Wie ein Unternehmer sieht er nicht aus. Paolo Richter kann man sich nur schwer mit Krawatte und Anzug vorstellen. Aber er ist ja auch kein klassischer Unternehmer, sondern der Swiss Social Entrepreneur 2009, zu dem ihn die Schwab Foundation letzten Monat gekürt hat. Wegen seines ansteckenden Lachens und seiner lockeren Art könnte man fast zweifeln, ob er die notwendige Härte hat, um auch Menschen wieder auf die Schiene zu bringen, welche durch alle Maschen gefallen sind. Doch sein Erfolg spricht für sich.

Richter ist selber überzeugt, dass die Prinzipien der Sozialarbeit und eines menschengerechten Managements sehr ähnlich sind. Sowohl in der Sozialarbeit als auch im Management gehe es um die Kunst, das Individuum so einzusetzen, dass es seine Fähigkeiten entfalten könne. «Wenn dies vernachlässigt wird und es nur noch um Profit geht, dann ist auch ein Unternehmen langfristig nicht überlebensfähig», sagt er in seinem gelbgrünen kleinen Büro im Unternehmenssitz in Bern-Liebefeld - im Hintergrund tönen Schleif- und Bohrmaschinen.

Beachtlicher Erfolgsausweis

Obwohl er seit dem Studium in der Sozialarbeit tätig ist, sieht er sich nicht als Gutmensch: «Ich bin kein Altruist. Wenn es anderen gut geht, geht es mir auch gut.» Die Auszeichnung des WEF-Gründers sieht er als Türöffner für neue Kontakte. Als «soziales Mäntelchen» wolle sich Gump- & Drahtesel nicht missbrauchen lassen.

Anzeige

Jährlich durchlaufen rund 750 Personen die Programme von Gump- & Drahtesel, hinter dem die Stiftung für soziale Innovation steht. Der Erfolgsausweis ist beachtlich; 70% finden danach eine Anschlusslösung. Die Teilnehmer tauchen in fachlich betreute Werkstätten und Abteilungen ein, wo ihnen je nach Neigung Mechanik und Metallbearbeitung wie Schweissen und Löten, Holzbearbeitung, Gebäudetechnik, Reinigung, Administrations- und Verkaufs-Know-how vermittelt werden. Einzelne steigen direkt ins Bewerbungscoaching ein.

Das Sozialunternehmen ist eine bunte, kreative und doch strukturierte Welt, wie ein Rundgang zeigt. Im ehemaligen Industrieareal wird zwar fabriziert - 10000 entsorgte Velos werden jährlich wieder instand gestellt und nach Afrika verkauft. Aus unreparierbaren Veloruinen entstehen Hunderte Gebrauchsgegenstände und Designerobjekte. Dennoch wirkt das Gebäude nicht wie eine Fabrik - eher wie ein grosses Atelier.

Ein Velo oder einen Gegenstand zu finden, der mit einem anderen identisch ist, scheint nämlich ausgeschlossen. Im Showroom werden die Velos in allen Farben präsentiert, und auf den Gestellen reihen sich Leuchten aus Velolampen, Kleiderbügel aus Felgen, Spielzeugöfen, Holzschaukeln und vieles mehr. Richter zeigt sie mit Freude, fast ein bisschen so, als ob er sie selber gemacht hätte. Jedes Werk ist ein Wegstück eines Menschen auf dem Steilpfad zurück in den Arbeitsmarkt.

Das Sozialunternehmen spürt die derzeit steigende Arbeitslosenquote deutlich. «Wir sind daran, das Angebot von 95 auf 120 Teilnehmerplätze auszubauen.» Für die jeweiligen Plätze erhält das Unternehmen im Auftragsmandat Gelder des kantonalen Wirtschaftsamts beco und von anderen Institutionen.

«Jeder kann seinen Job machen»

Richter tut sich schwer mit pauschalen Aussagen über seine Klienten. Es sei zwar schwieriger geworden, Anschlusslösungen zu finden, doch ob eher die Anforderungen gestiegen oder die Betroffenen schwerer vermittelbar seien, könne er nicht generell beurteilen. Sein Ansatz: «Wir gehen davon aus, dass grundsätzlich jeder Mensch seinen Job machen kann auf dieser Erdkugel. Ob das bezahlt ist oder nicht, ist eine andere Frage - als Gesellschaft haben wir da noch einiges zu lösen.» Bei Menschen mit vielen negativen Erlebnissen sei es wichtig, dass sie zuerst Wertschätzung erhalten und an ihren Stärken angeknüpft wird statt an den Defiziten. Sein Erfolgsrezept: «Hier gibt es sinnvolle Arbeit, welche einem Marktbedürfnis entspricht, im Überfluss.» Weiter: «Wenn jemand merkt, dass er wichtig ist und seine Arbeit zählt, kann man darauf aufbauen und auch Schwächen thematisieren.»

Anzeige

Als sein Kerngeschäft sieht er die Integrationsarbeit in der Schweiz. Reich wird er damit nicht: Es gehe immer knapp auf, langfristige Reserven bilden könne er nicht. «Wir nähern uns langsam der Wachstumsgrenze, ab einer gewissen Grösse wird es wohl schwierig, diese Kultur zu leben.» Dank dem hohen fachlichen und menschlichen Engagement aller 40 Mitarbeitenden sei es bis heute gelungen. Eigentlich ist seine Position für ihn ein Traumjob, den er sich kreiert hat. Richter studierte Sozialwissenschaften und machte parallel dazu den berufspraktischen Abschluss in Sozialarbeit. Als Ausgleich zum Studium habe er Velos «zwäg» gemacht, hauptsächlich aus Freude für den Freundeskreis.

Er sei ein Tüftler. «Schon als Kind habe ich gerne mit Holz und Metall gebastelt», sagt der in Embrach aufgewachsene Berner mit Zürcher Akzent. Heute ist das Unternehmen so gross, dass er keine Kapazität mehr hat, die Teilnehmer selber in der Werkstatt anzuleiten. Das Velo benutzt er nur als Fortbewegungsmittel. Ein wenig belustigt ist Richter schon ob der vielen Kopfarbeit, die er heute verrichtet. Wenn er gewusst hätte, wie viel er einmal in Sitzungen und am Computer arbeiten werde, hätte er sich den Job länger überlegt, lacht der jugendlich wirkende Mann, der sich als ausgesprochenes Bewegungsnaturell bezeichnet.

Anzeige

Phönix aus dem Schrotthaufen

Initialzündung für das Sozialunternehmen war sein letztes Praktikum, das er in der damaligen Stiftung für Berner Obdachlose gemacht hat. Nach guten Erfahrungen mit einem ersten Arbeitsprojekt habe ihn die Stiftung angefragt, ob er nicht etwas Weiterführendes mit Erwerbslosen machen wolle. Auf seiner privaten Passion, dem Velorecycling, baute er das Konzept auf. Im Oktober 1993 nimmt die Velorecycling-Werkstatt Drahtesel in einer verlassenen Fettfabrik den Betrieb mit vier Erwerbslosen auf. Es dauert nicht lange, bis der erste Container voll mit Velos nach Ghana verschifft wird.

«Ich hatte mir immer erhofft, handfeste Tätigkeiten mit Sozialarbeit verbinden zu können.» Bedeutend für ihn war auch der internationale Aspekt des Projekts. Die Entwicklungszusammenarbeit kannte er bereits von einem Kurzeinsatz in Ghana. Die jährlich rund 7000 Velos, die heute mithilfe von Partnerorganisationen nach Eritrea, Ghana, Simbabwe und Burkina Faso verschifft werden, sorgen nicht nur für Mobilität, sondern schaffen in diesen Ländern in den Bereichen Velomontage, Veloreparatur und Velohandel auch neue Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Anzeige

«Es war die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt», begründet er den Erfolg der Drahtesel für Afrika. Damals, 1993, sei die Verbindung von beruflicher Integration mit sozialer Arbeit noch recht exotisch gewesen. Von Beginn weg hat der Drahtesel Arbeit mit Bildung und Coaching verknüpft. 1997 öffnet das Schwesterwerk, die Spielzeugrecycling-Werkstatt Gumpesel, die Tore. Obwohl die Nachfrage gerade jetzt antizyklisch hoch ist, arbeitet Richter konsequent 80%.

Natürlich arbeite er manchmal mehr, doch die Teilzeitarbeit sei primär eine Organisationsfrage, auch in einer Chefposition. «Ich will Zeit für meine Familie und mich selber haben.» Für Richter ist klar: «Meistens leistet man mit einem 80%-Pensum gleich viel wie mit 100%, weil man dann auch mehr Energie hat.» Er nimmt sich nicht so wichtig: «Für einen Tag pro Woche muss es ohne den Chef gehen, sonst stimmt etwas nicht.»

Anzeige