Nicht etwa, dass sie exotisch aussieht. Sie ist naturblond, hellhäutig, fast zerbrechlich wirkend, aber geistig äusserst agil, sodass gar wache Zeitgenossen auf der Hut sein müssen, nicht unter ihre intellektuellen Räder zu geraten. Und vor allem: Sie ist total unkompliziert. «Es gibt in diesem Unternehmen keine Hierarchien», sagt sie nur. Das behaupten viele CEO, aber bei ihr lässt es sich leicht nachprüfen.

Dazu eine kleine Episode, die mehr über Barbara Artmann aussagt als alles, was sich nachher im Gespräch erfühlen lässt. Sie verschiebt kurzerhand den lange angesagten Termin. Das ist beim Gros der CEO nichts Aussergewöhnliches. Aber: In ihrem Büro, das gleichzeitig als Ausstellungs- und Abstellraum dient, hat sie nichts Spezielles vorbereitet - sieht man davon ab, dass sie rasch auf dem Weg ins Geschäft eine Ladung Magenbrot gekauft hat. «Damit hier niemand verhungert», sagt sie lachend.

Umgezogen hat sie sich auch nicht extra und geschminkt schon gar nicht. Alles völlig improvisiert. Und wenn ihr gesagt wird, dass man Magenbrot grässlich findet, lässt sie sich nicht beirren und sagt nur: «Ich finde das auch, aber es war um diese Zeit nix Schlaueres aufzutreiben.»

Da sitzt einem eine natürliche, quirlige Frau gegenüber. Sie trägt einen schwarzen Lederjupe und ein gestricktes graues Oberteil, wahrscheinlich hochmodisch - das merkt sogar ein Modemuffel - , und irre schicke Künzli-Schuhe. Obwohl nur - grob geschätzt - 160 Zentimeter «lang», verzichtet sie auf höhere Absätze und wirkt irgendwie doch viel grösser. Wieso, wird erst später klar: Sie schmückt sich mit nichts, das aufgesetzt ist: Keine künstliche Haarfarbe, keine derzeit gefragten Plateauschuhe und keine Floskeln, die man gar nicht mehr hören mag. So sagt sie - beispielsweise - nicht: «Bei uns ist der Mensch im Mittelpunkt.»

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Sie liefert gleich beim Eintritt in ihr Büro den Beweis dafür, weil sie entdeckt hat, dass eine Fotografin dabei ist und nicht alle Schuhe aus der jüngsten Kollektion in den Gestellen liegen. In einem liebenswürdigen Ton bittet sie eine Mitarbeiterin, die vorher gerade damit beschäftigt war, Pakete zu schnüren, mit denen Künzli-Schuhe in alle Welt versendet werden, noch rasch die Kollektion zu erneuern.

Esther Hinden schaut ihre Chefin nur kurz an, lässt alles stehen und lächelt, obwohl sie bestimmt unter grossem Zeitdruck ist. Auch die Hauswartin, die den Weg ins Büro gewiesen hat, strahlt, als der Name Frau Artmann fällt. «Ah si, die Signora? Dort um die Türe links. Sie ist eine gute Frau und sorgt dafür, dass wir in Windisch Arbeitsplätze haben, die sonst verschwunden wären.»

«Du bist wohl übergeschnappt»

In Windisch arbeiten können. Das gilt nicht nur für die Hauswartin, sondern auch für Artmann, die eine spezielle Karriere hinter und bestimmt auch noch vor sich hat. Die studierte Psychologin hatte ein Auge auf dieses Schweizer Produkt geworfen, das damals nicht eben erfolgreich am Markt operierte. Nach lukrativen Jobs in der Versicherungs- und Bankenwelt auf dem Finanzplatz Zürich wollte sie sich neu orientieren. «Wenn ich das noch 20 Jahre mache, krieg ich einen Vogel», sagte sie einmal in einem Interview. Recht kühn.

Aber sie nahm dieses Zitat auf sich, liess es nicht dementieren und warf ein Auge auf das 1927 gegründete Unternehmen in Windisch, das immer wieder mit innovativen Produkten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Und kaufte es. Man muss sich schon an die Stirn greifen, um das zu begreifen. «Eine Schuhfabrik in der Schweiz kaufen, du bist wohl übergeschnappt?», sagten wohlmeinende Bekannte. Sie hat den Schritt gewagt und strahlt.

Draussen im Vorraum verpackt Esther Hinden weiter Künzli-Schuhe, nicht nur solche, die von Trendsettern getragen werden, sondern auch solche, die einst den Orthopädie-Bereich revolutioniert haben. Sie lacht lauthals, als ihr erzählt wird, dass man selber beim letzten Bänderriss nach einem Zusammenstoss mit einem wildwütigen Snowboarder noch einen Gips- und dann einen Hartplastikverband tragen musste. «Das darf doch nicht wahr sein», sagt sie und verweist auf ein anderes Gestell, das mittlerweile in ihrem Büro-, Abstell- und Showroom umgestellt worden ist.

Nutzen für die Wirtschaft

Hier steht jetzt das, was man eigentlich damals gerne gegen unbequeme Beinschienen eingetauscht hätte. «Auch bei den Ortho-Schuhen haben wir Innovatives.» Und sie angelt eine «Ortho Sandale», ein ausgeklügeltes Modell, aus dem Gestell. «Nicht nur für heisse Sommer, sondern auch für neue medizinische Indikationen.» Und Artmann hat ihre Vorstellungen. «Wenn Menschen, die am Fuss verletzt sind, dank unserer Schuhe eine Woche früher wieder zur Arbeit gehen können, ist der volkswirtschaftliche Nutzen doch immens.» Und dass ein solch cleverer Gesundheitsschuh auch noch trendy aussehen muss, darüber muss man sich mit ihr gar nicht erst unterhalten. Alles klar für jene, die noch in einem Gips oder mit Krücken herumhumpeln?

Nun stellt sich einfach eine Frage: Wie wächst eine Frau auf, die sich in einer harten Männerwelt behaupten muss? Nicht zu reden von der schweizerischen Schuhindustrie, die praktisch auf den Felgen - im wortwörtlichen Sinn - läuft? Barbara Artmann ist in Oberammergau geboren worden. Dort, wo sich ein Dorf von Laienschauspielern vor der nächsten Aufführung des Passionsspiels seine Bart- und Haupthaare wachsen lassen muss. «Klar, ich war auch dabei, allerdings nur als Fussvolk», sagt Barbara Artmann und verweist auf ein kleines Foto in ihrem Büro. Oberammergau wie es leibt und lebt.

Und da sagen uns neue Pisa- und ETH-Studien, dass in ländlichen Gegenden keine Führungskräfte gedeihen können? Artmann erzählt, das Besondere an dem Dorf sei der Charakter seiner Bewohner, bodenständig und eigensinnig, weltoffen und kulturverbunden. Dennoch, der Schritt von der Welt der Heilandsandalen zu den Künzli-Schuhen ist gewöhnungsbedürftig.

Kampf um die fünf Streifen

Sie hat sich kein leichtes Geschäft ausgesucht, die ehemalige Laiendarstellerin in Oberammergau, steckte eigenes Kapital in ein Unternehmen, dem damals kaum jemand Zukunftschancen gab. Ausser der Aargauischen Kantonalbank. Diese war im Krisenjahr 2003 bereit, ihr unter die Schulter zu greifen. Das verhehlt sie auch nicht und will sich - trotz des derzeitigen Erfolgs - nicht mit fremden Federn schmücken.

«Ich war ein nettes, kleines, blondes Mädchen», sagt sie zwischendurch. Aber wer sich länger mit ihr unterhält, erahnt sofort, dass sie - möglicherweise - auch Haare auf den Zähnen haben kann. Andererseits: Sie hat erkannt, dass der Standort Schweiz nicht nur ihre Überzeugung widerspiegelt, sondern auch eine Swissness-Chance bietet.

Dafür hat sie aber auch einstecken müssen - in einem spektakulären Prozess, den sie gewonnen hat. Sie kämpfte gegen einen amerikanischen Goliath, K-Swiss, der aus einem «Ableger» von Künzli hervorgegangen ist. Weil die Schweizer die fünf Streifen erfunden haben und K-Swiss nicht in der Schweiz, sondern in China produziert wird, bekam die kleine Schweizer Firma der streitbaren Lady Recht. In die Schweiz jedenfalls dürfen Schuhe unter diesem irreführenden Label nicht mehr importiert werden.

Wenn etwas nach dieser Begegnung zurückbleibt, ist es dies: Barbara Artmann, die quirlige Deutsche aus Bayern, macht vor, wie man es als Frau und Deutsche an die Spitze einer Schweizer Unternehmung schafft.