Es hat mich kurz geschüttelt», gibt André Maeder zu. Kaum hat er seine Stelle bei Charles Vögele angetreten, ist die Hälfte des Verwaltungsrates auf Druck von Investoren zurückgetreten. Ausgerechnet diejenigen Verwaltungsräte, die ihn als CEO angestellt haben. «Doch ich bin zuversichtlich. Schliesslich haben mich die verbleibenden Verwaltungsräte ebenfalls gewählt.» Von ihnen hat er auch den Auftrag erhalten, eine neue Strategie für das Modehaus zu erarbeiten. Im Herbst soll diese stehen.

Ist sein Chefsessel ein Schleudersitz? «Das glaube ich nicht. Aber heute ist nichts mehr sicher. Die Verfallzeit eines CEO beträgt drei bis vier Jahre, und im Modebusiness dreht sich alles noch schneller», meint er. Nun steht Maeder vor der Herkulesaufgabe, den Konzern, der immer wieder Gewinnwarnungen meldete, zu drehen.

Maeder ist nicht der Managertyp, der mit forschem Auftreten das Alphatier markieren muss. Bei seinem Aufritt an der Generalversammlung von Charles Vögele im Frühjahr wirkte er so bescheiden und dienstbeflissen, wie man das von einem guten Verkäufer erwartet, nicht aber von einem Top-Manager. «Wie kann ich Ihnen dienen?», ist die nonverbale Botschaft, die er ausstrahlt. Das spürt man beispielsweise bei einem Augenschein in der Einkaufsabteilung in Pfäffikon: «Berühren Sie diesen wunderbaren Stoff!», schwärmt er und zeigt auf ein langes rotes Abendkleid mit grossem Ausschnitt. «Und dieses geblümte Kleid ist mein Favorit in dieser Saison. Ist diese dunkle Kinderskijacke nicht zum Verlieben?» Kein Verkäufer könnte die Kleider besser anpreisen als er. Schliesslich hat er dieses Metier auch von der Pike auf gelernt. Vor 34 Jahren hat er bei Schild in Bern seine Lehre als Verkäufer begonnen.

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Modemann mit «Poschettli»

Einen Anzug von Charles Vögele hat er immer noch nicht gekauft. Das will er in Zukunft nachholen, verspricht er. Etliche Hemden und auch einen Blazer von Charles Vögele besitze er aber bereits.

Beim Treffen trägt er einen Anzug von Hugo Boss, seinem früheren Arbeitgeber. Obwohl seine österreichische Lebenspartnerin, mit der er seit 15 Jahren zusammenlebt, als Stylistin arbeitet, wählt er seine Kleider selbst aus. «Jeden Morgen überlege ich mir, was ist die richtige Kleidung zum Anlass.» Dabei trägt er immer ein Poschettli. Das ist sein Markenzeichen. Auf seine Einsteck-Tüchlein ist er besonders stolz. «Ich habe eine Auswahl von 200 Tüchlein, das älteste ist 30 Jahre alt, das jüngste habe ich gestern gekauft, und ich habe noch nie eines davon weggeworfen.»

Shoppen gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Am Samstag schlendert er gerne durch Modegeschäfte, auch diejenigen der Konkurrenz wie C&A, PKZ und Grieder. «Das ist Freizeiterlebnis und Weiterbildung in einem.»

Stürmischer Genussmensch

In seiner Freizeit spielt Mader leidenschaftlich gerne Fussball. «Natürlich bin ich Stürmer. Ich will das Goal machen.» Demnächst spielt er in einem Charles-Vögele-Team. Auch Skifahren und Golfen gehören zu seinen Hobbys. «Das Golfen habe ich in England gelernt. Dort gehört das zum Alltag», wirft er ein. Um ja nicht den Verdacht zu erwecken, er könnte etwas Abgehobenem frönen.

Viermal pro Woche geht er auch in den Gym. «Das muss ich tun», meint er lachend und zeigt auf seinen Bauch. Schliesslich liebt er Schokolade, Spaghetti und ist auch einem Glas Wein nicht abgeneigt.

Seine frühere Sekretärin nennt als einzigen Kritikpunkt an ihrem Chef seine notorische Naschsucht. «Er liebt Schokolade, vor allem Pralinen», erklärt Andrea Herold, die fünf Jahre lang seine Sekretärin bei Hugo Boss war. Sie schwärmt von ihrem früheren Chef: «Er ist so kommunikativ und den Mitarbeitenden sehr nah, immer gut aufgelegt und positiv eingestellt. Und er verfügt über eine ungeheure Energie.» In der Tat: Maeder wirbelt durch die Einkaufs- und Verkaufsabteilung in Pfäffikon, geht mit Mitarbeitenden ungezwungen um und fragt sie um ihre Meinung.

Aufgewachsen ist Maeder in bescheidenen Verhältnissen in Muri bei Bern. Sein Vater war dort Bahnhofvorstand, starb aber bereits, als Maeder zehn Jahre alt war, an einem Herzschlag. Als 16-Jähriger ging er als Koch, Elektriker und Verkäufer nach Bern schnuppern. «Dabei wurde mir rasch klar: Ich wollte Verkäufer werden.» Leider waren die Lehrstellen bei Intersport und Schild, wo er Schnupperlehren absolviert hatte, bereits besetzt. Das Kleidergeschäft Schild offerierte ihm jedoch eine Volontärsstelle. So blieb er inklusive Lehre vier Jahre bei Schild in Bern. «Das war für mich eines der schönsten Geschäfte der Welt.»

Bereits mit 20 Jahren wurde er vom Leiter der Warenhauskette ABM in Pfäffikon als rechte Hand geholt. «Ich durfte bereits 85 Frauen führen. Das war der Start und Knackpunkt meiner Karriere.»

Seither ging es nur noch aufwärts auf der Erfolgsleiter. Maeder wurde als Filialleiter von PKZ in Winterthur angestellt, dann wurde er Einkäufer bei PKZ, später bei Charles Vögele, bis er den Sprung ins Ausland zum englischen Luxuswarenhaus Harrods schaffte. «Ich habe mich sofort in London, das Warenhaus und das Team verliebt. Mohammed Al-Fayed ist eine herzliche Persönlichkeit.»

Stets Lady Di zu Diensten

Im Warenhaus hat er auch mehrmals Lady Di bedient und ihr unter anderem Golfschläger verkauft. Auch andere Mitglieder der britischen Königsfamilie gehörten zu seinen treuen Kunden. Maeder führte in London 5000 Mitarbeitende, darunter 100 Köche und 60 Einkäufer. Er sei es gewesen, der Prada und Gucci zu Harrods gebracht habe. Doch mit der Zeit wurde sein Job zur Routine, zur Verwaltung. «Ich liebe es, zu verändern und Neues einzuführen.»

Von England ging er deshalb nach Deutschland zum Young-Fashion-Konzern S. Oliver, «einem vertikalen Retailer», und danach zu Hugo Boss, wo er die Marke und das Retailgeschäft vorantreiben konnte. «Als ich zu Hugo Boss kam, besass dieser keinen einzigen eigenen Laden. Als ich ihn verliess, gab es 300 Boss-Geschäfte.»

Weshalb hat er Hugo Boss verlassen? «Bei Hugo Boss war ich Nummer zwei. Ich will aber die Nummer eins sein.» So packte er die Chance, zurück in die Heimat zu kommen und Charles Vögele auf Vordermann zu trimmen.

«Es ist nicht entscheidend, ob Sie in einem Luxussegment oder in einem preissensiblen Geschäft arbeiten, entscheidend sind die Leute.» Und die passen ihm auch an seinem neuen Arbeitsort. In seinem Büro habe der Firmengründer Charles Vögele jahrzehntelang regiert. «Es ist für mich eine Ehre, hier das Chefbüro zu besetzen und eine so grosse, an der Börse kotierte Firma zu leiten.»

34 Jahre hat er im Modebusiness gearbeitet. «Mit Ausnahme des CFO habe ich alle Tätigkeiten in einem Modekonzern ausgeübt.» Maeder ist kein Zahlenmensch. «Die Zahlen habe ich aber im Griff», betont er. Täglich befasse er sich mit Umsätzen und Ergebnissen.

Maeder ist es wichtig, in der Nähe seines Arbeitsortes zu wohnen. Nur sieben Minuten trennen die Geschäftslokalität von seiner Terassenwohnung in Wilen mit Blick auf die Berge. Moderne Kunst, etwa eine afrikanische Lady in Bronze, und Möbel von Heinz Julen schmücken die Wohnung. «Mein Traum ist ein Mao-Gemälde von Andy Warhol.» Doch dafür fehlt ihm das Geld. So begnügt er sich mit dem Lesen der Biografie des Steuermannes Mao Tse Tung.

«Ich lese vor allem Biografien und immer auf Englisch», erklärt er. Mehr als zehn Bücher pro Jahr schaffe er aber nicht. Sein Geld gibt er vor allem für Reisen aus. Und welchen Vorsatz hat er sich für die Zukunft genommen? «Jeder Tag soll ein bisschen besser sein.»