D ie Irrungen und Wirrungen der letzten Monate sind an den Mitarbeitenden nicht spurlos vorbeigegangen. Die Firma liegt stimmungsmässig am Boden.» So beschreibt Thomas Vollmoeller die Atmosphäre bei Valora. In der Tat: Valora hat lange für negative Schlagzeilen gesorgt: Ungenügende Rentabilität, zahlreiche Wechsel bei Kaderleuten und Verwaltungsräten. «In Sorge um ihren Arbeitsplatz sind die Leute verunsichert. Sie warten auf Führung, auf Richtung.» Und diese Richtung will der neue CEO nun vorgeben. «Ich kann und will etwas aufbauen. Ich profitiere von der Gunst der späten Geburt.»

Vom Unternehmen ist er begeistert, und diese Begeisterung will er an seine Mitarbeitenden weitergeben. «Die Lage ist bei Valora deutlich besser als die Stimmung. Das Unternehmen ist Klasse. Es verdient Geld, ist nicht verschuldet und hat eine grosse Zukunft vor sich. Ich möchte diese Firma zu neuer Grösse führen.» Er will, dass die Leute stolz sind, bei Valora zu arbeiten.

Stolz präsentiert er sich am Kiosk und möchte mit einer «Handelszeitung» für den Fotografen posieren. Doch die «Handelszeitung» liegt am Mittag noch nicht auf. Peinlich für Valora. Vollmoeller muss nicht nur die Stimmung verbessern, sondern auch den Pressevertrieb. So lässt er sich mit seinem Lieblingsblatt, der «Süddeutschen Zeitung», fotografieren.

Anzeige

Er unterschreibt als TV

In nächster Zeit will er das Metier von der Pike auf kennen lernen und für ein bis zwei Tage in die Rolle einer Kioskfrau schlüpfen. «Aber weit weg von Muttenz, damit ich unerkannt bleibe.» Im Kiosk stellt er sich wie ein Fotomodel neben die Kaffeemaschine. Da fühlt er sich besonders wohl als ehemaliger Tchibo-Manager. «Ich habe viel über Models gelernt, als ich mit meinen Töchtern ‹Germanys next Top Model› im TV schaute», lacht er. Obwohl er seine Mails mit dem Kürzel TV unterschreibt, liest er lieber ein Buch, als vor dem Fernseher zu sitzen. Zurzeit wird er mit Büchern von Martin Suter überhäuft. «Offenbar will man, dass ich die Schweiz kennen lerne.»Und wie sind die Schweizer? «Sehr unterschiedlich: Grundsätzlich sind sie zurückhaltend, sie können aber auch sehr temperamentvoll sein.» Man sieht hier zum Beispiel den temperamentvollen Valora-VR-Präsidenten vor sich, den Tessiner Rolando Benedick.

Ein bisschen Schweiz hat er bereits kennen gelernt. An der Hochschule in St. Gallen krönte er sein Studium mit der Dissertation «Die Veränderung der Nahrungsmittelindustrie im Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft am Beispiel Tschechien, Ungarn und der DDR ».

Misstöne beim Tchibo-Abgang

Er empfindet die Schweiz als ein leiseres Land. «Die Schweizer sind nachdenklicher, bedachter, überlegter, und das ist gut so.» Er selbst passt nicht in das Klischee des arrogant wirkenden Norddeutschen. Er ist ein Chef zum Anfassen. So greift ihm der Fotograf ungeniert durch die Frisur, um ein paar kecke Haare zu glätten.

Gleich nach dem Studium heuerte Vollmoeller bei McKinsey an. Zehn Jahre später wechselte er zu Tchibo. Sein Abgang nach wiederum zehn Jahren bei Tchibo im Frühling 2008 blieb nicht ohne Nebengeräusche. «Im gegenseitigen Einvernehmen», wie es floskelhaft heisst. Man war sich nicht einig über die strategische Ausrichtung, mehr will Vollmoeller nicht verraten. Er gibt zu bedenken, dass drei von fünf Vorstandsmitgliedern in kurzer Zeit das Unternehmen verlassen haben. Trotzdem liebte er den Job: «Es war eine fantastische Zeit. Jede Woche eine neue Welt – das passt mir.»

Anzeige

Was auch seine langjährige Sekretärin bei Tchibo, Jutta Garcia, bestätigt: «Immer neue kreative Ideen zu entwickeln. Das liegt ihm. Er ist sehr offen, hört gerne zu und vor allem ist er sehr menschlich.» Hat sie auch Kritikpunkte? «Er ist sehr emotional und impulsiv», lacht sie. Dabei könne er schon mal lauter werden, würde sich danach aber entschuldigen. Man dürfe das nicht persönlich nehmen.

Am Morgen hat sie manchmal geschaut, ob er sich über etwas geärgert hat oder unter Druck war und dann hat sie lieber nur via Zettel mit ihm kommuniziert. «In solchen Situationen, ist es besser, ihm aus dem Weg zu gehen.» Mit impulsiven CEO hat Valora bereits Erfahrungen: Vollmoellers Vorgänger Peter Wüst sei auch schon laut geworden, wie Mitarbeitende und selbst Kunden erzählen.

Vollmoellers ehemalige Sekretärin lobt, wie speditiv er die Arbeiten erledigt und sich auch persönlich um Mitarbeitende kümmert, wenn private Sorgen drücken. Es hat ihr imponiert, wie er im Intranet geschrieben hat: «Ich werde niemals mein persönliches Glück aufs Spiel setzen.» Als analytischer Schnelldenker mit Leidenschaft, der Mitarbeitende bestens motivieren kann, hat ihn Sonja Hürlimann, eine andere Mitarbeiterin bei Tchibo, erlebt.

Anzeige

Zurzeit wohnt der neue Valora-Chef in einem Hotelzimmer in der Nähe von Muttenz und sucht dort eine kleine Wohnung. Die Familie bleibt vorerst in Hamburg, wohin er jedes Wochenende fliegt. Die Wochenenden sind ihm heilig, die gehören seiner Familie. Als er noch bei Tchibo arbeitete, habe er seine Familie unter der Woche auch nicht so viel gesehen, gibt er zu bedenken. Er freut sich auf die Sommerferien in der Toskana. Seine Familie ist ihm so wichtig, dass er sich diese Ferien nicht nehmen lässt, obwohl er erst einige Wochen Valora-Chef ist.

Auch Bücher sind ihm sehr wichtig. Schliesslich hat er seine Frau zum erstenmal in der Bibliothek in Stuttgart getroffen, als Student. Sie arbeitet heute als Marketingleiterin bei Beiersdorf.

Aufgewachsen ist Vollmoeller in Kiel. Sein Vater war dort Medizin-Professor für Nasen/Ohren/ Hals und wollte, dass sein Sohn auch Arzt werde. «Er konnte nicht verstehen, dass ich nicht Medizin studierte.» Vollmoeller war ein guter Schüler, aber er will nicht als Streber gelten. «Ich sass immer in der hintersten Reihe.» Nach der Matura besuchte er die Berufsakakemie der IBM in Stuttgart. Hinterher studierte er Wirtschaftswissenschaften.

Anzeige

Optimismus im Turnaround

Die ersten Schritte zur Verbesserung der Stimmung bei Valora seien eingeleitet. Der Konzern ist nun in Muttenz konzentriert, die Standorte in Wallisellen und Bern wurden aufgehoben. «Die Führung muss dort sein, wo die Mannschaft ist», sagt Vollmoeller. Kein Wunder, habe die Mannschaft vorher ein Eigenleben geführt. Er hat die Mitarbeitenden aufgefordert, ihm ihre Wünsche zu mailen. Jeder vierte hat ihm geantwortet. Und welcher Wunsch wurde am meisten geäussert? «Wenn ein Entscheid gefällt wurde, dann soll er auch umgesetzt werden.» Was einiges über das bisherige Management aussagt.

Und was ist der Motor seines Wirkens? «Ich bin begeisterungsfähig und will Menschen begeistern. Ich bin kein Weltverbesserer oder Sonnenkönig, der Freude an der Macht hat. Ich bin optimistisch.» Selbst Rückschlägen wie der vor kurzem bekannt gegebenen Trennung von Migros und Valora weiss er Positives abzugewinnen. «Wir können nun unseren Weg gehen ohne langwierige Absprachen über Sortimente, Preise oder Produkte.» Bereits hegt er mit den Avec-Shops Pläne, ins Ausland zu gehen und verspricht bis 2009 insgesamt mehr als 100 Avec-Standorte. Heute gibt es erst 38 Avec-Läden.

Anzeige

Er ist froh, dass die fünf Produktionsbetriebe nun alle verkauft sind und er sich ganz auf das Kerngebiet der drei Geschäftsfelder Retail, Media und Trade konzentrieren kann. In zwei oder drei Jahren werde Valora ganz anders dastehen. Er ist überzeugt: «Die Stimmung wird gut sein.»