Als Thomas Seiler 2002 als neuer CEO zu u-blox stiess, war die Situation des Unternehmens ungemütlich. Die Krise von Benefon und der darauf folgende Konkurs des finnischen Handyanbieters brachte auch die Thalwiler Satellitentechnologiehersteller in Schieflage. Von den Finnen hatte man den Auftrag für Empfänger eines ersten GPS-Handys erhalten und bereits grosse Mengen von Modulen vorproduziert.

«U-blox schrieb damals hohe Verluste und war auf Gedeih und Verderben von den Investoren abhängig. Es ging darum, nach dem nötigen Kapitalschnitt das Vertrauen zurückzugewinnen», erinnert sich Thomas Seiler an seine Anfänge bei u-blox. Trotz allen Schwierigkeiten sei die Begeisterung beim Hersteller von GPS-Chips gross gewesen, weil man kurz vor der Lancierung eines neuartigen Chips stand, der einen Grossteil der Kapazitäten band. «Zunächst war es meine Aufgabe, die Struktur anzupassen, die man in der Euphorie aufgebaut hatte, und zu beweisen, dass wir alles dafür taten, um wieder schwarze Zahlen zu schreiben», so Seiler über jene Tage.

Einschlägige Erfahrung

Mit Bedacht war der heute 51-Jährige als externer CEO von den Investoren – darunter die Partners Group und die ZKB – und den Firmengründern ausgewählt worden. Weil er den nötigen Rucksack für die Sanierung mitbrachte. Der Maschineningenieur ETH mit einem Nachdiplomstudium in Energietechnik an der ETH Lausanne sowie einem MBA der Managerschmiede Insead in Fontainebleau bei Paris arbeitete zunächst während vier Jahren als Unternehmensberater, unter anderem bei Geilinger in Winterthur. «Eine lehrreiche Zeit – allerdings auch ziemlich frustrierend, weil ich doch sehr viel für die Schublade produzierte und mich eigentlich das Unternehmerische mehr interessierte», so Seiler.

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Es folgte der Eintritt in die Elektrowatt-Gruppe und dort der Chefjob bei Melcher in Uster, die er zu einer weltweit tätigen Firma entwickelte. An der Spitze von Melcher habe er sämtliche Dimensionen der Unternehmensführung erlebt bis zum von ihm initierten Management-Buyout, damals, als die Elektrowatt-Gruppe aufgelöst wurde und Unklarheit über die Zukunft der verschiedenen Gruppengesellschaften herrschte.

Nach dem erneuten Verkauf der Melcher übernahm Seiler die Führung des in der Messtechnik tätigen Winterthurer Familienunternehmens Kistler mit 600 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von mehr als 100 Mio Fr. Kistler war damals ein stark vertikalisiertes Unternehmen mit hoher Fertigungstiefe. «Das pure Gegenteil von u-blox, einer Firma ohne Fertigungstiefe, nur mit intelligenten Köpfen, wo alle repetitiven Funktionen ausgelagert sind», vergleicht Seiler. Und doch sei es für ihn bis heute sehr wertvoll, auch das Andere erlebt zu haben.

Gelungener Turnaround

Mit diesen Erfahrungen liess sich Seiler also auf das Risiko ein und übernahm den Job bei u-blox, «weil ich fasziniert war vom Marktpotenzial und den ausserordentlichen Fähigkeiten dieser Ingenieure.»

Ein Schritt, den er nicht bereuen sollte. Dank dem hervorragenden Technologie-Know-how und dem Willen auch der Firmengründer, schmerzhafte Schritte einzuleiten, gelang die Sanierung und darauf Schritt für Schritt die erfolgreiche Internationalisierung.

Im Nachhinein erachtet es Seiler als Vorteil, dass er von aussen kam, wäre der ganze Prozess doch für die heute noch gemeinsam mit ihm die Geschäftsleitung bildenden Firmengründer Andreas Thiel, Daniel Ammann und Jean-Pierre Wyss ohne externe Hilfe kaum erfolgreich zu meistern gewesen. «Aber natürlich mussten immer alle Ja sagen. Ich konnte nur die Funktion des Coach wahrnehmen», meint Seiler im Rückblick.

Seine heutige Rolle im Unternehmen mit weltweit 100 Mitarbeitenden sieht er noch immer so. «Es geht darum, die verschiedenen Meinungen zusammenzuführen und zu einem Konsens zu bringen. Mit einem drakonischen Führungsstil wäre ich hier fehl am Platz. Dieses Unternehmen lebt davon, dass die Leute mit Begeisterung innovative Leistungen vollbringen und immer wieder mal auch über die Tischkante hinausblicken. Dieses Klima gilt es zu erhalten und zu fördern», ist Seiler überzeugt.

Als Glück bezeichnet er, dass drei der vier Firmengründer, die 1996 u-blox als ETH-Spin-off gründeten, noch heute im Unternehmen tätig sind. «Weil es hochqualifizierte Kollegen sind, die auch immer wieder bereit waren, neue Rollen zu übernehmen», sagt Seiler.

Seit dem 26. Oktober des vergangenen Jahres ist u-blox an der SWX Swiss Exchange kotiert. Seiler hat den Börsengang «als sehr spannenden und glatt verlaufenden Prozess erlebt, der uns einmal mehr gezeigt hat, dass diese Truppe gut harmoniert und sich alle enorm für dieses Unternehmen einsetzen». Gewohnt, international «zu kutschieren», wie sich Seiler ausdrückt, sei das Präsentieren der Firma vor Finanzgebern auf der ganzen Welt für ihn nichts anderes gewesen, als was er schon bisher gegenüber den Kunden gemacht habe. «Auch die Kunden investieren in uns, indem sie unsere Produkte kaufen. Es ging um dieselben Überzeugungselemente.» Der Börsengang «schärfte die Strategie und es hat unser Team noch einmal gestärkt», sagt Seiler.

Er lässt sich vom Umstand, nun unter Dauerbeobachtung der Finanzwelt zu stehen, nicht aus dem Konzept bringen. «Nur weil wir jetzt an der Börse sind, funktionieren wir nicht plötzlich kurzfristig. Es geht noch immer um die richtigen strategischen Ansätze und darum, diese operativ sauber umzusetzen», betont Seiler. Die grössten Veränderungen hätten ohnehin mit der allgemeinen Entwicklung im Industriesektor zu tun. Man müsse dem Kunden heute wesentlich mehr bieten als nur die Kerntechnologie.

Der vierfache Familienvater scheint überhaupt ziemlich stressresistent zu sein. Probleme, wie etwa die hängige Klage eines Lizenzpartners, bezeichnet er als «zusätzliche Herausforderung, die es zu managen gilt». Der u-blox-Chef schwört auf schlanke Strukturen und empfiehlt allen Unternehmensleitern, solche so lange als möglich aufrechtzuerhalten und für diese zu kämpfen, «weil sie einem das Leben erleichtern».

Drei Chefs in einem

Bei u-blox ist er nicht nur CEO, sondern gleichzeitig auch Marketing- und Verkaufschef. «Mit dem grossen Vorteil, dass ich sehr genau weiss, was im Markt abgeht, ganz abgesehen davon, dass mir diese Arbeit Spass macht», so Seiler. Zudem könne er so seine Vorbildfunktion besser wahrnehmen, indem er auch selbst sichtbare Leistung zeige. Offenheit und Ehrlichkeit sind für Seiler zentrale Werte, Hinterhältigkeit erträgt er schlecht. Wichtig ist ihm Kollegialität und, dass bei u-blox jeder mit jedem redet.

Firmengründer Jean-Pierre Wyss, heute CFO und Produktionschef lobt seinen CEO: «Thomas Seiler brachte insbesondere den Verkaufs- und Marketingbackground in unser Unternehmen und war entscheidend beim Aufbau unserer weltweiten Vetriebsorganisation beteiligt. Er ist pragmatisch und verbreitet mit seiner positiven Art viel Optimismus. Und nicht zuletzt strahlt er Konstanz aus, weil er kein «Job-Hopper» ist.»

Seiler wirkt ausgeglichen und unaufgeregt und scheint nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen zu sein. Dazu passt, dass er sich in seiner Freizeit gerne mit Kunst befasst. Nicht nur passiv. Er liebt es, Häuser zu gestalten und er spielt auf dem Klavier Jazz. «Aber nur für den Hausgebrauch», betont er.