Schwarze Hose, weisses Hemd, die Brille von edlem Horn: Rein äusserlich geht Christer Granstrand locker als Architekt durch. Hat ihn aber nie interessiert, das Häuserbauen. Viel mehr zog es ihn hinein in die Küchen und Bäder, Stuben und Schlafzimmer der menschlichen Behausungen. Und das in frühen Jahren schon. Schliesslich ist der heute 58-jährige Schwede in einer Möbelmacher-Dynastie aufgewachsen.

«Etwas Soziales oder die Einrichtungsbranche – dort wollte ich hin, das war für mich nach dem Abitur klar.» Und so trat er ein in den väterlichen Betrieb, wo er sich als kleiner Junge mit dem Einfassen von Stuhllehnen sein erstes Sackgeld ehr- und redlich verdient hatte. Kein abwegiger Werdegang für einen, der von sich selber sagt, er sei «in Spänen», also in Holzraspeln, zur Welt gekommen ...

Das Engagement im Familienunternehmen allerdings war nicht von Dauer. Nach dem frühen Tod des Vaters entschied der Familienrat, die Firmengeschicke dem Onkel zu überlassen. Christer Granstrand, das Wirtschaftsdiplom in der Tasche, heuerte kurzerhand bei jenem Mann an, der während Jahren immer wieder im Werk des Vaters vorbeigeschaut hatte, um das eine oder andere Möbelstück in Serie für den eigenen Laden zu ordern: Ingvar Kamprad, Gründer und Eigentümer von Ikea.

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«Auf mich hat Kamprad schon in Kinderjahren grossen Eindruck gemacht. Meistens kam er auf dem Motorrad über die Landstrasse zu uns.» Gerne erinnert sich der schlaksige Schwede auch an die unzähligen Fussballspiele, die die Firmenteams von Ikea und Bröderna Granstrand in den 60er- und 70er Jahren gegeneinander ausgetragen haben.

Inzwischen schaut Christer Granstrand auf über 30 Jahre Karriere beim schwedischen Einrichtungshaus zurück. Das Besondere an Ikea: Besitzerin ist eine Stiftung, die Stichting Ingka Foundation, die als gemeinnützig registriert ist. Somit ist das Unternehmen zum einen vor Übernahmen geschützt, andererseits muss es weniger Steuern abliefern als etwa eine Aktiengesellschaft.

Vom Backoffice an die Front

Nach Stationen in Skandinavien, Frankreich und Nordamerika ist Marketing- und Verkaufsprofi Granstrand 2001 in der Schweiz gelandet, wo er von Spreitenbach aus die Geschicke der Ländergruppe mit ihren sieben Ablegern und 2600 Angestellten lenkt.

Im Limmattal war er bereits einmal engagiert: Anfang der 80er Jahre. Granstrand muss schmunzeln, wenn er an jene Zeit zurückdenkt. Sein Wechsel vom Marketing in den Verkauf, das Umsatteln von der Konzept- und Entwicklungsarbeit am Hauptsitz auf das Tagesgeschäft vor Ort habe es schon mal mit sich gebracht, dass er auszubaden hatte, was er selber wenige Monate zuvor auf die «To-Do»-Liste gesetzt habe. «Das war immer eine interessante Erfahrung – glauben Sie mir, da kann man noch so viel in seinem Büro ausbrüten, wie es da draussen in den Läden, bei den Kunden und Mitarbeitern ausschaut, das ist eine ganz andere Geschichte.»

Kunden und Mitarbeitende – der menschliche Aspekt ist es, der Christer Granstrand den Spass an der Arbeit vermittelt. Und Letzterer ist förmlich zu spüren, wenn der Schwede den kilometerlangen Parcours durch das Spreitenbacher Einrichtungshaus abspult.

Der Chef duzt prinzipiell all seine Mitarbeiter. Umgekehrt gilt dieselbe Regel – so will es die Firmenphilosophie. «Ich glaube schon, dass dadurch die Hemmschwellen abgebaut werden, Kritik und Ideen direkt bei mir oder dem Management vorzubringen.»

Wer bei Ikea zum Bewerbungsgespräch antritt, dem wird dieser doch eher gewöhnungsbedürftige Umstand gleich zu Beginn mitgeteilt. Nicht allen sei die lockere Umgangsform gegeben. «Nur weil alle per Du sind, heisst das jedoch noch lange nicht, dass ich nicht durchgreifen könnte», lacht Granstrand, bevor er sich zum dritten Mal in zehn Minuten bückt, um ein Papierfitzelchen aufzuheben.

Was er nicht mag: Menschen, die das Hirn nicht zum Denken brauchen. Und Unordnung. Was er mag: Einrichtungen, in denen Zeichen gesetzt werden. Ein paar alte Stücke, die mit Emotionen verknüpft sind, kombiniert mit etwas Neuem, das überrascht, gemütlich ist oder Farbe mit sich bringt. «Leben, nicht bloss wohnen eben. Mein tägliches Credo geht in die Richtung, dass ich einen Beitrag an das Wohlbefinden der Menschen leisten kann, die mich umgeben; als Partner, Vorgesetzter, als Chef eines Einrichtungshauses.»

Der Spaziergang geht vorbei an Küchen, an Wohnzimmern, durch Bäder und Weinkeller, Kinderzimmer und Bettenburgen. Jonas, Mikael, Gustav sind schon da, Billy natürlich auch – das Regalsystem ist nach wie vor der Renner in der Möbelsparte von Ikea. Doch wo ist Christer? Christer Granstrand überlegt. Schreitet von einer Ecke der Büroabteilung in die andere. «Irgendwo muss Christer doch sein.» Dann liefert er zwei Varianten: «Entweder ausverkauft oder nicht mehr im Angebot – aber ich bin mir sicher, dass es ein Schreibtisch sein muss.»

Ikea und die Namen: Ein Thema für sich. Es gebe tatsächlich Menschen, die hätten bei Gericht viel Geld erstritten, weil sie denselben Namen wie ein Drehstuhl oder ein Schrank des nordischen Möbelimperiums trügen, winkt Granstrand halb amüsiert, halb enerviert ab. Heute prüfen Anwälte jede Taufe akribisch.

Ein weiterer Dauerbrenner bei Ikea sind die Montageanleitungen: Hier gedreht, da gesteckt, dort gedübelt – und am Schluss fehlt bestimmt eine Schraube. Oder eine ist über. Granstrand kennt das (Vor-)Urteil. Er ortet das Problem aber eher beim Heimwerker als bei der Gebrauchsanweisung.

Frauen fällen die Entscheide

Und auch hier gebe es Unterschiede, wie er mit einem Augenzwinkern hinzufügt: «Männer werken einfach drauflos, lassen sich von ihrem Instinkt leiten und konsultieren meist nur wider Willen eine Anleitung.» Frauen hingegen würden zuerst immer eingehend die beiliegenden Papiere studieren und machten sich erst dann, mit einem Plan im Hinterkopf, an die Arbeit. Mit dem Resultat, dass das Möbel letztlich genau so aussehe, wie es auszusehen habe. «Was beide oftmals allerdings unterschätzen, ist der Zeitaufwand, der beim Möbelzusammenbauen anfällt», weiss Granstrand aus Erfahrung.

In der Regel sind es die Frauen, die beim Möbelkauf die wichtigen Entscheide fällen. Kaum ein Zufall also, dass bei der Schweizer Ikea-Belegschaft der Frauenanteil relativ hoch angesiedelt ist: 60% im Verkauf, 30% im Management. Und Granstrand setzt viel daran, dass dieser Anteil weiter wächst, besonders im Management.

Schwarze Hose, weisses Hemd: Christer Granstrand nimmt eine Abkürzung und kontrastiert unvermittelt mit dem kräftigen Grün eines Sofas, mit dem knalligen Rot eines Regals, dem frechen Blau eines Lampenschirmes. Der Unauffällige wird zum Auffälligen. «Dass die Möbel bei Ikea sehr bunt sind, hat einen guten Grund: In Schweden ist es häufig dunkel, da tut ein bisschen Farbe im Haus der Seele gut.»

Er lächelt. Blickt erst hinaus auf den Parkplatz, dann hoch zum Himmel und streckt schliesslich zur Verabschiedung die Hand aus. «Schönes Wochenende.» Er stockt: «Ach nein, ein paar regnerische Tage wären mir lieber. Ist das Wetter schlecht, gehts dem Geschäft gut ...» Und so geht Granstrand denn auch nicht davon aus, dass die wirtschaftliche Grosswetterlage mit Blitz und Donner bei Ikea einschlagen wird. Er sieht trotz Finanzkrise sogar ein kleines Hoch sich abzeichnen. Denn: «Wenn die Leute mehr aufs Geld schauen müssen, dann vergleichen sie Preis und Leistung. Für uns ist das gar nicht so schlecht.»