1. Home
  2. Management
  3. «Ein isoliertes Land produziert Arbeitslosigkeit»

Einblick
«Ein isoliertes Land produziert Arbeitslosigkeit»

Xavier Niel: Er investiere in zwei oder drei Start-Ups pro Woche, sagt der Unternehmer.  Keystone

Salt-Eigentümer und Digitalunternehmer Xavier Niel äussert sich nur selten öffentlich. Kurz von den Frankreich-Wahlen spricht er nun von seiner Vision für das Land – und der Bedeutung von Integration.

Von Richard Werly («Le Temps»)
am 20.04.2017

Xavier Niel ist einer der prominentesten wirtschaftlichen Akteure in Frankreich. Der 49-jährige Telekom- und Digitalunternehmer sorgt mit seinen Investments immer wieder für Furore. Niel besitzt nicht nur den Swisscom-Konkurrenten Salt, er ist auch Miteigentümer der Zeitung «Le Monde». Ausserdem liegen ihm Startups am Herzen: Mit der 2016 gegründeten Ecole 42 und dem Inkubator Station F, der Ende Juni seine Tore öffnet, will er Frankreich zu einem der wichtigsten Innovationsstandorte machen.

Obwohl Niel so aktiv ist, äussert er sich öffentlich selten. In einem seiner raren Interviews spricht der Geschäftsmann über seine Visionen für Frankreich, das diesen Sonntag und am 7. Mai seinen neuen Präsidenten wählt:

Die Präsidentschaftskandidaten widersetzen sich jeglichen Reformvorschlägen. Sie beweisen mit Ecole 42 und Station F, dass Sie dieses Land auf Ihre Weise verändern. Frankreich zu bewegen ist also doch möglich?
Xavier Niel: Ich bin in Frankreich geboren und in einer Familie der Mittelklasse in einem Pariser Vorort aufgewachsen. Durch meinen persönlichen und beruflichen Werdegang bin ich zur Überzeugung gelangt, dass dieses Land mehr Mut und weniger Fatalismus braucht. Nur schon die Idee, einen Beruf ohne klassische Universitätsbildung zu erlangen, scheint hier revolutionär. Doch mit Ecole 42 setzen wir genau dies um. Die Schule gehört mittlerweile zu den Weltbesten im Bereich Programmierung. Meines Erachtens sollte sich alles um genau eine Frage drehen: Für welchen Beruf müssten die Jungen in zehn Jahren ausgebildet werden? Ecole 42 ist eine aussergewöhnliche Schule. Sie ist kostenfrei und offen für alle. 3000 Studenten, von denen 42 Prozent kein Abitur haben. Sie ist ein UFO, das auf ihre Art Frankreich verändert. Mein Befund als Unternehmer ist ziemlich simpel: die Franzosen, vor allem die Jungen, wollen, dass man ihnen Lust auf Mehr macht. Das versuchen wir mit Ecole 42 oder Station F. Einen Ort erfinden um die Dinge und Herangehensweisen zu ändern.

Sich auf ein Projekt zu fokussieren, alleine voranzugehen und nicht auf staatliche Akteure setzen. Ist dies das Rezept «Niel»?
Frankreich hat wunderbare Voraussetzungen für innovative Unternehmer. Die Frage ist, wie man Bedingungen schafft, damit Innovation entstehen kann. Das gilt nicht nur für das Digitale, sondern für alle Bereiche. Im Fall von Station F, unserem riesigen Pariser Start-Up Campus, der Ende Juni eröffnet wird, war mein Vorgehen einfach. Mit der Direktorin Roxane Varza habe ich rund um den Globus Dutzende kleine und mittlere Inkubatoren besucht. Danach habe ich mich entschlossen, einen Ort zu erfinden, bei dem es nicht darum geht, Geld zu verdienen. Vielmehr soll dieser als Startrampe genutzt werden. Wie haben wir das erreicht? Natürlich dank Investitionen (250 Millionen Euro, mehr als 266 Millionen Franken, Anm. d. R.), aber auch dank unserem Vorgehen. Station F wird von einem Team aus 15 Leuten geleitet. Sechs verschiedene Nationen und Pässe. Eine Residenz mit 600 Wohnungen für die Unternehmer wird nächstens eingeweiht. All das in Zusammenarbeit mit der Pariser Stadtverwaltung, die es uns erlaubt hat, uns in der historischen Halle Freyssinet einzurichten. Wenn das alles so zusammen spielt, dann bewegt und verändert sich Frankreich.

Nur ist Frankreich nicht die Station F. Ein Ort reicht nicht um ein Land zu verändern. Welche Lehren kann man daraus ziehen, um sie über die Region Paris und das Digitale hinaus anzuwenden?
Im heutigen Frankreich wiegen die Initiativen der Zivilgesellschaft schwerer. Sie sind stärker als alle politischen Entscheide. Das Gründen von Unternehmen, das wirtschaftliche Gefüge, die Vitalität der Vereine bilden das beste Mittel, um dieses Land weiterzubringen. Klar, die Ebene ist nicht die gleiche. Aber es funktioniert. Die Start-Up Dossiers, die wir täglich erhalten, zeigen, dass die jungen Franzosen etwas bewegen wollen. Und glauben Sie mir, die Mehrheit von ihnen hat das Ziel, nicht vom Staat abhängig zu sein.

Was ist der Schlüssel, um diesen Wandel umzusetzen?
Der Schlüssel ist zuallererst die erzieherische und gesellschaftliche Transgression. Schauen wir uns Frankreich an: Wenn Sie aus einem gutsituierten Milieu kommen und in einem guten Quartier aufwachsen sind Ihre Chancen wesentlich höher, an einer guten öffentlichen Schule zu landen. Ausserdem öffnen sich die Türen der Hochschule nur den Besten. Was passiert im gegenteiligen Fall? Den Jungen, die nicht das Glück haben auf Rosen gebettet zu sein, verschliessen sich eine Türe nach der anderen. Der Erfolg von Free (Französischer Telekommunikationsanbieter im 1999 von Xavier Niel gegründet, Anm. d. R.) stützt sich darauf, dies alles durcheinander gebracht zu haben. Auf die Diversität zu setzen, die Normen zu brechen, keinen Unterschied zwischen Vororten und dem XVI. Bezirk von Paris zu machen. Der Staat kann und darf nicht der einzige Ansprechpartner für die Jugend sein. Es muss für die Jungen, die das Abitur nicht schaffen, andere Alternativen geben. Es braucht Partner, die sich für sie interessieren.

Sie prangern «Ungleichheiten beim Zugang zur Bildung» an, die Emmanuel Macron ins Zentrum seines Programms gestellt hat…
Schauen Sie sich die Studien der OECD an, die Frankreich was den Begriff Gleichheit betrifft, auf den letzten Platz verweisen. Währenddessen die Politiker ohne Unterbruch diese Devise hochhalten. Wir haben alle einen Teil der Verantwortung dafür zu tragen. Darum ist es so wichtig, dass wir, jeder in seinem Bereich, Initiativen unterstützen, die dieses französische Modell und System verbessern. Die Präsidentschaftswahl ist nur ein Teil der Gleichung. Man kann auch ausserhalb des politischen Rahmens helfen und unterstützen.

Steht diese unternehmerische Denkweise nicht in Widerspruch zur französischen Kultur des starken Staats, wo die Politik, das Gemeinwohl vor der Wirtschaft und dem Privatsektor stehen?
Sie haben mich gebeten, über Innovation zu sprechen und über das ,was sich in Frankreich verändert und ändern kann. Ich antworte Ihnen mit meinem Charakter, meiner Denkweise, die der eines Kapitalisten entspricht. Ja, ich bin ein Kapitalist und das ist kein Problem. Im Gegenteil, denn Frankreich ermöglicht den Unternehmern von morgen zu wachsen. Wir haben eine freie Presse. Wir haben soziale Sicherheitsnetze, wie zum Beispiel den Solidaritätsfonds fürs Mindesteinkommen (RSA). Das System bietet Unterstützung und Hilfe. Umso besser. Meine Rolle ist es, die Lust zu gestalten und zu produzieren anzustossen. Die Jungen zu motivieren. All dies ohne zu vergessen, dem Staat Fragen zu stellen. Zum Beispiel, warum ist das Niveau der Bildung je nach Quartier so unterschiedlich? Ein echtes Thema. Die Gleichheit in der nationalen Bildung existiert nicht mehr. Die Debatte über die Qualität des Bildungswesens kommt im Wahlkampf leider zu kurz.

Viele Jungunternehmer behaupten, dass es in Frankreich nach den ersten Jahren sehr schwierig wird. Frankreich könne zwar inkubieren, aber nicht beim Wachstum mithelfen. Ein französisches Problem?
Ich kenne diese Sichtweise und werde hier knallhart: Ich kenne keine guten Ideen, gestützt durch einen guten Business Plan, die keine Finanzierung gefunden haben. Es hat enorm viel Geld auf der Welt. Zu viel. Der, der das neue Google erfindet wird durchstarten. Daran habe ich keinen Zweifel. Ich investiere weltweit in zwei oder drei Startups pro Woche. Aber die Franzosen müssen die Augen öffnen: Der Markt ist global. Und die Mortalität von jungen Unternehmen gehört zur Realität. Wir sind nicht mehr unter uns.

Werden Sie gehört? Marine Le Pen, Favoritin in den Umfragen für den ersten Wahlgang, möchte die Grenzen schliessen. Jean-Luc Mélenchon ist ihr auf den Fersen…
Die Realität der digitalen Welt widerspricht vollkommen den Thesen der Extreme. Jeder Computer, der ans Internet angeschlossen wird, beweist, dass alle protektionistischen Überlegungen keinen Sinn machen. Die wirtschaftliche Herausforderung für Frankreich ist es, im Herzen Europas Indien, China oder die USA zu konkurrieren. Darum ist unsere Einheitswährung so wichtig. Wir sprechen verschiedene Sprachen. Wir haben verschiedene Geschichten, verschiedene Kulturen. Mehr noch, verschiedene Steuersysteme. Unser Hauptvorteil ist es also, dass die Zivilgesellschaften Europas sich austauschen, permanent verbunden bleiben. Und diesem grossen Markt, der sich finanzpolitisch normalisieren wird, Leben einhauchen. Wir brauchen den europäischen Rahmen und die europäische Struktur, da diese es uns erlauben Wertschöpfung zu generieren. Ein Land, oder zwei Länder, ja sogar Frankreich und Deutschland, können keinen Unterschied mehr machen. Ein isoliertes Land produziert Arbeitslosigkeit. Wir müssen versuchen für das XXII. Jahrhundert zu gestalten, statt unsere Energie und unsere Behörden darauf zu verschwenden, sich ein franko-deutsches Google auszudenken.

Sie blenden das grosse Problem der digitalen Wirtschaft aus: Sie generiert viel weniger Arbeitsplätze als die Industrie. Darum die Verlockungen, das «Made in France» zu revitalisieren…
Die digitale Wirtschaft generiert Arbeitsplätze. Unsere Studenten der Ecole 42 finden ohne Weiteres gut bezahlte Jobs. Die entscheidende Frage ist, ob die angebotenen Ausbildungen der effektiven Nachfrage entsprechen. Falls nicht, produzieren Sie Arbeitslosigkeit. Ich behaupte nicht, dass die globalisierte Wirtschaft ein Paradies sei. Man kann nicht überall perfekt sein. Aber es ist möglich seine Spezialisierung zu finden, sie auszubauen, als Land zu bestehen, als wirtschaftlicher Akteur, als innovative Gesellschaft.

Indem sie sich gegen die EU entschieden hat, hat die Schweiz sich einem Teil dieser Entwicklung hin zu mehr Integration verweigert. Eine weise Entscheidung?
Es wird in der Welt immer Länder geben, die sich dem entziehen. Die Schweiz ist nicht in der EU, aber ihr Ökosystem ist offen und nahe bei den anderen europäischen Ländern. Ehrlich gesagt, sehe ich keinen Unterschied. Man kann sich ausserdem fragen, ob ein Land wie die Schweiz, das sehr an seiner Neutralität und der direkten Demokratie hängt, seinen Platz in der Union gefunden hätte. Die Schweiz liegt gesamthaft gesehen in der besseren der zwei Welten. Die Schweizer haben sich geweigert ihre gut verwalteten Kassen einer kostspieligen Gemeinschaft anzuvertrauen. Das ist verständlich und eine gesunde Vorsicht.

Eine aktuelle Umfrage besagt, dass 40 Prozent der Franzosen nicht gegen ein autoritäres Regime wären. Disziplin, Ordnung, Stabilität…. unterstützen Sie das?
Machen Sie Witze? Die Demokratie ist das beste System für die Entfaltung der Individuen, der Unternehmen und unserer Gesellschaften. Ich bedauere es, dass man dies in Frankreich ab und zu vergisst. Klar, es gibt auch die Attentate, die Bedrohung, die Ängste. Ich befürchte aber, dass dieser Wahlkampf die perfekte Echokammer für die Ängste der Franzosen wird.

Sie haben in der Schweiz in Salt investiert. Stellt für Sie die Beteiligung der Eidgenossenschaft an Swisscom weiterhin ein Problem dar?
Sie stellt für mich kein Problem dar. Sie ist ein Problem. Ich bin für Konkurrenz. Die Mehrheitsbeteiligung der Eidgenossenschaft an Swisscom verfälscht diese Konkurrenz. Das ist weder gerecht, noch ist es gut für den Kunden. Ein modernes und offenes Land sollte nicht so funktionieren.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Schwesterblatt «Le Temps» unter dem Namen «Xavier Niel: En France, la société civile a plus de poids que les décisions politiques». Übersetzung: Marco Brunner.

 

Anzeige