Ein starkes Stück: Der neue CEO von Siemens Schweiz, Siegfried, genannt Sigi, Gerlach, gesteht im Lauf des erheiternden Gesprächs, dass er als Sechsjähriger eine «kriminelle Handlung» begangen habe. «Das kam so. Ich tummelte mich lieber auf Baustellen herum, alles andere faszinierte mich weniger. Das galt speziell für die Hausaufgaben. An einem Elternabend fragten mein Vater und meine Mutter die Lehrer etwas irritiert, ob es nicht auch wichtig sei, den Kindern Denk- und Schreibarbeiten in der Freizeit aufzubrummen. Sie erfuhren, dass sie selbst immer wieder Entschuldigungen für das Nichterledigen der mir lästigen Pflicht signiert hatten.»

Erster und letzter «Tolggen»

Das war zugleich der erste und der letzte «Tolggen» im Reinheft Gerlachs, der über dieses Bekenntnis hinaus für viele Überraschungen gut ist. Zum Beispiel absolvierte er jüngst einen Tanzkurs. Normalerweise müssen Männer in unseren Breitengraden von ihren Gattinnen zum Tanzen geradezu geprügelt werden. Nicht so er. «Wir hatten ein Siemens-Seminar in Mallorca. Dort wurden wie üblich Zusatzprogramme geboten. Unter anderem war eine Demonstration von Profitänzern darunter.»

Das hatte ihn zwar bislang nicht sonderlich interessiert. Aber als Gerlach, der ursprünglich Sportlehrer werden wollte, erkannte, wie sehr das Tanzen alle Muskeln fordert und durchblutet, war sein Entscheid gefällt.

Schon als Bub hatte er seine eigene Olympiade durchgeführt. «Mit Medaillen, die wir aus Karton und Schnüren bastelten.» Und mit dem Tanz hat der passionierte Fechter, Radrennsportler und Leichtathlet nun eine neue Möglichkeit entdeckt, seinen Steckenpferdstall zu erweitern und erst noch überflüssige Pfunde loszuwerden.

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Wie viele seiner Kollegen in den obersten Chefetagen achtet auch er darauf, trotz vieler kulinarischer Versuchungen nicht aus der Form zu fallen. Kommt erschwerend hinzu, dass er selber ein begeisterter Hobbykoch ist. Er gehörte einer speziellen Gilde von Gleichgesinnten an, die sich bei der Gründung ihres Klubs auf die Fahne geschrieben hat: «Bei jedem Treffen ein vollständiges Menü und jedes Mal eine neue Kreation.»

Neue Richtlinien eingeführt

Jetzt ist er dabei, eine neue Herausforderung zu meistern: Er will Siemens Schweiz in ein ruhigeres Fahrwasser führen. «Als Folge der Korruptionsaffäre haben wir neue Antikorruptionsrichtlinien eingeführt, verbunden mit Organisationsänderungen, neuen Prozessen und einem breit ausgelegten Schulungsprogramm. Das war für viele mit einem zusätzlichen Aufwand verbunden. Dass wir auch unter diesen erschwerten Bedingungen erfolgreich arbeiteten, ist Beweis genug, dass wir den Kundenfokus nie aus den Augen verloren haben», sagt er, wenn von den Turbulenzen in den Chefetagen die Rede ist.

Gerlach scheint ein Mensch zu sein, der sich auch durch solche Vorkommnisse nicht aus der Bahn werfen lässt und sein eigenes Gleichgewicht gefunden hat: Er hat längstens praktiziert, was heute unter dem Schlagwort Work-Life-Balance verkauft wird, und so sitzt heute mitnichten ein Technikfreak auf dem CEO-Stuhl, sondern ein Zeitgenosse mit breit gefächerten Interessen.

Was da nur alles auf seinem Büchertisch liegt: Zum Beispiel «Die dunkle Seite des Mondes», «Business Class» oder «Der letzte Weynfeldt», alle von Martin Suter.

Warum er ein Faible für diesen Autor hat, erklärt sich, sobald man mit ihm über seine Passion spricht: Gerlach liebt gründlich recherchierte, präzise und elegant geschriebene Geschichten – quasi Extrakte aus Belehrung, Spannung und Vergnügen.

Gerlach könnte mit Max Frisch sagen: «Das Zufällige ist immer gerade das, was einem zufällt.» Nichts war vorbestimmt in seinem Leben. Er hat, aufgrund der eingangs geschilderten Aversion gegen Hausaufgaben, nicht einmal den Sprung ins Gymnasium auf Anhieb geschafft. Und auch in der Realschule blieb er nicht vor einem blauen Brief verschont.

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Doch dann tat er den Knopf auf

Aber dann geschah etwas, das man im gemeinen Sprachgebrauch als «Auftun des Knopfes» bezeichnet. Das ist in vielen Fällen ein Wunschtraum für Eltern, deren Sprösslinge sich nicht nach ihren Erwartungen entwickeln. Bei Gerlach zündete dieser Funke in einer drehbuchreifen Art: Mitten im Schuljahr fiel offenbar der Groschen. Er erinnert sich noch ganz genau. «Es war an einem Nachmittag, an dem ich über meine Zukunft nachdachte und zum Entschluss kam, es doch einmal auf der akademischen Schiene zu probieren.»

Also ging Gerlach ins Geschäft, wo sein Vater arbeitete. Er meldete sich – ordnungsgemäss – im Foyer an und der Portier bat seinen Vater in die Lobby. Dieser – nichts Gutes ahnend – war sofort zur Stelle, um zu vernehmen, dass sein Sohn sich entschlossen habe, ins Gymnasium überzutreten. «Ruf doch mal den Schulleiter an», riet ihm Gerlach jun. Der wahrscheinlich verdatterte und gleichzeitig erfreute Vater tat dies – mit Erfolg. Der Leiter dieser Institution knöpfte sich den Jungen vor und fand ihn gymnasiumstauglich – wie gesagt, mitten im Studienjahr.

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Das war der erste «Zufall», der Siegfried Gerlachs Karriere prägte. Und in diesem Stil ging es weiter – bis zu seiner heutigen Position, die nach all den Turbulenzen im Hause Siemens keine einfache ist.

Gerlach liebt eine klare und deutliche Sprache. «Ich hatte einfach Dusel», sagte er, darauf angesprochen, wie er denn während seines Studiums der Mathematikwissenschaften in den USA gelandet sei. «Meine damalige Freundin war unverhofft krank und bat mich, ihre Applikationsschriften für ein Stipendium an der entsprechenden Stelle einzureichen. Dort entdeckte ich ein Poster, das für Stipendien für Mathe-Studierende warb. Das war meine Chance. Ich wurde darüber informiert, dass der Tag für die Anmeldung soeben abgelaufen sei. Aber man drückte ein Auge zu.» Und so schaffte er es, die abgelaufene Deadline-Hürde locker zu überwinden.

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Immer wieder einen neuen Kick

So begann für ihn eine Zeit in den Staaten, die ihn geprägt hat. Denn jetzt kam eine weitere Weichenstellung, ohne die er heute bestimmt nicht im schweizerischen Headquarter von Siemens, sondern in «irgendeiner verstaubten Professorenklause» sässe, wie Gerlach das schmunzelnd formuliert.

Und das kam so: Obwohl er selbst immer noch von der Idee beseelt war, eine Mathematik-Koryphäe zu werden, hat sein Professor, Arnold Kas, diesen Höhenflug jäh gestoppt: Ob er denn wirklich im Elfenbeinturm versauern wolle, fragte er Siegfried Gerlach.

Den darauffolgenden Rat, doch besser in die Industrie zu gehen, hat Gerlach nicht nur befolgt, sondern auch erfolgreich umgesetzt. «Ich finde es nicht selbstverständlich, dass man immer wieder auf Menschen trifft, die einem im richtigen Moment einen Kick verpassen», sagt Gerlach rückblickend.

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Das gilt ebenso für seine nächste Berufsstation, die ihn dorthin katapultierte, wo er heute ist. Bei der Siemenstochter CGK, der Computer Gesellschaft Konstanz, fiel er dem damaligen Chef von Siemens Nixdorf, Gerhard Schulmeyer, auf. Dieser suchte gerade ein paar kluge Köpfe, um einen Turnaround zu lancieren. Gerlach wurde «Cultural change agent», ging danach durch sämtliche Stahlbäder und wurde schliesslich für gut befunden. Mit anhaltendem Erfolg: Zuerst als Leiter der Entwicklungsabteilung, dann der Bahntechniksparte und schliesslich des ganzen Restes.