zähle das lösungsorien- tierte Projektmanagement: «Unsere Kunden erhalten von uns eine umfassende Beratung. Ähnlich wie Architekten helfen wir ihnen, ein Gesamtprojekt zu realisieren und dabei Kosten einzusparen.»

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Dass Westiform qualitativ anspruchsvolle Projekte leitet, wird ersichtlich, wenn sich der dynamische Chef durch den Ausstellungsraum in Niederwangen tastet und jedes Kundenlogo mit einer Hingabe in die Hand nimmt, als wärs ein Kind von ihm. Als vielseitig talentierter Hobbyhandwerker in Haus und Garten kennt Schindler von jeder Stele die Herstellungsweise mit entsprechenden Fachausdrücken. Man sieht, dieser Mann liebt, was er macht und was Westiform produziert.

Ziehsohn des Firmengründers

Kein Wunder, zog es ihn nach einer dreijährigen Selbstständigkeit als Controller wieder zu Westiform zurück. «Die Selbstständigkeit war mein Jugendtraum. Doch da Westiform mein grösster Kunde blieb, liess ich mich von Hauptaktionär und Verwaltungsratspräsident Niklaus Imfeld gern auf den Chefposten berufen.» Schindler ist zweifellos der Ziehsohn des Firmengründers. «Wir haben uns schon immer sehr gut verstanden», bestätigt er die enge Beziehung zu Imfeld.

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Wie patronal der Gründer, Mehrheitsaktionär und VR-Präsident Niklaus Imfeld denkt, zeigt sich im Organigramm der Westiform-Gruppe: Zwei Söhne sind in Leitungsfunktionen engagiert. Hat Alain Schindler, der erst kürzlich mit dem Fussballsport aufgehört hat, keine Angst, eines Tages von den Nachkommen vom Platz gestellt zu werden? Diese Frage stelle er sich gar nicht, kontert Schindler seelenruhig. Er komme bestens aus mit Imfelds Nachkommen.

Familie als Quelle der Kraft

Wer Alain Schindler, der als Kind Pfarrer oder Lehrer werden wollte, in seinem bescheidenen Büro in Niederwangen zuhört, wundert sich über seine Gelassenheit. Die Erklärung dazu liefert der Vater zweier Töchter mit der ihm eigenen Offenheit: «Meine Familie ist die Quelle meiner Kraft. Für sie lohnt es sich zu leben. Ich litt 1992 ein Jahr lang an Lymphdrüsenkrebs.» Während der Chemotherapie sei er ausserordentlich schnell gereift. «Seitdem bin ich viel lockerer.» Die Krankheitserfahrung sei wertvoll, betont er. «Ich habe die Überzeugung bewahrt, dass man alles schaffen kann, wenn man unerschütterlich daran glaubt.»

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Der Mensch sei nun mal keine Maschine. Ein Prozess der Verlangsamung und Vertiefung sei angesagt, nimmt Schindler den Faden zur Wirtschaftskrise wieder auf. Angst verspüre er selten, aber Respekt schon. Was unternimmt Alain Schindler, wenn er für ein Problem keine Lösung findet? Er überlegt eine Weile und sagt: «Tut mir leid, aber diese Situation kenne ich nicht.»