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Brexit
EMA zieht um: Ein riskantes Spiel

EMA-London
EMA-Gebäude in London: Kaum eingezogen, geht's nach Amsterdam.Quelle: Keystone

Der Brexit wird womöglich nie stattfinden. Doch Bankenaufsicht und Arzneimittelbehörde werden fristgerecht von London abgezogen. Koste es, was es wolle.

Kommentar  
Von Seraina Gross
am 22.11.2017

Brexit – das Wort bringt selbst gestandene Wirtschaftsleute zur Verzweiflung. Der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union ist eine Hängepartie. Ausgang ungewiss. Das Szenario, dass er vielleicht gar nie passieren wird, wird wahrscheinlicher. Selbst den britischen Bauern dämmert inzwischen, dass sie auf die polnischen Landarbeiter angewiesen sind.

Nur in der EU gibt man unverdrossen Vollgas – als ob der Austritt Grossbritanniens gesetzt wäre. Dieser Tage wurde entschieden: Die Bankenaufsicht geht nach Paris, Amsterdam bekommt die europäische Arzneimittelbehörde ( EMA).

Zum Glück nicht Rumänien

Das Motto: Die EMA muss weg aus London. Egal, dass sie dort erst vor ein paar Jahren einen brandneuen Glaspalast bezogen hat und in langfristigen Mietverträgen steckt. Egal, wenn die Verlegung zu Verzögerungen bei der Zulassung von Medikamenten führen wird und die europäischen Patienten deswegen länger auf möglicherweise lebenswichtige neue Behandlungsmethoden warten müssen. Hauptsache, die Behörde steht am richtigen Ort. Koste es, was es wolle.

Immerhin: Der mehrstufige Abstimmungsmodus war offenbar genügend wasserfest, um eine Verlegung der EMA nach Bukarest oder Helsinki zu verhindern. Damit wir uns richtig verstehen: Rumänien und Finnland verdienen allen Respekt. Aber eine Agentur wie die EMA lässt sich nun einmal nicht auf der grünen Wiese bauen.

Desaster verhindert

Es war abenteuerlich, dass die Kandidaturen überhaupt im Rennen waren. Eine Zulassungsbehörde braucht die Nähe zu einem pharmazeutischen Cluster, wenn sie die Leute rekrutieren können soll, die sie braucht, wenn sie mit der personell und finanziell hoch aufgerüsteten Industrie auf Augenhöhe verhandeln soll und dabei die Interessen einer guten Gesundheitsversorgung wahrnehmen soll. Mit der Wahl von Amsterdam ist es noch einmal gut gegangen. Doch es hätte genau so gut zum Desaster kommen können.

Die biomedizinische Forschung eilt von Meilenstein zu Meilenstein. Da braucht es Zulassungsbehörden, die mithalten können. Die amerikanische Zulassungsbehörde hat mit der Nomination von Scott Gottlieb durch Donald Trump eben nochmals stark an Statur gewonnen. Die Industrie jedenfalls ist des Lobes voll. Die FDA sei unter Gottlieb schneller, flexibler und transparenter geworden, heisst es.  Europa aber leistet sich eine Verlegung, welche die Funktionsfähigkeit der Behörde in Frage stellt und damit letztlich die Gesundheitsversorgung gefährdet. Trump mag eine Menge Mist twittern; einen solchen Nonsense wie die Europäer hat er sich bei der Pharmaregulierung bis jetzt aber nicht geleistet.

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