Ein Handicap ist kein Handicap. Sondern eher Türöffner für 65000 bis 70000 Schweizer, die Golf als attraktive Freizeitbetätigung entdeckt haben. Aber auch als Plattform für Beziehungspflege nutzen wollen. Netzwerken lässt sich, gezielt wie spontan, hervorragend auf den Tees (Abschlag), den Fairways (Spielbahnen) und den Greens (Rasenfläche/Loch). Noch besser aber dort, wo nach der 18-Loch-Runde auf das Score (Spielergebnis) angestossen wird: Im Klubhaus-Restaurant, auch das 19. Loch genannt. Die gemeinsame Sprache erleichtert die Kontaktnahme und -pflege. Hier, nach der vier- bis fünfstündigen Runde, entscheidet sich fast alles. Ob man später eine weitere Runde zusammen spielt, ob man andere gemeinsame Interessen verfolgt oder ob man gar beruflich-geschäftlich voneinander profitieren kann.

Letzteres darf allerdings nicht überschätzt werden. Hans-Dieter Cleven (65), ehemaliger Manager und Aufsichtsrat des deutschen Handelskonzerns Metro mit heutigem Wohnsitz im Kanton Zug, Golfspieler im GC Ennetsee bei Rotkreuz ZG und zudem Mitbesitzer der grössten deutschen Golfanlage in Bad Griesbach, dämpft die Erwartungen an Golf als Networking-Plattform: «Ich gehe Golfen wegen des Sports und nicht wegen der Kontaktpflege.»

Auch Stephan Vögeli, Managing Director beim Schweizer Importeur der britischen Autonobelmarke Jaguar Land Rover, weiss wenig von Geschäften, die direkt auf dem Golfplatz abgeschlossen worden sind (siehe «Nachgefragt»). Vögeli gibt aber zu: «Golf lässt berufliche oder geschäftliche Interessen in die richtige Richtung lenken.»

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Die Turniere sind das A und O

Gemeinsam ist Cleven und Vögeli, dass sie, wenn auch mit unterschiedlichen Interessen, als Gastgeber von attraktiven Turnieren auftreten. Cleven propagiert, zusammen mit Ex-Tennisstar Boris Becker, mit Charity-Turnieren auf dem Dietschiberg bei Luzern (in Verbindung mit Konzertbesuch am Lucerne Festival) und in Deutschland die Ideale der Cleven-Becker-Stiftung (Förderung der aktiven und kreativen Lebensgestaltung von Kindern in Bildung, Sport und Kultur); Vögeli anderseits betreibt mit der Jaguar Swiss Golf Challenge seit 25 Jahren gezielte Kundenbindung.

Denn Turniere sind beliebt. An die 30 bis 40 organisiert fast jeder Klub zwischen März und Oktober; bei über 90 Vereinen sind das jährlich über 3000 Wettkämpfe. Profiteure sind nicht nur die Gastgeber/Turnierorganisatoren, sondern auch die Klubs: Turniere mit 100 bis 120 Teilnehmern sorgen für willkommenen Zusatzumsatz. Denn längst nicht alle Golfplatzbetreiber steuern sorgenfrei in die Zukunft. Im Zeichen der Individualisierung unserer Gesellschaft verzichten vielfach junge Golfer und Golferinnen auf eine traditionelle Klubmitgliedschaft. Eintrittsgebühren in der Höhe eines Mittelklasse-Personenwagens sind nicht jedermanns/jederfraus Sache. Damit aber fehlt den Klubs Geld für deren Weiterentwicklung, für Sanierungen, für Ausbauten usw.

Golf geht in die Breite, aber …

Die Popularisierung des Golfsports, in die Wege geleitet durch die Migros mit ihren Public-Anlagen, wird nicht überall goutiert. Golf-Puristen trauern etwa dem Blazer- und Krawattenzwang nach. Andere hingegen sagen dem Golf eine ähnliche Entwicklung voraus, wie diese Tennis vor 20 Jahren erlebt hatte. Interessenten sei allerdings ins Buch geschrieben: Golf ist eine vom Bewegungsablauf her höchst komplizierte und schwierige Disziplin, Golf ist zeitintensiv – und Golf wird trotz Discount-Angeboten einzelner Anbieter nie ein günstiger Breitensport.