Hat er geahnt, dass er in wenigen Tagen seine Stelle los sein würde? Jedenfalls wirkte UBS-Chef Marcel Rohner extrem nervös, als er am Abend des 24. Februar auf dem Sofa des SF1-«Club» Platz nahm. Thema war die Zukunft des Bankgeheimnisses. Rohner wand sich, wirkte hölzern, suchte nach Worten. Doch ein Detail fiel besonders auf: Er nahm ausser «Management» kein einziges englisches Wort in den Mund. Sogar die von Seinesgleichen oft angesprochenen «Stakeholder» kamen ihm nicht über die Lippen. Stattdessen sprach der UBS-Chef auffallend beharrlich von «Anspruchsgruppen».

Bockmist statt Bullshit

Eine Kleinigkeit? Sicher, aber eine, die auf einen grossen Trend hindeutet. «Es findet eine Rückbesinnung auf den deutschen Sprachgebrauch statt», diagnostiziert Hans Rudolf Jost. Er muss es wissen: Der Berater für Change Management, der in Zürich und Berlin wohnt, verkehrt tagtäglich in den Teppichetagen und hat zur Sprache an der Spitze nun ein Buch geschrieben; es ist soeben erschienen und trägt den vielsagenden Titel «Best of Bullshit». Dass statt des «Bullshit» immer häufiger guter alter «Bockmist» gefragt ist, merkt Jost täglich. «Wir wurden schon mehrfach gebeten, bei einer Präsentation auf Geschäftsleitungsebene keine Anglizismen zu verwenden.»

Die Zeiten, in denen Firmenlenker öffentlich das Hohelied auf den «Shareholder Value» sangen oder «Global Player» sein wollten, neigen sich anscheinend dem Ende zu. Wenn heute ein Top-Manager das Podium erklimmt, spricht er wieder seine Muttersprache. «Englisch gilt als Zeichen des Versagens», begründet Walter Krämer, Statistikprofessor und Deutschlands bekanntester Sprachkritiker. Sein Argument: Wer wollte heute nach der weltweiten Finanzkrise noch die Sprache der Wall Street sprechen, also jener Menschen, die das ganze Debakel verursacht haben? Deshalb pauken die Kommunikationsabteilungen derzeit mit ihren englischen Patienten eine wichtige Lektion: No English, please!

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Auch Peter Löscher, Chef von Siemens und gebürtiger Österreicher, wird sie in Zukunft wohl beherzigen. Auf der letzten Hauptversammlung im Januar las ihm nämlich ein Kleinaktionär die Leviten. Minutenlang traktierte er den Vorstandsvorsitzenden mit Angelsächsischem aus seinem eigenen Geschäftsbericht, mit «People Excellence», «Equity Investments» oder «Performance». Danach gab Löscher etwas hilflos zu, dass die Anglizismen wohl überhand genommen hätten, und folgerte: «Das ist eine Aufgabe für die Kommunikationsabteilung.»

Ausgestorben ist das alte Business-Denglisch freilich noch nicht. Hier und da wird noch über «Quick Wins» geschwafelt, sich «committet» oder der seit Obama so beliebte «Change» beschworen. Doch diese Begriffe zu verwenden gilt nicht mehr als schick. «So spricht höchstens noch das mittlere Management», urteilt ein Insider. Anders ausgedrückt: Wer noch den Begriff «High Potential» in den Mund nimmt, ist selbst wahrscheinlich keiner.

Führungspersonal, das schon immer bemüht war, jargonfrei zu sprechen, arbeitet der Trend in die Hände: Manager wie Ulrich Gygi, Verwaltungsratspräsident der SBB, oder Hansueli Loosli von der Coop müssen nicht umdenken. Aber selbst diese überzeugten Muttersprachler haben noch einen langen Weg vor sich, zumindest im Vergleich mit Götz Werner. Der Gründer der deutschen Drogeriemarktkette DM führt perfekt den zukünftigen Sprachstil vor. Wann immer der 65-Jährige hinter das Rednerpult tritt, können die anwesenden Finanzjournalisten ihren Block getrost beiseite legen. Denn Worte wie «Gewinn» oder «Umsatz» nimmt Werner nur selten in den Mund, obwohl er das bei 4,7 Mrd Euro Umsatz durchaus könnte. Stattdessen erfährt das Publikum, dass «die Betriebswirtschaft das organisierte Miteinander-Füreinander-Leisten» ist.

Mit diesem predigthaften Stil steht Werner für einen zweiten Trend im Manager-Jargon: Die Abkehr von harten Finanzvokabeln. «Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind Schlüsselworte geworden», sagt Unternehmensberater Jost aus Zürich, «das war noch vor einem Jahr anders.» Statt über Expansionspläne sprechen Chefs heute lieber über Ethik, Klimaschutz und Armutsbekämpfung.

Nur ein englischer Begriff darf noch auftauchen: «Corporate Social Responsibility». Kaum ein CEO lässt es in Vorträgen und Interviews aus, zu betonen, wie sozial verantwortlich sein Unternehmen handelt. «Bei mancher Rede fragt man sich, ob das Unternehmen überhaupt noch Geld verdienen will», schmunzelt Stephan A. Jansen, Präsident der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee.

Der 37-jährige Professor kennt die Sprache der Chefs gut, weil er sie gerne zu Vorträgen einlädt. Dass in den Reden das nüchterne Business-Englisch an Boden verliert, beobachtet er schon länger. Stattdessen klängen nicht wenige Top-Manager mittlerweile wie Kirchenmänner.

Alles ist falsch

Aber warum? Professor Jansen hat dafür eine einfache Erklärung: «Führungskräfte in einer Mediengesellschaft können nichts mehr richtig sagen.» Die Argumentation: In Zeiten allgegenwärtiger Information lauert hinter jedem offenen Wort ein potenzielles Fettnäpfchen.

Lobt der Chef zum Beispiel den guten Gewinn, murren die Kunden, weil sie sich geschröpft fühlen. Verweist er auf den hohen Aktienkurs, wird ihm Shareholder-Value-Denken nachgesagt. Stellt man neue Mitarbeiter ein, beschweren sich die Aktionäre, weil sie lieber eine Dividende hätten.

Aus diesem Paradoxon gebe es nur einen Ausweg: «Es wird die Schmierseife des Sozialen aufgetragen», so Jansens These. Dabei hoffen die Manager natürlich, selbst wie ein Stück Seife zu werden: Eben nicht zu fassen.