Wer dem Unternehmer Peter Jakob zuhört und seine Fotos anschaut, wähnt sich in einem Tourismusbüro. Denn die Architekturseile der Firma Jakob verspannen und schützen weltweit Sehenswürdigkeiten aller Art: Die spektakuläre Volière des Zoos in Buenos Aires, die Zoogehege von Frankfurt und Basel, das riesige Schwebedach des Flughafens Bangkok, den Eiffelturm, das Zentrum Paul Klee in Bern ebenso wie die Überbauung Sihlcity in Zürich.

Ob Seil oder Netz, ob vertikal oder horizontal, die Präzision der Stahlelemente bewegt sich trotz gigantischer Ausmasse im Millimeterbereich. «Bei der Sicherheit gilt die Null-Toleranz», stellt Jakob klar. Das neuartige Baumaterial wird weltweit geschätzt: «Wir liefern unsere Produkte in mehr als 50 Länder», erzählt der Seilhersteller beim Firmenrundgang. Rund 30 000 Aufträge wickle man ab pro Jahr. Die Hälfte der Produkte liefere man ins Ausland.

Am Anfang Sisal- und Hanfseile

Seit die Jakob AG die Nische der Architekturseile entdeckt hat, behauptet sich der traditionelle Familienbetrieb im internationalen Markt. Das ist erstaunlich, hatten Grossvater Hans Jakobs Sisal- und Hanfseile doch noch dafür gesorgt, dass die Emmentaler Kühe kurz angebunden, des Bauern Lasten gut gesichert und die Strohgarben auf dem Feld ordentlich geschnürt wurden. «Die damalige Ware war billig und in der Handhabe nicht anspruchsvoll», erzählt der Firmeninhaber der dritten Generation. Sein Vater und sein Onkel hatten erste Stahlseile aus Deutschland importiert und später selber produziert. Eine geistige Öffnung, welche der Seilerei in Trubschachen das Überleben sicherte.

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Peter Jakob spricht mit Respekt von der Leistung seiner Ahnen, lebt und arbeitet er doch in einer Region, die trotz erstaunlicher Einzelleistungen einiger Firmen zu den Verlierern gehört: «Fast alle Emmentaler Gemeinden ausser Langnau verlieren Arbeitgeber, Einwohner und Einkaufsmöglichkeiten.» Was macht Ihren Erfolg aus, Herr Jakob? - «Auf den Menschenschlag ist Verlass», freut sich der Arbeitgeber von 60 Einheimischen. «Der typische Emmentaler ist genügsam, belastbar, solidarisch und stolz auf seine Arbeit.»

«Ein Haus ist kein Schiff!»

Offensichtlich sind die Emmentaler auch kreativ. Diebische Freude ist aus Jakobs Stimme zu hören, wenn er sagt, seine Firma sei zwar die kleinste, aber auch eine der innovativsten seiner Branche: «Allein überleben zu müssen ist eine ungeheuer starke Antriebsfeder», weiss der Unternehmer nach 26 Jahren. «Uns half niemand, also halfen wir uns selbst.»

Ein Schlüsselerlebnis sei eine Geschäftsreise nach Skandinavien gewesen: «Unsere Preise lagen 1986 bis zu 65 % über dem Wettbewerb. Das war unglaublich frustrierend. Aber es hat uns auf neue Ideen gebracht!» Man habe unverzüglich die Beschaffung optimiert und eine «Geisterschicht» eingeführt: «Unsere Maschinen liefen jetzt auch nachts, was unsere Kosten optimierte. Und mit unseren neuen Produkten sprachen wir Metallbauer, Schlosser und Architekten an.»

1988 umfasste der Warenprospekt zum Bereich Architekturseile der Jakob AG sechs Seiten. Dann schlugen die Nischenprodukte ein. An der Münchner Baumesse 1994 habe man ihm die Kataloge aus der Hand gerissen: «Wir wühlten damals die Branche auf.» Heute ist nur die mehrsprachige Website fähig, ständig die neuste Produktepalette aufzulisten. «Uns hat geholfen, dass sich die Architektur ins Filigrane und Transparente hinein entwickelte: Man brauchte unsere Metallseile in Kombination mit Glas für Geländer und Balkone.»

Nach so viel Eigenlob wird Peter Jakob bescheiden, wie es seinem Charakter entspricht, und betont: «Wir haben das Drahtseil nicht erfunden, sondern es als Element dem Schiffbau entlehnt, wo es als Mastverspannung und Reling dient. Und doch brauchten wir Erfindergeist, denn ein Haus ist kein Schiff!»

Wer weltweit kommuniziert, muss Sprachen beherrschen. Daher geniessen die 60 Emmentalerinnen und Emmentaler wie auch die 160 Vietnamesen von der Produktionsstätte in Saigon kostenlosen Englischunterricht in der Firma. «Wir können heute an jedem Punkt der Welt eine Baustelle leiten, sofern Englisch verstanden wird», erzählt Peter Jakob freudig.

Was aber verbindet Saigon mit Trubschachen? Um Kosten zu senken, testete die Jakob AG 2003 die robotergestützte Netzproduktion. Doch dieser Versuch misslang. Kurz nach dieser Enttäuschung radelten Peter und Pia Jakob mit ihren drei Kindern durch das Mekongdelta. Am Strassenrand stachen dem Unternehmer die flinken Hände der Vietnamesinnen ins Auge, welche in Windeseile Süssigkeiten verpackten und sauber stapelten. «Da wusste ich sofort: Diese Hände eignen sich perfekt für unser Seilerei-Handwerk!»

Gesagt, getan: Kaum war die Niederlassung gegründet, reisten die ersten Vietnamesen ins tiefe Emmental zur Ausbildung. Sie lernten rasch, aus rostfreien 1 bis 3 mm dünnen Drahtseilen elastische Netze zu pressen, wie sie zum Schutz vor Tieren und von Selbstmördern an Bauwerken angebracht werden.

Hightech und Handarbeit

Seit 2009 fabriziert der brandneue Standort Jakob Saigon Ltd Drahtseile in Schweizer Qualität und liefert sie ins Mutterhaus oder direkt auf die Baustelle. Dass die Fabrikate zu weltweit identischen Preisen vertrieben werden, macht Peter Jakob stolz. Ebenso, dass Saigon von Vietnamesen geleitet wird. Ein Film namens «Hüben & Drüben, eine Firmenphilosophie - zwei Standorte» zeugt von der Symbiose beider Firmen und vom gegenseitigen Wissensaustausch.

Das globale Handeln und die Exportstrategie haben Peter Jakob unvermittelt ins Schlaglicht katapultiert. 2009 wurde er mit dem Unternehmerpreis Espace Mittelland ausgezeichnet. Es war ihm offensichtlich unangenehm, vor den Kameras auf der Bühne zu stehen. Wie ein Mantra wiederholte er vor den 1000 Gästen, der Preis sei nicht sein Verdienst, es handle sich um eine Teamleistung.

Tatsächlich sind Firma und Mitarbeitende einander ausgesprochen treu: «Wer nach der Lehre zu uns stösst, wird oft bei uns pensioniert. Entlassungen und Kurzarbeit kennen wir nicht. Bei uns arbeiten auch auffallend viele Mitglieder gleicher Familien», berichtet Jakob und richtet beim Firmenrundgang an jede Person ein paar persönliche Worte. Auch erhalte er viele wilde Bewerbungen.

Erlebnispark geplant

Kennt die Jakob Rope Systems, wie sie neu heisst, keine Krisen? «Oh doch», gesteht der Inhaber. «Der Prozess zum Sieg war teilweise schmerzhaft: Wir haben am Anfang grausam Lehrgeld bezahlt für unsere Exporttätigkeit.» Und die Administration mit Zoll und Steuern bereite ihm heute noch Bauchweh. Zudem solle man den Kopf nie zu hoch tragen, warnt Jakob: «2008 war mit 30 Mio Fr. Umsatz unser Rekordjahr. Doch wer weiss, vielleicht stehen wir heute auf dem Höhepunkt unseres Schaffens ...»

Vorsicht und Vernunft hindern den Unternehmer nicht daran, das von einer futuristischen Fabrik dominierte Firmengelände mittelfristig in einen halb-öffentlichen Erlebnispark umzugestalten. Das Motiv? «Unseren Kunden helfen wir, atemberaubende Zoos, fassadenhohe Weihnachtsbeleuchtungen und immergrüne Pergolas mit 1200 Pflanzen zu bauen. Es ist an der Zeit, dass wir hier an Ort zeigen, wozu wir fähig sind.» Da Peter Jakob seit Kurzem den Langnauer Schlittschuhclub SCL Tigers präsidiert, träumt er von einer Leuchtschrift, die im geplanten Park über seine Drahtseile saust: «Die Seilerei Jakob gratuliert den SCL Tigers zum Meistertitel!»